Vermögensbildung Die widerspenstigen Sparer

Wegen der Niedrigzinspolitik der Notenbanken lohnt es sich schon seit Jahren kaum noch zu sparen. Trotzdem horten die Bürger immer mehr Geld - nicht nur in Deutschland. Das hat vor allem drei Gründe.

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Zinsen an der Nulllinie
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EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Zinsen an der Nulllinie

Eine Kolumne von


Wenn es eine ökonomische Gewissheit gibt in diesen ungewissen Zeiten, dann diese: Die Sparer sind die Dummen. Extrem niedrige Zinsen machen Sparen unattraktiv. Wenn es so käme, bräche irgendwann das ganze kapitalistische Kartenhaus zusammen, weil niemand mehr spart.

Die Schuldigen sind längst identifiziert: die Notenbanken, zumal die Europäische Zentralbank (EZB). Ebenso die Opfer: die sparsamen Deutschen.

Die Argumentation hat mehrere Schwächen: Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Erstens sind die Realzinsen (abzüglich der Inflationsrate) nicht nur in der Eurozone extrem niedrig, sondern rund um den Globus.

Zweitens machen extrem niedrige Zinsen das Sparen keineswegs unattraktiv; ganz im Gegenteil: Die Bürger sparen immer mehr. In vielen Ländern legen sie sogar einen immer größeren Teil ihrer Einkommen zurück.

Die gesamtwirtschaftliche Sparquote in der Eurozone hat sich netto (nach Abzug von Abschreibungen) seit 2009 fast verdreifacht. In Deutschland allein hat sie sich immerhin verdoppelt, wie Zahlen der OECD zeigen.

In Relation zu ihren verfügbaren Einkommen sparen die Bürger in vielen Ländern immer mehr: Ob in Deutschland, Frankreich oder der Eurozone insgesamt, ob in den USA, in Schweden oder der Schweiz sind die Sparquoten vergleichsweise hoch; und vielerorts werden sie nach OECD-Prognosen in den kommenden Jahren weiter zulegen.

Wie kann das sein? Wenn sich Sparen weniger lohnt, müssten dann die Leute nicht mehr Geld ausgeben, statt es auf die hohe Kante zu legen? Verhalten sie sich am Ende schlicht unvernünftig?

Leben an der Nulllinie

Wir leben in einer neuen Zeit. Seit der Krise von 2008/09 sind die langfristigen Zinsen Richtung Nulllinie gefallen. Die Notenbanken haben dazu beigetragen, indem sie große Mengen an Wertpapieren aufgekauft haben, genau mit dem Ziel, die langfristigen Zinsen zu senken. Damit verstärken sie einen weltweiten Trend, der bereits seit Anfang der Achtzigerjahre anhält.

Obwohl Sparvermögen immer weniger Zinsen abwerfen, haben die Bürger keineswegs mit dem Sparen aufgehört. Denn Zinserträge zu kassieren, ist keineswegs der einzige Grund, warum Menschen sparen. Auch steigende Einkommen spielen eine Rolle, ebenso die Alterung der Gesellschaft, eine weniger gleichmäßige Einkommensverteilung, steigende Immobilienpreise und Wertpapierkurse, allgemeine Verunsicherung über die weitere Entwicklung, um nur die wichtigsten Faktoren zu nennen. In verschiedenen historischen Konstellationen gewinnen jeweils andere Faktoren die Oberhand.

Zum Beispiel Italien und Japan. Beide gehörten in den Siebzigerjahren zu den Nationen mit den höchsten Sparquoten weltweit. Den Spitzenwert erreichte Italien 1978, als die Bürger mehr als ein Viertel ihrer verfügbaren Einkommen zurücklegten. Japan erreichte einen ähnlich hohen Wert ein paar Jahre früher.

Es war der Endpunkt der Nachkriegsentwicklung, einer zweieinhalb Jahrzehnte währenden Phase, in der die Einkommen stark gestiegen waren. Entsprechend hatten die Menschen immer mehr Geld zurückgelegt - die Konsumwünsche nahmen langsamer zu als die finanziellen Möglichkeiten.

Dann wurden die Zeiten schwieriger. Das Wachstum verlangsamte sich; erstmals seit der Nachkriegszeit kam es wieder zu Rezessionen. Bei schwächeren Wohlstandszuwächsen oder gar Einbußen in Rezessionsphasen, sparten die Bürger einen geringeren Anteil ihrer Einkommen, um ihren Lebensstandard aufrechterhalten zu können. Die Sparquoten schwanken deshalb typischerweise mit der Konjunktur.

Im langfristigen Trend sind die Sparquoten seit Jahrzehnten gesunken; je reicher Gesellschaften werden, desto weniger legen sie tendenziell zurück. Steigen dazu auch noch die Vermögenswerte stark im Preis, so wie das während des Booms der 2000er Jahre der Fall war, sinken die Sparquoten noch weiter. Nach dem Motto: Warum noch auf die harte Tour Geld zurücklegen, wenn das Vermögen (Eigenheim, Aktienfonds) doch automatisch immer wertvoller wird?

Neue Zeiten

Diese Phase ist seit der Finanzkrise vorbei. Nun steigen die Sparquoten in vielen Ländern wieder an - unbeeindruckt von niedrigen Zinsen, hohen Immobilienpreisen und Aktienkursen. Dafür dürften insbesondere drei Gründe verantwortlich sein.

Erstens, steigende Einkommen: Nach den mageren Jahren im Anschluss an die Finanzkrise haben sich die Einkommen der Bürger in vielen Ländern, darunter in Deutschland, in den vergangenen Jahren ordentlich entwickelt. Einen Teil dieser Zuwächse nutzen die Bürger, um für die Zukunft vorzusorgen.

Zweitens, steigende Unsicherheit: Indikatoren wie der Economic Policy Uncertainty Index zeigen an, dass die politische Lage und die weiteren Aussichten selten so wackelig erschienen wie derzeit. Auf Unwägbarkeiten reagieren Menschen, indem sie Vorsorge treffen.

Drittens, Demografie: Alternde Gesellschaften mit relativ wenigen Kindern sorgen für den Ruhestand vor. Ein Effekt, der gerade in Asien am Werk ist, wo in vielen Ländern die Ersparnisse ausgesprochen hoch sind und weiter steigen. Auch in Deutschland scheint dieser Mechanismus zu wirken: Die kopfstarken Jahrgänge der zwischen Mitte der Fünfziger- und Mitte der Sechzigerjahre Geborenen sind noch überwiegend erwerbstätig. Sie sparen sich ein finanzielles Polster für die Zukunft zusammen. Und sie müssen umso mehr zurücklegen, je niedriger die Zinsen sind und je höher die Preise von Vermögenswerten, die sie als Altersvorsorge anschaffen wollen.

Ersparnisüberschüsse und andere Kalamitäten

Vor anderthalb Jahrzehnten diagnostizierte der damalige US-Notenbankchef Ben Bernanke einen "Savings glut", einen weltweiten Ersparnisüberschuss. Weil weltweit immer mehr gespart werde, suche immer mehr Vermögen attraktive Anlagemöglichkeiten. Das treibe die Kurse und die Immobilienpreise, während die Zinsen sinken.

Inzwischen ist die Diagnose einer "säkularen Stagnation" hinzugekommen, eine Formel, die der frühere US-Finanzminister Larry Summers in die Debatte geworfen hat. Dieses Argument geht in etwa so: Weil alternde Gesellschaften mehr sparen, wird der Gesellschaft Kaufkraft entzogen. Das Wachstum bleibe schwach.

Auch deshalb steuern die Notenbanken gegen: um die Nachfrage anzukurbeln. Es ist nur so: Je länger die Phase der Niedrigzinsen anhält, desto mehr scheinen die Bürger zu sparen - je mehr Leute nämlich realisieren, dass es sich nicht um ein Übergangsphänomen handelt, sondern um eine neue Normalität.

Je ausgeprägter dieser Effekt zutage tritt, desto weniger wirksam dürfte die Niedrigzinspolitik der Notenbanken sein.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche
Montag
München - Deutsche Stimmung I - Das Ifo-Institut legt neue Daten vom Geschäftsklimaindex vor, dem wichtigsten Stimmungsbarometer für die deutsche Wirtschaft.
Dienstag
Nürnberg - Deutsche Stimmung II - Die GfK veröffentlicht die vorweihnachtliche Ausgabe ihrer Konsumklimastudie vor.
Mittwoch
Berlin - Wolkig bis düster - Veröffentlichung des monatlichen Konjunkturbarometers des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.
Donnerstag
Wiesbaden - Preisfragen - Das Statistische Bundesamt gibt eine erste Schätzung für die Inflationsrate im November bekannt.

Dortmund - Kapitalismuskrise? - In eigener Sache: Konferenz "On the record" an der TU Dortmund. Unter anderem mit einem Streitgespräch zwischen Kevin Kühnert (Jusos) und BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang über die Frage "Ist der Kapitalismus noch zu retten?". Und: Der Chef des Euro-Rettungsschirms ESM, Klaus Regling, sowie Jakob von Weizsäcker (Chefvolkswirt Bundesfinanzministerium) und Daniel Gros (Centre for European Policy Studies) zur Frage, ob der Euro die nächste Krise überlebt.

Freitag
Nürnberg - Schwächeres Jobwachstum - Die Bundesagentur für Arbeit gibt neue Zahlen vom deutschen Arbeitsmarkt bekannt.

Schönefeld - Endlich fertig? - Der Aufsichtsrat des Flughafens Berlin Brandenburg will den Eröffnungstermin festlegen, womöglich im kommenden Jahr.

Berlin - Klimaprotest - Globaler Aktionstag von Fridays for Future, unmittelbar vor der UN-Klimakonferenz, die vom 2. bis 13. Dezember in Madrid stattfindet.

Samstag
Berlin - Nach Nahles - Die SPD will das Abstimmungsergebnis der Stichwahl um den SPD-Vorsitz veröffentlichen. Der Parteitag ab 6. Dezember soll das Spitzenduo wählen.


insgesamt 386 Beiträge
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Seite 1
jonashof 24.11.2019
1. Sparen ohne Alternative
Die nächste Rezession ist bereits überfällig, ketzt noch in spekulative Assets zu investieren ist sehr risikoverbunden. Mit der neuen Fianztransaktionssteuer wird dem einfachen Haushalt ein weiterer Stein in den Investitionsweg gelegt. In was soll man denn heute noch investieren, dass einigermaßen Sicherheit wie Rendite verspricht?
maryw 24.11.2019
2.
Vielleicht spielt ja auch Lebensplanung in Eigenverantwortung eine Rolle warum Leute Geld auf die hohe Kante legen um nicht nach dem Staat zu schreien in Notfällen
Kamillo 24.11.2019
3.
Was anderes wurde vergessen: Wenn ich was Großes kaufen will, brauche ich großes Geld. Wenn ich aber monatlich nur kleines Geld übrig habe, bleiben mir nur zwei Möglichkeiten: Finanzierung des großen Dings mit Zinsen oder Sparen mit keinen Zinsen bis ich das große Geld zusammen habe. Was dann gemacht wird hängt davon ab, ob ich das Große sofort haben will oder brauche, oder ob ich noch warten kann. Offensichtlich können viele Leute warten.
harald_maier 24.11.2019
4.
Wer als "Wirtschaftsexperte" glaubt, die kleinen Sparer würden wegen der Zinsen sparen, sollte noch einmal ganz von vor beginnen. Am besten Sozialkunde. Im BWL/VWL-Kurs wird ja offenbar nur Unsinn gelehrt.
badbanker 24.11.2019
5. Der Sparer wird verlieren
Weil letztlich die Sparvermögen herangezogen werden (müssen) um die Schulden der Staaten zu begleichen. Auf welche Weise dies geschehen wird ist nicht genau absehbar, aber im Grunde kommen 3 Möglichkeiten in Betracht. Die einfachste, aber unpopulärste, ist die Enteignung. Werden einfach alle Kontostände halbiert, wäre der Staat damit schuldenfrei. Dieses offizielle Ende des Kapitalismus werden Politiker scheuen und lieber versuchen, die Schulden durch ewiges Wachstum bei niedrigen Zinsen und Inflation zu "inflationieren". Leider spielt momentan die Inflation nicht mit, aber dafür die Zentralbanken. Wenn demnächst der Zins bei minus 5% liegt, wird man dies als Sparer deutlich merken. Nur ist dieser Prozess langsamer als die Enteignung, es dauert 10 Jahre bis 50% weg sind. Die 3. Möglichkeit wäre die Nicht-bedienung der Schulden, also offizielle Staatspleiten. Diese könnten aber zu militärischen Auseinandersetzungen führen, man stelle sich vor die USA zahlen den Chinesen ihre 3000 Milliarden Staatsanleihen nicht zurück. Letztlich wird sich der Staat oder die Gesellschaft am Sparer bedienen...müssen.
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