Vorsorge Wenn aus den Problemen Ihrer Versicherung Ihre Probleme werden

Ob Alter oder Gesundheit: Wer eine lang laufende Versicherung abschließt, braucht einen finanziell stabilen Versicherer. Nun haben die Unternehmen erstmals Zahlen dazu veröffentlicht - doch was nützen sie? Ein Leitfaden.

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Eine Kolumne von


In dieser Woche mussten die mehr als 300 Versicherer in Deutschland erstmals Zahlen der größeren Öffentlichkeit präsentieren, die Rückschlüsse auf ihre finanzielle Stabilität erlauben sollten. Die EU-Richtlinie, die sie dazu zwingt, heißt "Solvency II". Besonders genau wurde bei den Lebensversicherern hingeguckt. Schließlich haben dort viele Millionen Kunden sehr langfristig Geld angelegt.

Schon lange empfehle ich, sich auch die Bilanzen der Versicherer genauer anzuschauen, wenn man sich lange an diese bindet. Gut also, dass es dafür jetzt einheitliche Vorschriften gibt. Doch kaum waren am Montag die neuen Zahlen veröffentlicht, begann die Debatte, ob die Zahlen Kunden überhaupt helfen, ihren Lebensversicherer einzuschätzen und inwieweit sie in die Irre führen. Nicht ganz zu Unrecht.

Im Prinzip hilft mehr Transparenz ja immer. Aber wie soll man als Kunde mit Zahlen umgehen, die man nicht versteht? Und was macht man, wenn die Finanzaufsicht BaFin den Unternehmen lange Übergangsfristen gewährt und erlaubt, noch bis 2031 die Zahlen mit eigenen, weniger strikten Modellen zu rechnen? Die sind zwar von der BaFin abgenommen, aber dann eben doch nicht vergleichbar.

Für den Versicherten stellen sich mit dieser neuen Richtlinie also einige Fragen:

Kann ich selbst die Stabilität unterschiedlicher Unternehmen mithilfe der Zahlen vergleichen, die ich jetzt beim Versicherer anfordern kann?

Leider nicht. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete zu Wochenbeginn: Ohne die eigenen Rechenmodelle "würden laut BaFin 29 von 84 Unternehmen die 100-Prozent-Schwelle reißen, dank der Übergangsregeln haben sie alle eingehalten". Mit den 84 Unternehmen waren die Lebensversicherer gemeint. Und 100 Prozent Solvabilitätsquote (oder kurz: Solvenzquote) heißt einfach gesagt: Das Eigenkapital des Versicherers reicht aus, um eine große Krise zu überstehen, wie sie nur einmal in 200 Jahren vorkommt - eine Finanzkrise, ein Erdbeben vielleicht oder eine andere Naturkatastrophe.

Mit ihren eigenen Modellen haben sich die Versicherer Solvenzquoten von einigen Hundert Prozent ausgerechnet, auch wenn sie nach den strengen Regeln unter hundert Prozent liegen. Sie stellen sich als supersicher dar. Aber es gibt Hoffnung: Jetzt machen sich Experten über die Daten her, für Experten wird das Vergleichen einfacher. Und mindestens der Hinweis, dass es einem Unternehmen nicht so gut geht, sollte auch für Kunden vernehmbar nach draußen dringen.

Was nützen mir solche Zahlen konkret?

Diese Frage ist bei Lebens- und Krankenversicherern einfach zu beantworten: Ist mein Unternehmen nach solchen Kriterien stabil, muss ich mir um mein Geld und um meinen Versicherungsschutz kurz- und mittelfristig weniger Sorgen machen. Wohlgemerkt: kurz- und mittelfristig.

Wie kann ich bei meiner Wahl langfristig sicher sein?

Wenn Sie mit 30 Jahren eine Rentenversicherung abschließen, und der Versicherer aus seiner Erfahrung davon ausgeht, dass Sie 90 Jahre alt werden, liefe ein solcher Vertrag 60 Jahre. Über solche Zeiträume sind Prognosen über die wirtschaftliche Gesundheit des Versicherers nicht nur ungewiss, sondern eigentlich unseriös. Versicherungsmathematiker nennen das dann nicht mehr Prognose, sondern Extrapolation, also eine Hochrechnung mithilfe eines Rechenmodells.

Gleichzeitig haben Versicherer aber Garantien über den Erfolg Ihrer Geldanlage abgegeben, die über diese 60 Jahre gelten. Auch wenn Sie mit 30 Jahren eine private Krankenversicherung abschließen, müssen Sie mit 60 Jahren Laufzeit kalkulieren. Falls der Versicherer mit seinem Geld nicht mehr klarkommt, wird er die Beiträge erhöhen. Und wenn der Versicherer angesichts niedriger Zinsen besorgt ist, dass er Ihre höheren Gesundheitskosten als Rentner nicht mehr bezahlen kann, wird er die monatlichen Beiträge erhöhen.

Die schlichte Wahrheit lautet: Wenn Sie die nicht mehr bezahlen können, wird aus dem Problem des Versicherers Ihr Problem.

Wie kann ich überhaupt sicher sein?

Bei so langlaufenden Verträgen können Sie sich nicht allein auf zahlreiche Generationen von Versicherungsmanagern verlassen. Sie müssen auch auf den Staat und seine hoffentlich vernünftige Regulierung setzen. Schließlich sind unsere demokratischen Regeln und die staatlichen Möglichkeiten zu regulieren bei weitem stabiler als das Wohlergehen eines einzelnen Unternehmens. Der Staat sind wir. Der Chef der Finanzaufsicht, das ist Ihr, das ist unser Mann.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

In diesem Fall hat der heutige Chef der BaFin, Felix Hufeld, bei der Diskussion der neuen Regeln im Dezember 2014 im Bundestags-Finanzausschuss gesagt, es "wäre ein großer Fehler, bei Solvency II eine übermäßige Modellhörigkeit anwenden zu wollen" - also vor allem auf die Zahlen zu sehen. Für seine Behörde wichtiger sei, die Kontrolle der Manager und des Risikomanagements der Versicherer "umso genauer anzuwenden". Hufeld spricht in diesem Zusammenhang seit einiger Zeit immer von der "Manndeckung" seiner Behörde für das Management einiger Konzerne. Eigentlich sollte die Behörde veröffentlichen, welche Manager sie aus dem Verkehr gezogen hat und wo sie Änderungen an den Strukturen verlangt hat. Das macht sie leider nicht.

Kommen wir noch einmal zurück zur Frage, was man nun konkret mit diesen Zahlen tun soll.

Gehe ich also am besten zu den Unternehmen mit den besten Stabilitätszahlen?

So einfach ist es leider nicht. In der zitierten Reuters-Meldung machen Versicherungsexperten darauf aufmerksam, dass Versicherer in Großbritannien deutlich niedrigere Solvenzquoten haben wollen. Die besten Quoten großer britischer Versicherer entsprechen den schlechtesten hier auf dem deutschen Markt. Das beunruhigt die Briten aber nicht. Hohe Quoten zeigten, dass das Geld beim Unternehmen einfach nur herumliegt, sagt man bei den Briten.

In der Tat: Wenn ein Unternehmen besonders sicher aufgestellt ist, heißt das noch lange nicht, dass es seinen Kunden das beste Angebot macht. Eher im Gegenteil: Es heißt häufig, dass es sein ordentliches Angebot teuer statt preiswert verkauft. Seien Sie also skeptisch, wenn jetzt zum Beispiel die Allianz mit eine Solvenzquote von 379 Prozent prahlt.

Suchen Sie auch in Zukunft das beste Angebot nicht allein mit Blick auf die Solvenzquote. Benutzen Sie die Quote vielmehr als Ausschlusskriterium, wenn sie arg niedrig ausfällt. Das gilt vor allem bei Verträgen in der privaten Altersvorsorge und Krankenversicherung. Schauen Sie vor allem genau auf die Bedingungen. Das sind die Zusagen, auf dieSie sich berufen können. In Deutschland werden Verträge in der Regel eingehalten. Und schauen Sie auf den Preis. Vergleichen Sie!



insgesamt 23 Beiträge
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Champagnerschorle 27.05.2017
1. man muß ihn einfach mögen
Herr Tenhagen, keiner geizt mehr mit Ahnung als Sie. Wer gestern heute und morgen glaubt, bei einem Versicherer im Bereich "Leben" ist billig gleich gut und sicher, dem ist schlicht nicht zu helfen. Natürlich weiß keiner, was in 60 Jahren ist. Gedankenspiel: A hat 1 Mio. Cash. B hat nichts und C hat nur Schulden weil er ein Auto fährt, daß er sich offensichtlich nicht leisten kann. In 60 Jahren bekommen Sie 50% von dem, was A, B oder C dann besitzt, Sie müssen nur heute wählen, wen Sie wählen und A verlangt die höchsten Beiträge, B und C entsprechend weniger - aber das ist, wie jeder der mit Geld umgehen kann bemerkt, an dieser Stelle auch schon egal... Schon komisch, Herr Tenhagen. Selbst Ihnen sollte "Lage, Lage, Lage" geläufig sein. Bei Versicherungen soll das plötzlich nicht gelten?
tatsache2011 27.05.2017
2. GKV statt PKV
Die gesetzliche Krankenversicherung ist mit der Umlagefinanzierung sicherer als die private, ist eine Schlussfolgerung aus "wenn Sie mit 30 Jahren eine private Krankenversicherung abschließen, müssen Sie mit 60 Jahren Laufzeit kalkulieren. Falls der Versicherer mit seinem Geld nicht mehr klarkommt, wird er die Beiträge erhöhen. ... Die schlichte Wahrheit lautet: Wenn Sie die nicht mehr bezahlen können, wird aus dem Problem des Versicherers Ihr Problem." Anders bei der GKV, wenn das Einkommen sinkt, sinken die Beiträge. Also beinhaltet die GKV zusätzlich eine Versicherung gegen niedriges Einkommen. Ein sinnvoller Vorteil.
dingstabumsta 27.05.2017
3. Es gibt nur...
KFZ, Haftpflicht und -Hausratversicherungen! Alles andere ist ein Minusgeschäft. Wozu eine Lebensversicherung, die schon lange nix mehr bringt? Wozu die Bonis an den Vertretern der Versicherungen zahlen, anstatt dass jeder Euro von anfang an in die Altersvorsorge fließt? Mit 50 eine Berufsunfähigkeitsversicherung abzuschließen ist zu Teuer..... Nein, die o.G. drei Versicherungen reichen völlig aus...alles andere so scheint mir, ist reiner Betrug an den Versicherungsnehmer. Zur Vermögensbildung und Absicherung sollte man dann andere möglichkeiten nutzen, aber kein Versicherer wird dazu jemals von mir einen Euro sehen.
radler2 27.05.2017
4. Substanz...
Bin ich blind oder gibt es keinen einzigen Verweis im Artikel zu der besagten Liste? Die wär ja nun mal interessant, oder? Oder gibt es den Link nicht, weil die Aussage aus der Liste nach bisherigem Kenntnisstand zu schwammig ist? Wozu dann der Artikel? Bin jetzt weniger schlau als vorher.
montecristo 27.05.2017
5. Merksatz
Altersvorsorge ist keine Versicherung!
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