Hermann-Josef Tenhagen

Drohende Verjährung Wie VW-Kunden doch noch zu ihrem Recht kommen

Am Neujahrsmorgen ist nicht alles vorbei - auch wenn VW das gerne so hätte und auf die Verjährung von Kundenforderungen aus dem Abgasskandal pocht. Worauf betroffene VW-Fahrer jetzt achten sollten.
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Foto: David Zalubowski/ ASSOCIATED PRESS

Ab 1. Januar 2018 möchte VW möglichst alle Kundenforderungen aus dem Dieselskandal verjähren lassen. Knapp zweieinhalb Jahre nach Beginn der Affäre sollen Verbraucher sich nicht mehr darauf berufen können, dass ihr VW nicht in Ordnung ist und sie deshalb eine Nachbesserung verlangen. Ohnehin sollen sich Kunden in Deutschland nach Meinung der VW-Granden nicht betrogen und belogen fühlen. Die Autos fahren doch, was will man mehr! VW hofft, so weiteren Klagen und Zahlungsverpflichtungen zu entgehen.

Diese Strategie ist genauso verständlich wie unmöglich. Der Konzern hat die Zugbrücken hochgezogen. 6,8 Millionen Autos mit EA-189-Motoren hat VW in den vergangenen Jahren nach eigenen Angaben nachgerüstet, darunter mit rund zwei Millionen fast alle betroffenen Wagen in Deutschland . Jetzt sollen die Organisation und ihre Führung keinen weiteren Schaden nehmen.

Manager aus der zweiten Reihe wie Oliver Schmidt mögen in Detroit in Fußfesseln und Handschellen vor Gericht gestellt und verurteilt werden, die VW-Vorstände behelligt das ja nicht weiter . Sie verzichten nur vorsichtshalber auf Auslandsreisen.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken »Finanztip« bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Besonders augenfällig wird die Strategie des Konzerns noch einmal mit dem Interview des Konzernchefs Matthias Müller, der für die Abschaffung der Dieselsubvention plädiert - und die Gelder in Richtung E-Autos umlenken möchte. Während Müller hierzulande gerne noch mehr von unserem Steuergeld als Subvention für E-Autos hätte, muss der VW-Konzern in den USA mit zwei Milliarden Dollar Strafzahlungen selbst den E-Auto-Markt anschieben. Das Programm "Electrify America" sieht nach VW-Angaben vor "in die Infrastruktur für emissionsarme Fahrzeuge zu investieren und das öffentliche Bewusstsein für Elektrofahrzeuge zu fördern".

Zurück zum deutschen Kunden. Hierzulande gibt es nach Angaben von VW keine Zahlen zur Rücknahme von Fahrzeugen. Beanstandungen gebe es nur im Promillebereich, so VW. Finanztip liegen allerdings Hinweise auf mindestens 25.000 Kunden vor, die rechtlich gegen VW vorgehen. 9.000 Klagen räumt der VW-Konzern selbst ein. Viele Kunden wollen sich nicht mehr für dumm verkaufen lassen. Und das müssen sie auch nicht .

  • Wenn nach der Nachrüstung des VW, des Audi, Porsche, Seat oder Skoda noch immer Probleme am Wagen auftreten, haben Kunden weitere Ansprüche gegen Volkswagen - die Verjährungsstrategie nützt dem Konzern an der Stelle nichts.
  • Kunden können sogar noch einen Schritt weiter gehen. Das Landgericht Hildesheim hat schon Anfang 2017 die Volkswagen AG zu Schadensersatz verurteilt und spricht von vorsätzlicher Verbraucherschädigung (Az. 3 O 139/16). Solche Delikte verjähren erst zum 31. Dezember 2018.
  • Schließlich gibt es noch die Möglichkeit, bei finanzierten Verträgen den Autokauf über einen Widerruf des Kreditvertrags rückgängig zu machen. Anschließend lässt sich dann auch der Kaufvertrag rückabwickeln. Zahlreiche Autokreditverträge sind fehlerhaft und eröffnen den Kunden diese Chance. 

Die Prozesse gegen VW können sich wie oft bei Rechtsstreitigkeiten mit Konzernen durch mehrere Instanzen ziehen - und wegen der immer drohenden Gutachterschlacht können sie richtig teuer werden. Vor zahlreichen Landgerichten haben VW-Kunden allerdings schon gewonnen, so etwa in Oldenburg, Lüneburg, Braunschweig, Bayreuth, Hagen, München, Wuppertal und Heilbronn. In Braunschweig, Bayreuth und Wuppertal sind die Urteile nach Angaben der Anwälte der VW-Käufer auch rechtskräftig. VW hingegen spricht von 1200 allesamt nicht rechtskräftigen Urteilen - überwiegend zugunsten des Konzerns.

Wenn Sie eine Rechtsschutzversicherung haben, sollten Sie als Kunde dieses Hin und Her nicht schrecken. Auch ohne Rechtsschutzversicherung können Sie das Kostenrisiko einfangen, müssen aber möglichweise auf einen Teil des vor Gericht erstrittenen Geldes verzichten. Die Anwaltskooperation VW-verhandlung.de und der Rechtsdienstleister Myright übernehmen das Prozessrisiko für Sie. Myright hat eine Klage für 15.000 Betroffene vor dem Landgericht Braunschweig eingereicht. VW-verhandlung.de vertritt mehr als 10.000 Geschädigte und hat bislang mehrere hundert Klagen gegen VW auf den Weg gebracht. Rechtskräftige Urteile gibt es bei beiden Konzepten noch nicht. Wenn die Firmen aber am Ende gegen Volkswagen gewinnen, behalten sie einen Teil der erstrittenen Summe. Ein Kostenrisiko haben die Kunden in keinem Fall.

Wie VW Kunden und Behörden getäuscht hat, ist gerade in der vergangenen Woche noch einmal deutlich geworden, als das Kraftfahrt-Bundesamt den Rückruf von 57.600 VW-Touareg anordnete - wegen gleich zwei illegaler Abschalteinrichtungen. Das Motorenmodell ist das gleiche wie beim Porsche Cayenne, der vor einigen Monaten mit dem gleichen Vorwurf vom Amt zurückgerufen wurde. Auch Audi musste deswegen schon Autos zurückrufen.

Im Konzernmanagement bei VW ist offenbar niemand auf den Gedanken gekommen, selbstständig den Rückruf der Touaregs zu betreiben.

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