Umstrittene Hygieneartikel Geschäfte verdoppeln Absatz von Handdesinfektionsmitteln fast 

Desinfektionssprays, Hygienetücher und antibakterielle Gels: Laut einer Studie hat der Handel seinen Umsatz mit Handdesinfektionsmitteln deutlich gesteigert. Dabei zweifeln Ärzte an der Notwendigkeit der Produkte.

Desinfektionstücher sind ein Verkaufsschlager
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Desinfektionstücher sind ein Verkaufsschlager


Sie versprechen, "99,9 Prozent" der Bakterien abzutöten: Desinfektionsmittel für die Hände liegen in allen Farben, Formen und Größen in den Läden. Einer Studie des Marktforschungsunternehmens Nielsen zufolge ist der Umsatz, den Anbieter in Deutschland mit den Produkten machen, zuletzt deutlich gestiegen.

Von Mitte 2014 bis Mitte 2015 setzten Geschäfte noch 18,2 Millionen Euro damit um; von 2016 bis 2017 waren es 31,2 Millionen. Das entspricht einem Plus von 71,2 Prozent. Besonders stark legten Discounter zu: Sie verdreifachten ihren Umsatz auf 6,3 Millionen Euro. Die absolute Zahl an verkauften Packungen stieg um 68 Prozent auf 21,1 Millionen Stück.

Besonders während der Hauptreisezeit steigt die Nachfrage. Ärzte sind von der Wirksamkeit der Hygieneprodukte allerdings alles andere als überzeugt. "Für den Heimbedarf eines gesunden Menschen sind Desinfektionsmittel weitestgehend überflüssig", sagt der ärztliche Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg, Ernst Tabori.

Man werde nicht gesünder, wenn man Desinfektionsmittel benutzt. Dem Arzt zufolge können sich Verbraucher das Geld sparen: "Das ist für die Hersteller ein gutes Geschäft." Tatsächlich sind Desinfektionsprodukte auf den Liter gerechnet teuer. In einem Drogeriegeschäft kosten Spray und Gel in handlicher Probiergröße (je 50 Milliliter) 1,99 Euro - herkömmliche Flüssigseife (500 Milliliter) dagegen nur 55 Cent.

Und genau die reicht im Alltag laut Ernst Tabori aus: "Nicht das Mittel ist entscheidend, sondern die konsequente und korrekte Durchführung". Er geht sogar einen Schritt weiter und sieht Desinfektionsmittel in bestimmten Fällen als Gefahr für die Gesundheit. "Vor allem für empfindliche Leute und Menschen mit einer Neigung zu Allergien ist die unbegründete Anwendung von Desinfektionsmitteln nicht ratsam." Die Folge könnten Allergien und Ekzeme sein.

kae/dpa



insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
Emmi 15.08.2017
1. Resistenzen!?
Entwickeln Bakterien nicht auch Resistenzen gegen Desinfektionsmittel, wenn man sie zu exzessiv einsetzt? Ähnlich wie bei Antibiotika?
fatherted98 15.08.2017
2. Handdesinfektionsmittel....
Zitat von EmmiEntwickeln Bakterien nicht auch Resistenzen gegen Desinfektionsmittel, wenn man sie zu exzessiv einsetzt? Ähnlich wie bei Antibiotika?
...beruhen zum Großteil auf einem hohen Alkoholanteil (deshalb brennen sie auch bei offenen Wunden oder in Schleimhäuten). Insofern werden die Bakterien höchstens besoffen aber nicht resistent. (Die letzte Bemerkung war ein Scherz).
pauleschnueter 15.08.2017
3.
Erstmal danke für den kritischen Artikel. Ich möchte nur eines hinzufügen, was in der Formulierung des Teaser-Textes leider etwas falsch rüberkommt. "Ärzte zweifeln an Wirksamkeit" hätte klarer formuliert werden müssen als: Wirksamkeit ist de facto nicht gegeben. Offen bleibt die Frage, ob das regelmäßige Händeabwischen indirekte positive Effekte hat, z.B., weil dadurch die Achtsamkeit der Leute steigt, sich nicht mit ungewaschenen Fingern in die Augen zu fassen oder in der Nase zu bohren u.s.w. Allerdings ebenso offen ist natürlich die Frage wie es mit möglichen Folgen für die solchermaßen dauergestresste Haut aussieht.
MartinS. 15.08.2017
4.
Zitat von pauleschnueterErstmal danke für den kritischen Artikel. Ich möchte nur eines hinzufügen, was in der Formulierung des Teaser-Textes leider etwas falsch rüberkommt. "Ärzte zweifeln an Wirksamkeit" hätte klarer formuliert werden müssen als: Wirksamkeit ist de facto nicht gegeben. Offen bleibt die Frage, ob das regelmäßige Händeabwischen indirekte positive Effekte hat, z.B., weil dadurch die Achtsamkeit der Leute steigt, sich nicht mit ungewaschenen Fingern in die Augen zu fassen oder in der Nase zu bohren u.s.w. Allerdings ebenso offen ist natürlich die Frage wie es mit möglichen Folgen für die solchermaßen dauergestresste Haut aussieht.
Offen ist auch die Frage, ob ein überbehüteter Körper nur noch ein mangelhaftes Immunsystem ausbildet. Ich habs ja eher mit der Theorie, dass man auch mal ordentlich im Dreck spielen muss, so dass der Körper nicht vollkommen überrascht wird, wenn er nicht alles vorher desinfiziert bekommt. Heutzutage bekommen die Leute doch schon Durchfall, wenn sie nur ne Kartoffel vom Acker ansehen... allein der Gedanke, dass Essen größtenteils aus dem Dreck kommt und schlichtweg nicht steril ist, wird doch mittlerweile als widerlich angesehen.
priscaya 15.08.2017
5.
und wieder so ein BILDender Artikel, der überhaupt nichts sagt. Ärzte zweifeln. Ärzte welcher Fachrichtungen? Gibt es Tests oder Forschungsergebnisse? Sind sie unter bestimmten Bedingungen nicht besser als gar nichts, zB während der winterlichen Grippewelle, wenn man wieder ins Auto steigt und ein Waschbecken nicht zur Standardausführung gehört? Übrigens soll auch die Reinigungskraft von Flüssigseifen schlechter als die von festen Seifen sein und die von kalt besser als die im Heißverfahren hergestellten.
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