Versicherungen Warum Sie auf eine Unfallpolice verzichten können

Fast 26 Millionen Menschen in Deutschland haben eine Unfallversicherung. Die wenigsten aber wissen: Die Police greift nur in seltenen Fällen. Was sind die Alternativen?

Fensterputzer bei der Arbeit (Archivbild)
imago/Frank Sorge

Fensterputzer bei der Arbeit (Archivbild)

Eine Kolumne von


Die Unfallversicherung war Teil des Raubzugs im Osten. Des Raubzugs der Versicherungsvertriebe nach der Wiedervereinigung 1990 bei einer Bevölkerung, die diese Art von Verkaufsgesprächen nicht gewohnt war. Und die noch weniger Ahnung von den Provisionsmodellen hatte, mit denen die Vertriebsvorstände vieler Versicherer ihre Mannschaften an den Start schickten.

Lag die Zahl der Verträge im Jahr 1985 für die 60 Millionen Westdeutschen bei 17,6 Millionen, waren es im Jahr 2000 schon 29 Millionen Verträge für knapp 80 Millionen Deutsche. Sprich: nur ein Drittel mehr Einwohner, aber zwei Drittel mehr Verträge.

Die private Unfallversicherung war und ist für solche Verkaufserfolge besonders geeignet. Denn sie gaukelt vor, in schwierigen Lebenssituationen tatsächlich zu zahlen. Genau wie der Laie bei der Risikolebensversicherung versteht, okay, die zahlt, wenn ich tot bin, so denkt er bei der Unfallversicherung: Die zahlt, wenn ich einen Unfall habe.

Bloß, das tut sie in der Regel nicht.

Ein Unfall ist zwar die Voraussetzung, damit die Versicherung zahlt. Oder im Versicherungsdeutsch ausgedrückt: "Wenn der Versicherte durch ein plötzlich von außen auf seinen Körper einwirkendes Ereignis unfreiwillig eine Gesundheitsschädigung erleidet."

Die viel wichtigere Voraussetzung aber ist, dass der Schaden des Unfalls bleibend ist. Ein Beinbruch beim Skifahren genügt eben nicht. Das Bein muss hinterher schon ziemlich schief zusammenwachsen und eine wirkliche langjährige Beeinträchtigung erleiden. Und das passiert dann glücklicherweise doch ziemlich selten.

Dazu kommt: Passiert der Unfall bei der Arbeit oder in der Schule, ist ohnehin erst einmal die gesetzliche Unfallversicherung zuständig. Die zahlt tatsächlich für Behandlung und Reha und gibt jedes Jahr viermal so viel Geld aus wie alle privaten Unfallversicherer zusammen. Bei einem bleibenden Schaden zahlt sie auch - und die private Unfallversicherung zusätzlich.

Wie wahrscheinlich ist der bleibende Schaden?

Wie wahrscheinlich ist denn der bleibende Schaden? Gerade einmal zwei Prozent aller Schwerbehinderungen gehen auf Unfälle zurück, das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Rund 85 Prozent auf Krankheiten.

Bevor sie jetzt sagen, da sind ja die Alten und Gebrechlichen mit eingerechnet: 91 Prozent aller Berufsunfähigkeiten gehen auf Krankheiten zurück und nur neun Prozent auf Unfälle, sagen die Versicherungsanalytiker von Morgen & Morgen.

Und trotzdem haben die Kunden in Deutschland aktuell 25,6 Millionen Unfallversicherungen im Ordner. Knapp 800.000 Schadensfälle behandeln die Unfallversicherer im Jahr.

Rund 3,3 Milliarden Euro haben sie dafür 2016 ausgegeben. Gut 4000 Euro pro Schadensfall - nicht gerade viel für einen bleibenden Gesundheitsschaden.

Dabei mangelt es den Unfallversicherern nicht an Geld. Nur die Hälfte aller eingenommenen Beiträge werden für Zahlungen an Kunden ausgegeben. 6,45 Milliarden Euro betrugen die Beitragseinnahmen 2016.

Zum Vergleich: In der Kfz-Haftpflicht geben die Unternehmen mehr als 90 Prozent der Beitragseinnahmen für die Begleichung von Schäden aus.

Was folgt daraus für Sie?

  • Erstens - Sie sollten erst das viel größere Risiko ausschließen, durch Krankheit wirtschaftlich ruiniert zu werden. Das sagt sogar die Versicherungsaufsicht in ihrem Text zur Unfallversicherung. Schließen Sie also keine Unfallversicherung ab, bevor sie nicht versucht haben, sich mit einer Berufsunfähigkeitsversicherung umfassend abzusichern.
  • Auch die gängigen Alternativen zur Berufsunfähigkeitsversicherung sind zur Absicherung der Risiken meist besser geeignet als die Unfallversicherung .
  • Wenn Sie am Ende dann doch zum Ergebnis kommen, dass eine Unfallversicherung die beste verfügbare Lösung ist, achten Sie darauf, dass der Preis nicht zu hoch ist und die Gliedertaxe vorteilhaft. Gliedertaxe ist die Regel, nach der die Versicherer bestimmen, wie viel Geld es zum Beispiel für den Verlust des Gehörs auf einem Ohr oder einen abgetrennten Finger gibt.
Haftpflicht, Rente, Zahnersatz

Selbst für Kinder ist eine Unfallversicherung nicht die erste Wahl. Auch hier gilt: Eher behält ein Kind eine bleibende Behinderung durch eine Krankheit zurück als durch einen Unfall.

Meine Empfehlung: Als Berufstätiger also zuerst eine Berufsunfähigkeitsversicherung, für die Kinder eher eine Kinderinvaliditätsversicherung abschließen. Gute Policen für Kinder leisten lebenslang eine monatliche Rente. Und weil die Berufsunfähigkeitsabsicherung schwer zu bekommen ist, liegt hier tatsächlich auch die Aufgabe für qualifizierte Makler: Den Kunden den bestmöglichen bezahlbaren Schutz zu besorgen für den Fall, dass man aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann - auch und gerade in Ostdeutschland.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 16.09.2017
1.
Ich hab eine Unfallversicherung, die mit 65 Euro pro Jahr nicht allzu teuer ist. Vor einiger Zeit habe ich mal im Rahmen eines Softwareprojekts bei einer großen deutschen Versicherung mit der Schadensabwicklung bei der Unfallversicherung zu tun gehabt. Ich war ziemlich überrascht, dass man selbst bei bleibenden Schäden oft nur ein paar hundert oder tausend Euro bekommt. Da stellt dann ein Gutachter die Schwere des Schadens fest, was dann einer Einstufung zB "ein Fünftel Arm" resultiert, dh man bekommt dann 20% der für "Arm " festgelegten Versicherungsleistung. Und das sind dann meist nur ein paar hundert oder maximal ein paar tausend Euro. Das ließ mich dann am Sinn meiner Unfallversicherung zweifeln. Die hat zwar 250.000 Euro Versicherungssumme, aber das ist dann ja eh nur hypothetisch. Eine BU-Versicherung habe ich nicht, denn die war mir schon immer viel zu teuer.
Paul-Merlin 16.09.2017
2. Der Beitrag ist Werbung für die Berufsunfähigkeitsversicherung
Grundlegender Vorteil einer Unfallversicherung ist der sehr niedrige Beitrag. Im Todesfall sind die Hinterbliebenen froh über jede Entlastung und für den Invaliditätsfall gilt das ebenso. Wer das sehr viel weitergehende Risiko einer Berufsufähigkeit absichern will muss sehr viel höhere Beiträge aufbringen. Leider gilt hier, dass die Versicherungen sich die höheren Risiken bei körperlich anstrengenden Arbeiten teuer vergüten lassen. Risikoarme Bürojobs sind preisgünstiger, aber hier stellt sich dann schon die Frage, ob sich der Versicherungsabschluss lohnt. Erfreulicherweise schaffen es die meisten MItbürger ohne Inanspruchnahme einer Berufsunfallversicherung in den Ruhestand und würden dann ganz umsonst erhebliche Summen an die BU-Versicherung abdrücken.
ausderfinanzbranche 16.09.2017
3. Wenn ich so etwas wieder lesen muss!
Herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel! Da spricht der Fachmann der tagtäglich draußen beim Kunden ist. Das ich nicht lache. Mag schon sein das ein Gesellschaft an einer Unfallversicherung Geld verdient! Tut Sie das nicht auch bei einer Rechtschutz und der BU? Und für Kinder nicht zwingend notwendig? Sie haben ja den Schuss nicht gehört, erzählen Sie das mal den Eltern denen Kind einen Schweren Unfall hatte und dauerhaft geschädigt ist und dies nicht auf dem Weg in den Kindergarten/Schule! Gleiches gilt für die Gesetzliche Unfallversicherung für Arbeitnehmer. Welche Chance / Zunkunft hat das Kind noch? Wer zahlt Finanziell? Auch wenn die Eltern mal nicht mehr da sind? Und was ist mit einer Unfallversicherung bei Selbständigen? Wer kann sich mit einer hohen Berufsgruppe im Bereich der BU den die richtige Absicherung leisten? Die wenigsten. Theorie Theorie Theorie!
ich-geb-auf 16.09.2017
4. Kann ich bestätigen - Versicherung zahlte nicht..
Hatte eine Unfallversicherung mit Krankenhaustagegeld, pro Tag KH wurden mir da 100€ zugesichert. Als ich wegen eines Bauchnabelbruchs (passiert beim Sport also Unfall) operiert werden musste und 7 Tage im Krankenhaus war, wurden mir die 700€ verweigert, da im Kleingedruckten "Bauchnabelbrüche und Leistenbrüche ausgeschlossen sind, ausser sie werden durch 3. verursacht" Toll dachte ich und hab die Versicherung gleich gekündigt.
swarf 16.09.2017
5. In Teilen sogar korrekt,
was mich bei Herrn Tenhagen doch wundert. Die bessere Absicherung ist die BU (Berufsunfähigkeitsversicherung). Es rechnet aber kaum ein Mensch damit, dass es tatsächlich ihn trifft und nicht immer nur die anderen. Wenn man dann doch ins Grübeln kommt, hat das meist einen Grund: dann rechnet man mit gesundheitlichen Problemen. Und dann ist es zu spät. Ein brennendes Haus ist halt nicht mehr zu versichern. Man also schon in jungen Jahren den Schutz abschließen. Da halten sich aber viele für unsterblich. Hat man Vorerkrankungen, geht es gar nicht oder es wird teuer; ist man älter, wird es teuer. Viele sind nicht bereit, den Preis für eine BU zu zahlen. Eine Unfallversicherung ist günster, bei geringerem Schutz. Es stimmt nicht, dass die gesetzliche Unfallversicherung zählt. Es ist hart, die Kriterien dafür zu erfüllen. Auch die Leistungen für Rente sind nicht ausreichend. Es gibt kaum Geld für Umbauten oder behindertengerechtes Auto. BU ist besser, eine Unfallversicherung nicht überflüssig.
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