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29. November 2012, 15:28 Uhr

Höhere Strompreise

Verbraucher sind zu feige zum Wechseln

Millionen Verbraucher mussten bereits 2012 mehr für Strom zahlen, im kommenden Jahr stehen weitere Erhöhungen an. Dennoch bleiben die meisten Haushalte ihren Versorgern treu. Laut einer Umfrage hat sich die Hälfte nicht einmal mit einem Wechsel beschäftigt - meist aus Bequemlichkeit oder Angst.

Hamburg - Steigende Strompreise sind eines der größten Aufregerthemen bei der Energiewende. Bereits im Frühjahr erhöhten viele Energieunternehmen die Entgelte, zum Jahreswechsel haben Hunderte Versorger erneut Steigerungen angekündigt. Doch die Unternehmen müssen offenbar keinen Denkzettel ihrer Kunden fürchten. Denn laut einer Umfrage, die SPIEGEL ONLINE vorliegt, bleiben die meisten Deutschen ihren Versorgern treu.

Nur 22 Prozent der deutschen Haushalte haben in den vergangenen zwei Jahren ihren Stromvertrag gewechselt, ergab die Befragung des Marktforschungsinstituts infas. Dies machten wiederum sieben Prozent bei ihrem bisherigen Anbieter. Für den Großteil der Wechsler war der Preis ausschlaggebend. Das Umsatteln auf Ökostrom spielte für nicht einmal ein Viertel von ihnen eine Rolle.

Von 3000 befragten Haushalten gaben 23 Prozent an, dass sie sich zwar über einen Wechsel des Anbieters informiert hätten, dann aber doch ihrem alten Versorger treu blieben. Mehr als die Hälfte aus dieser Gruppe sagte, die Ersparnis sei ihnen im Verhältnis zum Aufwand zu gering gewesen oder sie hätten keinen besseren Anbieter gefunden. Fast ebenso viele Haushalte behielten ihren alten Vertrag, aus Sorge, dass der Wechsel nicht klappt. (Details zu der Umfrage in der Grafikstrecke)

Laut infas spielt nicht nur die Angst im Dunkeln zu sitzen eine Rolle. Viele Verbraucher fürchten auch, dass bei der Abrechnung etwas schiefgeht oder der neue Anbieter pleitegehen könnte. "Dass diese subjektiven Befürchtungen objektiv wenig gerechtfertig sind, spielt dabei keine Rolle", schreiben die Meinungsforscher. (Die Stiftung Warentest gibt Tipps, worauf Kunden achten müssen, wenn sie den Versorger wechseln.)

Der Großteil der Verbraucher befasst sich laut der Umfrage nicht einmal mit dem Thema Versorgerwechsel. 55 Prozent der Haushalte sagten, dass sie dies nicht in Betracht gezogen hätten. 87 Prozent dieser Nicht-Wechsler gaben an, mit dem derzeitigen Versorger zufrieden zu sein. Jeweils 46 Prozent erklärten, das Thema sei ihnen nicht wichtig oder sie hätten Angst vor Pannen.

Auffällig sei, dass sozial schwächere Haushalte ihrem Vertrag eher treu bleiben, obwohl sie oft besonders unter dem Strompreis leiden. Dies gehe oft mit geringerer Bildung einher. Dagegen seien Haushalte mit höherer Bildung und besserem ökonomischen Status wechselbereiter. "Sie trauen sich das Prozedere offensichtlich eher zu", lautet die Erklärung der Meinungsforscher.

Die Bequemlichkeit der Verbraucher hat laut der Umfrage auch etwas mit der Größe der Haushalte zu tun. Demnach wechseln tendenziell mehr große Haushalte, denn hier seien auch die größten Einsparpotentiale zu erwarten. Angesichts der bevorstehenden Aufschläge im kommenden Jahr, dürfte sich bei vielen Familien ein Tarif-Check lohnen. So muss ein Durchschnittshaushalt mit vier Personen und einem Jahresverbrauch von 4000 Kilowattstunden im kommenden Jahr im Schnitt mit zusätzlichen Belastungen in einer Größenordnung von rund 125 Euro rechnen. Das Kartellamt empfiehlt, sich mit einem Wechsel des Anbieters gegen steigende Preise zu wehren.

Wie wenig sich seit der Liberalisierung auf dem Strommarkt getan hat, zeigen die Zahlen zur Verteilung der Kundschaft auf die Anbieter. 33 Prozent der Haushalte sind bei einem der fünf großen Konzerne E.on, Vattenfall, RWE, EnBW oder EWE. 29 Prozent beziehen ihren Strom von den örtlichen Stadtwerken. Nur zwei Prozent der befragten Haushalte haben einen Vertrag mit reinen Ökostromanbietern abgeschlossen.

mmq

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