Hermann-Josef Tenhagen

Coronakrise Versicherer, die helfen – und solche, die sich davonstehlen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Wer durch Corona in Finanznot gerät, hat viele Möglichkeiten, bei Versicherungen zu sparen. Mit unrühmlichen Ausnahmen - ausgerechnet bei Verträgen, die für diese Situation gemacht zu sein scheinen.
Geschlossene Geschäfte in Koblenz an der Mosel

Geschlossene Geschäfte in Koblenz an der Mosel

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Sascha Ditscher/ imago images/Sascha Ditscher

Versicherer, das sind Leute, die erst einen Regenschirm verkaufen, ihn dann aber zurückhaben wollen, wenn es regnet. Das sagt jedenfalls der Volksmund in Anlehnung an Mark Twain. Manchmal kommt es einem tatsächlich so vor - es muss aber nicht so sein.

So haben etliche Versicherer in der Coronakrise vernünftige Strategien entwickelt, um ihren Kunden beizustehen. Manchmal wurden aber die Regenschirme tatsächlich wieder eingesammelt. Ausgerechnet Versicherer, die normalerweise Gaststätten und Bäckereien bei Schließung wegen Keimen beistehen, wollen nicht so richtig zahlen.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von »Finanztip«. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Den vernünftigsten Beitrag hat diesmal die Politik geleistet. Als sie nämlich entschied, dass bestimmte Rechnungen für lebensnotwendige Services und Dienstleistungen gestundet werden sollen, wenn jemand wegen der Coronakrise in Bedrängnis gerät, waren auch die Versicherer gemeint. (Auch wenn zunächst alle Welt nur über Vermieter und Banken redete.) Sich von Fixkosten für eine Weile zu befreien, sie nach hinten schieben zu dürfen, ist gerade für viele Familien extrem wichtig .

Als Erste begriffen die Krankenkassen, dass auch sie gemeint waren, dachten aber zunächst eher an ihr eigenes Heil: Die Sprecherin des Gesamtverbands der Krankenkassen, Doris Pfeiffer, warnte schon Ende März, "eine Stundung der Beiträge zu den erleichterten Bedingungen ist grundsätzlich nur dann möglich, wenn alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind".

Die hohen Raten für eine Weile aufschieben…

Viele der höheren Rechnungen in einem durchschnittlichen Haushalt kommen von Versicherungen, die höchsten davon normalerweise vom Krankenversicherer. Und tatsächlich können Kunden, denen es finanziell dreckig geht, auch die Beiträge zur privaten Krankenversicherung oder, wenn sie die selbst zahlen, die Beiträge zur gesetzlichen Krankenkasse stunden lassen – hier im letzten Absatz vom Dachverband der Krankenkassen erklärt : Wer angestellt und Pflichtmitglied bei der Krankenkasse ist, bei dem muss der Arbeitgeber die gesamten Krankenkassenbeiträge zahlen, er schuldet sie rein rechtlich und er kann sie im Krisenfall auch stunden. Die Empfehlung, wie das formlos geht, findet sich auf den Homepages von AOK, Barmer und Techniker genauso wie auf den Seiten von Allianz, Debeka und HUK.

Tausende Kunden machen schon von der Möglichkeit Gebrauch – oftmals geht es für Selbstzahler ja um mehrere Hundert Euro im Monat, für kleine Firmen um Tausende oder gar Zehntausende Euro. So schreibt mir die Techniker Krankenkasse, dass 50-mal so viele Arbeitgeber wie im vergangenen Jahr aktuell eine Beitragsstundung bei ihr beantragt haben, bei den freiwillig einzahlenden Selbstständigen seien es doppelt so viele wie im Vorjahr.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Aber es gibt noch andere Fälle, wo Versicherte ihre Groschen zusammenhalten können, falls es gerade wirklich eng wird. Zum einen bei den Lebens- und Rentenversicherungen: Dort können Sparer immer schon ohne große Schwierigkeiten Verträge beitragsfrei stellen oder stunden lassen . Werden die Beiträge nicht nachgezahlt, wird die Rente oder die Auszahlung hinterher ein bisschen kleiner. Werden die gestundeten Beiträge nachgezahlt, ist der Effekt am Ende kaum spürbar.

...und trotz Aufschub weiter geschützt sein

 Wichtig ist, bei Lebensversicherungen mit dem jeweiligen Unternehmen zu klären, dass während der Stundung oder Beitragsfreistellung der Versicherungsschutz erhalten bleibt. Niemand möchte, dass Familien oder Geschäftspartner ohne Schutz dastehen, falls tatsächlich etwas Schlimmes passiert.

Und sogar bei der Berufsunfähigkeitsversicherung können Kunden die Beiträge stunden lassen, ohne den Versicherungsschutz zu verlieren . Mit dieser Versicherung sorgen Millionen von Berufstätigen für den Fall vor, dass sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können. Die Monatsraten können entsprechend hoch ausfallen.

Bei der Alten Leipziger haben die Manager jetzt schon beobachtet, dass dreimal so viele Kunden wie im Vorjahr von dieser Möglichkeit Gebrauch machen, bei HDI sind schon mehrere Tausend Kunden in Corona-Pause. Bei anderen Versicherern ist man mit Zahlen zurückhaltend. Aber fast durchgängig gilt: Die Stundung der Berufsunfähigkeitsversicherung ist möglich – häufig sogar für sechs Monate (HDI, Debeka, Nürnberger, Hannoversche), zinsfrei und ohne den Versicherungsschutz zu verlieren.

Daneben hat sich der eine oder andere Versicherer öffentlichkeitswirksame Maßnahmen ausgedacht für die neuentdeckte systemrelevante Kundschaft. Bei der Axa genießen systemrelevante Busfahrer und U-Bahnfahrerinnen, Ärztinnen und Krankenpfleger, aber auch das Kraftwerkspersonal aktuell einen besonders KFZ-Schutz. Bauen sie in diesen stressigen Zeiten einen Unfall, werden sie im kommenden Jahr nicht heraufgestuft. Die Allianz lobt bis Ende Mai einen kostenlosen Corona-Schutzbrief für die Gruppe unter den Neukunden aus. Und die Arag bietet kostenlose Rechtsberatung an.

Dabei gibt es bei Autoversicherern eigentlich noch einen besonderen Clou. Auch die  Auto-Haftpflicht  kann als Pflichtversicherung zu den Leistungen gehören, die laut Justizministerium zur "Daseinsvorsorge" gehören. Das bedeutet, wer zum Beispiel aufs Auto angewiesen ist, weil er anders nicht zur Arbeit gelangen kann, bei dem können auch die Raten für die Auto-Haftpflicht gestundet werden. (Nicht aber die Raten für Teilkasko und Kasko.)

Ausgerechnet die Betriebsversicherungen gegen Viren und Keime wollen nicht zahlen

Besonders ärgerliche Erfahrungen machen dagegen aktuell Bäcker, Gastwirte und Hoteliers. Einige Tausend von ihnen haben nämlich sogenannte Betriebsschließungsversicherungen abgeschlossen. Die sollen normalerweise dafür sorgen, dass der Verdienstausfall ersetzt wird, wenn Mitarbeiter ansteckende Krankheiten haben oder das Gesundheitsamt den Laden wegen Salmonellen oder Legionellenverdacht schließt. Diese Versicherung zahlt dann für jeden Tag einen vorher vereinbarten Ausfallbetrag – meist 30 Tage lang, manchmal länger.

Ein Gutes hat das ja, dachten die Wirte, im Corona-Fall können wir wenigstens einen Teil der Verluste über diese Versicherung ausgleichen. Besonders clevere unter ihnen, oft von Maklern beraten, haben sich in den ersten Monaten des Jahres sogar noch einmal von ihren Versicherern bestätigen lassen, dass bei einer Schließung wegen Corona gezahlt werde. Solche Bestätigungen haben zum Beispiel die Mannheimer und die Haftpflichtkasse Darmstadt abgegeben, berichtet Versicherungsanwalt Knut Pilz. 

Nur genützt hat es nichts: Die meisten Versicherer wollen jetzt nicht zahlen und lassen ihre geschätzte Kundschaft am langen Arm verhungern. Ausnahmen gibt es nach Angaben von Anwälten bisher bei Signal Iduna, HDI, der Barmenia und dem Münchener Verein. 

Nach massiven Protesten hinter den Kulissen haben der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) , das dortige Wirtschaftsministerium und einige Versicherer dann eine Minimallösung vorgelegt. Wenigstens 10 bis 15 Prozent der Ansprüche aus der Versicherung sollen gezahlt werden – aus Kulanz, sagen die Versicherer. Also statt 60.000 zum Beispiel 6000 bis 9000 Euro.

Die Politik feiert das als Erfolg. Doch schon der Bundesverband der Wirte und Hoteliers (Dehoga) ist mit dem Kompromiss nicht glücklich. Der Kompromiss besitze "keine bundesweite Relevanz", sei kein Präjudiz, nicht einmal in Bayern. Jeder Wirt solle sorgfältig abwägen, ob ein Verzicht auf einen Großteil der versicherten Leistung "für ihn in Frage kommt". 

Die Wirte sind zu Recht enttäuscht. Entweder geht es in vielen Fällen darum, dass Kunden für ein unausgegorenes Geschäftsmodell der Versicherer bluten sollen oder – vielleicht noch schlimmer – dass sie einfach nur dafür aufkommen, dass die Versicherer die eigenen Zahlmeister nicht in Haftung nehmen. Bei solchen Massenschäden, im Fachjargon Kumulschäden, müssten nämlich normalerweise die großen Rückversicherer einspringen. Bei denen können sich die kleinen Versicherer versichern, für den Fall, dass ihnen ein Schaden über den Kopf wächst. 

Wenn Versicherer sich selbst nicht versichert haben

Das wollen oder müssen Sie aber offenkundig nicht. Mit der Konsequenz, dass jetzt so mancher versicherte Wirt mit einem Anwalt auf die Jagd geht, um die unwilligen Versicherer zur Strecke zu bringen. Dafür muss man genug finanzielle Puste haben. Die Kanzlei von Knut Pilz und auch die seines Kollegen Norman Wirth in Berlin kümmern sich um solche Fälle. Offenbar ist die Lage nicht einfach zu klären, manche Kunden haben offenbar tatsächlich keinen Versicherungsschutz während der Corona-Pandemie, viele aber sehr wohl und ganz eindeutig. 

Womit wir eigentlich bei der tragischen Pointe dieses Versicherungsversagens wären. Diejenigen Wirte und Bäcker, die die Versicherung im guten Glauben abschließen, weil sie sie brauchen, werden um die ihnen zustehenden Gelder gebracht. Ein Anwalt ist für sie zu teuer. Und diejenigen, die eigentlich gar keine Versicherung gebraucht hätten, weil das Geld noch reicht, die kommen dank juristischer Hilfe (vielleicht) zum Zuge.

Wenn sich hinterher beim Gesamtverband der Versicherungswirtschaft jemand wundert, warum der Ruf der Branche auch in dieser Krise nicht besser geworden ist, sollten sich die Herren (Damen gibt es dort praktisch nicht) gleich bei den richtigen Vorständen bedanken.

Und auch die vielen Versicherungsmitarbeiter, die sich derzeit engagiert um ihre Kundschaft kümmern, können sich bei diesen Chefs bedanken, die sie gerade um die Früchte ihrer Arbeit bringen.

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