Aktionärswut bei Vapiano Pizza, Pech und Pannen

Die kriselnde Restaurantkette Vapiano lädt zur Hauptversammlung. Dort treffen wütende Anleger auf einen Chef, der schon auf dem Absprung ist. Immerhin: Ein großer Investor glaubt noch an das Gastro-Konzept.

Vapiano-Restaurant in Rotterdam: Börsenwert um 80 Prozent gesunken
Jochen Tack/ imago images

Vapiano-Restaurant in Rotterdam: Börsenwert um 80 Prozent gesunken

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Vapiano-Aktionäre dürften schlechte Nachrichten inzwischen gewohnt sein. Doch kurz vor der Hauptversammlung an diesem Mittwoch gab es einen besonders herben Dämpfer: Vorstandschef Cornelius Everke teilte mit, er werde die Restaurantkette bereits zum Monatsende verlassen. Prompt rutschte die Vapiano-Aktie noch weiter ab. Seit dem Börsenstart 2017 hat sie mehr als 80 Prozent ihres Werts verloren.

Dabei führt Everke Vapiano erst seit Dezember. Er sollte die angeschlagene Kette nach ihrer zu schnellen Expansion und Problemen auf dem Heimatmarkt Deutschland wieder auf Vordermann bringen. Der Schuldenberg ist hoch: Bei einem Umsatz von 372 Millionen Euro machte Vapiano 2018 einen Verlust von 101 Millionen Euro.

Für die Sanierung braucht Vapiano Geld, das Everke unter anderem mit einem Verkauf des US-Geschäfts einholen wollte. Die dort derzeit sechs Restaurants sollten für 20 Millionen Dollar an den kalifornischen Dienstleister Plutos Sama gehen. Doch der Käufer zahlte nicht, wie Vapiano am Freitag bekannt gab. Kurz darauf wurde dann auch Everkes Abgang verkündet. Nun braucht Vapiano nicht nur einen neuen Käufer für die US-Restaurants, sondern auch einen neuen Chef.

Großaktionär: "Erwarte von einem Chef Standfestigkeit"

"Ich habe wenig Verständnis für seine aktuelle Entscheidung", sagt Investor Hans-Joachim Sander zu Everkes Abgang. Sander ist einer von drei Großaktionären bei Vapiano und hält mit seiner Frau, der Wella-Erbin Gisa Sander, mehr als 15 Prozent der Unternehmensanteile. "Wenn man bereit ist und sich verpflichtet, für ein Unternehmen in einer schwierigen Situation an der Spitze Verantwortung zu übernehmen, dann erwarte ich von der entsprechenden Person Standfestigkeit."

Er habe sich schon über die Ernennung Everkes "gewundert", sagt Sander, denn der Manager sei zu dem Zeitpunkt erst seit etwa einem halben Jahr im Unternehmen gewesen. Everke sei in seiner ersten Position unter anderem für das operative Geschäft in Schweden und den Niederlanden zuständig gewesen, das schwächelte. Seine Aufgabe war es, "den Turnaround zu schaffen. Leider ist ihm das nicht gelungen. Vielleicht hätte er mehr Zeit gebraucht."

Der Fonds Mayfair ist die Vermögensverwaltung der Tchibo-Erben Günter Herz und seiner Schwester Daniela. Die Wella-Erbin Gisa Sander ist mit ihrem Mann Hans-Joachim Sander durch Exchange Bio vertreten. Einer der Vapiano-Mitgründer, Gregor Gerlach, hält mit seiner Firma Vap Leipzig noch knapp 19 Prozent der Anteile.


Everke will den Aktionären auf der Hauptversammlung noch einmal Rede und Antwort stehen. Doch für die Lösung der Probleme ist dann jemand anders zuständig. Bis mindestens April 2020 übernimmt die bisherige Aufsichtsratschefin Vanessa Hall, immerhin eine erfahrene Gastronomie-Managerin, den Posten. Sie kommt laut einer Mitteilung des Unternehmens auch als "langfristige Nachfolgekandidatin" infrage.

Hall sei eine "exzellente Managerin", sagt Großaktionär Sander über die Britin. Er wisse aber nicht, ob sie zur deutschen Unternehmenskultur bei Vapiano passe. "Vapiano zu einem langfristig global operierenden Unternehmen zu machen, ist schon richtig. Aber ich hätte alles daran gesetzt, jemanden auszuwählen, der aktuell das Deutschlandgeschäft priorisiert." Für eine erfolgreiche Kommunikation und Motivation brauche es außerdem jemanden, der Deutsch auf Muttersprachniveau spreche.

Sander: "Hausgemachte Fehler abstellen"

Die Gastro-Kette muss nun schnell das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Laut dem Unternehmen gibt es bei der Zahl der Gäste einen leichten Rückgang um etwa ein Prozent. "Vapianos Erfolg hängt nun am Restrukturierungsprozess", sagt Sander. Bei grundsätzlichen Problemen in mehr als 20 Restaurants dürfe man sich nicht im Mikromanagement verheddern.

"Die Sanierung von Vapiano ist eine Herkulesaufgabe", sagt ein Branchenkenner. Im Zuge des Börsengangs hätten "Zahlenmenschen" bei Vapiano die Oberhand bekommen. 95 Prozent des Erfolgs mache in der Gastronomie aber das Management im Restaurant selbst aus. Wenn Service, Qualität und Atmosphäre nicht stimmten, dann liefen auch die Geschäfte schlecht.

Viele Gäste von Vapiano beschweren sich über lange Wartezeiten. Das Konzept sieht vor, dass der Kunde sich bei einem Koch anstellt, der das Essen vor den Augen des Gastes zubereitet. Der scheidende Chef Everke wollte die Wartezeiten durch eine schlankere Menükarte und bessere Arbeitsabläufe verkürzen (Lesen Sie hier eine Analyse zu Vapianos neuer Strategie). So wurde in Köln ein neues Bestellverfahren mit sogenannten Buzzern getestet. Damit können Gäste am Tisch sitzen, während sie auf ihr Essen warten. Laut Vapiano ist das Feedback positiv.

"Wir müssen den Gast wieder in den Fokus rücken und unsere hausgemachten Fehler abstellen", sagt Großaktionär Sander. Das sieht auch der Insider so. Die Kette habe in den vergangenen Jahren unvermindert expandiert, obwohl viele Standorte schon Probleme hatten. "Wenn ich expandiere, muss ich sicherstellen, dass die bestehenden Restaurants gut laufen. Aber bei Vapiano hat sich keiner mehr um die Baustellen gekümmert."

Hinzu komme, dass Gastronomie in Deutschland extrem herausfordernd sei. Die Kunden hätten zwar hohe Ansprüche, wollten aber nicht so viel Geld ausgeben. Und dann gebe es nicht zuletzt aufgrund des florierenden Jobmarktes nur wenig Fachpersonal.

Vapiano setzt auf Franchisenehmer

234 Restaurants hat Vapiano weltweit. An unprofitablen Standorten sollen im Zuge der Restrukturierung nun Restaurants geschlossen und die Expansion verlangsamt werden. Fünf Standorte wurden in diesem Jahr bereits aufgegeben, acht wurden neu eröffnet. "Gesundschrumpfen ist der richtige Weg", sagt der Insider. Er hält dem scheidenden Vapiano-Chef Everke zugute, viele Probleme richtig erkannt zu haben. Sein Weggang sei für Vapiano ein Rückschlag.

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Fotostrecke: So funktioniert Vapiano

Der scheidende Chef Everke wollte bei Neueröffnungen verstärkt auf Franchisenehmer setzen, um das Risiko für das Unternehmen zu minimieren. Auch Großaktionär Sander fordert das. "Um wieder sicher wachsen zu können, würde ich voll auf die Karte Franchise setzen", sagt er. "Damit binden wir weniger Kapital und lösen darüber hinaus ein massives Problem, denn es ist uns in unseren eigenen Restaurants nicht gelungen, ausreichend qualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren und nach Vapiano-Standards zu schulen." Franchisenehmer seien darin besser und hätten auch den Gast besser im Blick.

Wie reagieren die Großaktionäre?

Jetzt komme es auf die Anteilseigner an, sagt der Insider: "Sie müssen Geld reinstecken und auch auf Geld verzichten." Ein Schuldenschnitt würde Vapiano helfen. Oder die Restaurantkette werde gleich von der Börse genommen. "Die Anteilseigner müssen jetzt Geduld haben. Wenn sich ein gutes Team findet, kann es in drei bis vier Jahren wieder gut laufen."

Großaktionär Sander sagt: "Wenn die Restrukturierung jetzt konsequent umgesetzt wird, bin ich gern bereit, eine längere Durststrecke in Kauf zu nehmen." Auf der Hauptversammlung soll der Weg für eine Kapitalerhöhung in den kommenden Jahren zwar frei gemacht werden, Sander zufolge gibt es derzeit aber noch keine konkreten Pläne dafür. Bei einem Aktienkurs von vier Euro würde das wenig Sinn ergeben, sagt er. Langfristig zeigt sich der Investor aber offen, erneut Geld zuzuschießen. Es komme darauf an, dass der Vorstand bei Vapiano "eine deutliche Erholungsphase einleitet und die Verschuldung reduziert".

Auch für einen Schuldenschnitt oder den Rückzug von der Börse sieht Sander keinen Anlass. "Durch unsere Quartalsberichte sind wir angehalten, unsere Hausaufgaben zu machen", sagt der Investor. "Viele sagen: Die Berichte binden zu viele Ressourcen im Unternehmen. Ich finde, Vapiano tut es im Augenblick gut, zu wissen, wo wir stehen. Ich hatte den Eindruck, dass wir nicht nur bei den Zahlen in der Vergangenheit den Überblick verloren hatten."

Zusammengefasst: Schafft die kriselnde Restaurantkette Vapiano die Wende? Zuletzt gab es Rückschläge. Vorstandschef Cornelius Everke verlässt das Unternehmen nach nur acht Monaten an der Spitze, der Verkauf von Restaurants in den USA zerschlug sich. Insider legen dem Unternehmen nahe, unprofitable Standorte zu schließen, die Expansion zu drosseln und auf Franchisenehmer zu setzen.



insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 21.08.2019
1.
Ich verstehe nicht, warum niemand bei Vapiano das Konzept der Selbstbedienung grundsätzlich in Frage stellt. Denn das ist doch das Hauptproblem. Einige der Vapiano-Mitgründer haben ja schon vor längerem das Unternehmen verlassen, aus den Fehlern gelernt und dann die Kette L'Osteria aufgezogen, mit Bedienung am Tisch. Das läuft wohl wesentlich besser.
sven2016 21.08.2019
2. Vielleicht ist auch nur der Hype
des Neuen vorbei? Pizzerien wurden durch die Dönerangebote teilweise ersetzt, italienisches Anstellrestsurant ist vielleicht von gestern. Franchise kommt gerne dann zum Zug, wenn eine Kette sich der Umsätze nicht sicher ist. Das volle Risiko trägt dann der kleine Selbständige und die Bedingungen kann man ihm trotzdem vorgeben. Bei Subways hat das auch Vielen sehr geschadet. Die Vapiano-Lokale sehen gut aus und es geht sehr freundlich zu, das immerhin sollte man sagen.
Hank the voice 21.08.2019
3. Kochen muss man können
Das kann Vapiano leider nicht. Ich bin sicher, dass der Top-Koch der die Gerichte entwickelt, kochen kann. Die angelerntern Mitarbeiter können das dann leider nicht umsetzten. Kochen ist eben mehr, als abgewogene Zutaten zusammen zu werfen.
henryb_de 21.08.2019
4. Bin wahrscheinlich zu alt ...
Ich kann überhaupt nicht verstehen, wie man in so einen Laden überhaupt gehen kann: Pizza-McDonalds mit Restaurant-Preisen? Was soll das? Sowas gibt es nur weil sich zu viel Geld "Investionsmöglichkeiten" sucht. Da werden dann vermutlich so hohe Mieten gezahlt, dass inhabergeführte oder zumindest lokale Betreiber nur schwer mithalten können. Das Ergebnis passt ja in die Zeit - Gleichschaltung der Großstädter und Großstadtbesucher ... hier mal in der Gastronomie. Wäre schön wenn der Laden bald pleite wäre und in den Standorten wieder Restaurants eröffnen, in denen der Gast nicht die Hälfte des Services selber machen muss.
im_ernst_56 21.08.2019
5.
Ich war vor kurzem Gast in einem neu eröffneten Vapiano in meinem Kiez. Das Konzept und die Qualität hat mich nicht überzeugt. Ich gehe lieber zum normalen Italiener.
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