Hermann-Josef Tenhagen

Volks- und Genossenschaftsbanken 5,5 Prozent Dividende, kleines Risiko

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Wer Genosse einer Volksbank ist, hält Eigentumsanteile des Geldhauses - und streicht jedes Jahr eine schöne Dividende ein, sogar 2020. Lohnt sich das Modell auch als Geldanlage?
Idee von unternehmerischer Solidarität: Eine Volksbank (hier in Solingen)

Idee von unternehmerischer Solidarität: Eine Volksbank (hier in Solingen)

Foto: Deutzmann / deutzmann.net / imago images/Deutzmann

Genosse zu sein hat sich bisher gelohnt, jedenfalls bei den Volks- und Raiffeisenbanken, bei Sparda- und PSD-Banken. Denn Genossinnen und Genossen bekommen für ihre Anteile an den Banken Jahr für Jahr eine nette Ausschüttung. Vier Prozent waren zuletzt üblich. Ziemlich verlässlich. Und richtige Pleiten hat es bei den Genossenschaftsbankern jedenfalls in den vergangenen 70 Jahren nicht gegeben.

Nur dieses Jahr soll wegen Corona alles anders sein.

Im März hatte die Europäische Bankenaufsicht angesichts der ersten Corona-Welle die Großbanken im Euroraum aufgefordert, in diesem Jahr keine Dividenden auszuzahlen. Fast zeitgleich hatte die deutsche Bankenaufsicht Bafin den kleineren Instituten hierzulande empfohlen, auf Dividenden zu verzichten. Auch den Volksbanken .

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Dann begann das Gerangel hinter den Kulissen. Während die Banken dem Bundeswirtschaftsminister erzählten, wie groß die Corona-Probleme seien und dass der Staat das Risiko neuer Firmenkredite doch bitte zu 100 Prozent übernehmen solle, versuchten die Geldhäuser der Bankenaufsicht zu vermitteln, dass es kein Risiko gebe, das den Verzicht auf Dividenden rechtfertige.

Im August hatten die Genossenschaftsbanker schließlich gewonnen. Die Bafin erlaubte Volks- und Raiffeisenbanken, denen es nach eigenem Bekunden gut geht, nun doch eine Dividende auszuschütten .

Doch was ist das eigentlich, diese Dividende bei den Genossen der Volksbanken und bei den anderen Genossenschaftsbanken?

Dazu erst ein Blick auf die Zahlen: 18,6 Millionen Genossinnen und Genossen halten in Deutschland Anteile an diesen Banken – fast doppelt so viele, wie es  Aktionäre gibt . Es ist eigentlich traditionell so, dass Kunden einer Volksbank sehr oft auch Genossen, also die Anteilseigner sind. Bei "meiner" Volksbank, also der Bank, zu der ich schon als Kind meine Sparbüchse getragen habe, ist fast jeder zweite Kunde auch Genosse – 32.000.

Die Gemeinschaft der Genossen hilft sich selbst

Als Genosse stellt man Eigenkapital für die Bank im Dorf oder der Kleinstadt zur Verfügung, damit sie dort ihre Arbeit tun kann. Das ist die Idee der Genossenschaft: Sich als Gemeinschaft selbst zu helfen. Und die Bank hat das lokale Engagement in den vergangenen Jahren häufig gut entlohnt. Auch hier: Vier Prozent Dividende sei in den vergangenen Jahren im Schnitt gezahlt worden .

Datensammler Horst Biallo hat bei zwei Genossenschaftsbanken sogar Dividenden bis zu 10 Prozent gefunden. Insgesamt 430 Millionen Euro Dividende sind 2019 an die Genossen dieser Geldhäuser ausgeschüttet worden.

Hört sich lukrativ an, aber die Kirche bleibt im Dorf. 430 Millionen Euro Dividenden bei 18,6 Millionen Genossen, das ist eine Dividendenrendite von weniger als 25 Euro pro Genosse. Für viele Genossen ist hier das Symbol wichtiger als die Zahl.

So sehen das auch viele Bankvorstände, also kämpften sie in diesem Jahr um ihr Symbol. Die Volksbank Mittelhessen scherte sich so wenig um die Empfehlungen der Bafin, dass sie die Dividende bereits auszahlte, stolze 5,5 Prozent. Aber auch hier ist die Pro-Kopf-Ausschüttung überschaubar: 3,7 Millionen Euro für 200.000 Genossen, das sind im Schnitt weniger als 20 Euro pro Nase.

Viele andere Genossenschaftsbanken schoben die Entscheidung erstmal vor sich her. Sie hofften, später im Jahr nun doch eine Dividende mit der Billigung der Aufsicht beschließen zu dürfen. Die Volksbank Hannover möchte auch 5,5 Prozent zahlen dürfen, und die Volksbank Köln-Bonn 2,5 Prozent. Beschließen können die Volksbanker nicht selber, sie müssen dafür einmal im Jahr ihre Genossinnen und Genossen auf einer digitalen (Vertreter)-Versammlung fragen. Viele der Versammlungen sollen in diesem Jahr erst spät im Herbst stattfinden. Physische Versammlungen sind wegen Corona ohnehin kaum möglich.

Manche Genossenschaftsbanken verfielen auf kreative Lösungen. So will die Düsseldorfer Apotheker- und Ärztebank (Apo-Bank), übrigens die größte Genossenschaftsbank hierzulande, über die Dividende für das Jahr 2019 jetzt erst im Frühjahr 2021 entscheiden. In der Hoffnung, dass die Aufsicht das dann durchwinkt. Sie hat es etwas schwerer als die anderen, denn sie ist so groß, dass sie von der Europäischen Zentralbank beaufsichtigt wird. Mit der lässt sich schlecht rangeln. Oder in den Worten der Bank: "Als direkt durch die EZB beaufsichtigtes Institut können wir uns dieser Vorgabe nicht entziehen."

Treueprämie statt Dividende

Die BBBank (Badische Beamtenbank) schrieb mir, sie wolle keine Dividende zahlen, aber dafür "eine Treueprämie in Höhe eines Geschäftsanteils an die Mitglieder, die der Genossenschaft genau 10 Jahre, 20 Jahre oder 30 Jahre angehören". Die Volksbank Rosenheim-Chiemsee verweist auf 100.000 Euro für die Bergwachten, 60.000 Euro für Mund/Nasenschutzmasken in den Schulen der von Corona hart getroffenen Gemeinden und 40.000 Euro für einen Bus des Kreisjugendrings.

Eine kleine Übersicht von Volks- und Genossenschaftsbanken und ihren Dividenden-Entscheidungen

Ausschütten wollen: Volksbank Mittelhessen, Evangelische Bank, Berliner Volksbank,  Volksbank Hannover, Volksbank Köln-Bonn, Sparda Baden-Württemberg, Sparda Nürnberg.

Nicht ausschütten: Apobank, BBBank, Sparda Südwest, Sparda München, Volksbank Rosenheim-Chiemsee

Im Alltag führen die ganzen Diskussionen zu der Frage: Könnte ein solcher Genossenschaftsanteil denn eine gute Geldanlage sein? Auch wenn ich in Mittelhessen nicht mehr lebe oder nie gelebt habe? An dieser Stelle vernachlässigen wir mal die Idee von Solidarität, die der Genossenschaft ja innewohnt und gehen nur auf die Rendite.

Dann ist die Antwort: Ja. Das könnte eine gute Geldanlage sein. Bevor Sie aber jetzt ihr Tagesgeldkonto plündern und auf die Jagd nach Genossenschaftsbanken gehen, gilt es ein paar wesentliche Einschränkungen zu beachten .

Erstens: Viele Genossenschaftsbanken erlauben die Zeichnung solcher Anteile nur Ortsansässigen – oder zumindest nur vor Ort. Nix Post-Ident. Sie müssten zum Anlegen also reisen, was die Rendite schnell zunichte macht.

Zweitens: Die allermeisten Genossenschaftsbanken haben Limits, wie viele Genossenschaftsanteile Mitglieder zeichnen können. Ein sehr großzügiges Limit hat die Volksbank Berlin. Sie erlaubt immerhin die Zeichnung von 1000 Anteilen à 52 Euro, also 52.000 Euro Anlagesumme. Meine kleine Volksbank erlaubt gerade einen Anteil pro Konto, das sind dann jeweils 260 Euro.

Drittens: Die Anlage in diesen Anteilen war zwar in der Vergangenheit sicher. In den vergangenen 70 Jahren gab es keine Pleiten, bei denen solche Anteile verloren gegangen wären. Aber eine Einlagensicherung wie bei Festgeldkonten gibt es nicht.

Und schließlich viertens: Es handelt sich bei den Genossenschaftsanteilen eben um unternehmerische Beteiligungen. Die sollen das Unternehmen Bank am Laufen halten. Wer die kündigt, muss sich deshalb an Kündigungsfristen halten – oft drei Monate zum Ende des Wirtschaftsjahres. Und man bekommt dann auch nicht sofort sein Geld zurück. Darüber muss die Versammlung der Genossen beschließen, die tut das dann im nächsten Sommer oder Herbst, es kann also ein Jahr oder noch länger dauern, bis das Geld auf dem Konto angekommen ist.

Voraussetzung: Geduld

Wer seinen Kindern oder Enkeln jetzt solche Genossenschaftsanteile schenkt, der tut ihnen renditemäßig möglicherweise tatsächlich etwas Gutes. Er lehrt sie aber auch Geduld.

Die Alternative dazu – wir sind hier bei der Geldanlage – wären für die kürzeren Fristen eher Festgelder , da geht die Abwicklung Ruckzuck, die Renditen waren aber zuletzt oft deutlich niedriger.

Und für die längeren Fristen bietet sich alternativ ein marktbreiter weltweiter ETF-Sparplan an. Der bringt langfristig so viel Sicherheit, wie Sie an der Börse bekommen können, und er bietet zumindest die Chance auf deutlich höhere Renditen . Kurzfristig allerdings wäre mir das Verlustrisiko zu hoch.

Machen Sie ruhig einen Versuch als Genosse, so groß ist das Risiko nicht. Und die Rendite könnte auch in den kommenden Jahren noch schön sein.