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13. Juli 2019, 11:14 Uhr

Stiftung Warentest rät

"Auch Ehepartner brauchen eine Vollmacht"

Ein Interview von Arno Makowsky

Vorsorge für den gesundheitlichen Ernstfall sollte schon bei 18-Jährigen ein Thema sein, empfiehlt Simone Weidner von der Stiftung Warentest. Für Vollmachten kommen dabei nicht nur enge Angehörige in Frage. 

SPIEGEL ONLINE: Frau Weidner, Dinge wie Unfall, Krankheit und Tod verdrängt man gerne. Warum sollte man sich damit beschäftigen, solange es einem gut geht?

Weidner: Wir empfehlen tatsächlich, sich schon ab dem 18. Lebensjahr über solche Dinge Gedanken zu machen. Zum Beispiel darüber, was passiert, wenn man nach einem Unfall ins künstliche Koma versetzt wird und nicht ansprechbar ist. Oder wenn man aufgrund einer Krankheit vorübergehend außer Gefecht gesetzt ist. Dann stellt sich die Frage: Wer regelt eigentlich die wichtigen Sachen für mich? Oft gibt es Angehörige oder Freunde, die das machen würden. Also mit Ärzten sprechen, sich um die Wohnung kümmern, die Miete bezahlen. Sie haben dafür aber keine rechtliche Grundlage.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann ich das ändern? Was ist die wichtigste Vorsorgemaßnahme?

Weidner: Das Wichtigste ist, zunächst eine Person zu finden, die bereit ist, mein Leben zu regeln, wenn ich dazu nicht mehr in der Lage bin, und ihr eine Vollmacht zu erteilen. Das können auch mehrere Personen sein. Zum Beispiel eine für Gesundheitsangelegenheiten, eine andere für meine Alltagsangelegenheiten wie Versicherungen.

SPIEGEL ONLINE: Und diese Person ist zum Beispiel bei verheirateten Menschen nicht automatisch der Ehepartner?

Weidner: Nein. Auch Ehepartner brauchen eine Vollmacht, sonst dürfen sie nicht für den anderen entscheiden. Das ist tatsächlich vielen nicht klar.

SPIEGEL ONLINE: Welches Dokument brauche ich für diese Bevollmächtigung?

Weidner: Eine Vorsorgevollmacht. Wir empfehlen, so konkret wie möglich festzulegen, wer für Sie in welchen Angelegenheiten entscheiden soll - zum Beispiel auch in Vermögensangelegenheiten oder bei Behörden. In unserem Vorsorgeset gibt es dafür Musterformulare.

SPIEGEL ONLINE: Was ist noch wichtig?

Weidner: Wenn es bei einer schweren Erkrankung in Richtung Lebensendphase geht, ist eine Patientenverfügung sehr empfehlenswert. Damit weise ich Ärzte an, wie ich in bestimmten Situationen behandelt werden möchte, oder eben nicht behandelt werden will. Vor allem geht es um lebensverlängernde Maßnahmen. Auch dabei muss man sehr konkret formulieren. Viele Gerichte haben entschieden, dass es nicht ausreicht zu sagen, dass man nicht an Schläuchen hängen möchte und keine lebensverlängernden Maßnahmen wünscht.

SPIEGEL ONLINE: Sondern wie muss es sein?

Weidner: Es geht um die konkrete Situation, die konkrete Maßnahme. Um medizinische Anweisungen. Auch hier haben wir Musterformulare zum Ankreuzen, die der aktuellen Rechtsprechung genügen. Unsere Patientenverfügung umfasst sechs Seiten, sie ist auf alle Szenarien ausgerichtet. Zum Beispiel steht da: "Ich möchte bei Herz-Kreislauf-Stillstand keine Wiederbelebungsmaßnahmen." Oder: "Ich möchte nicht künstlich ernährt werden." Oder: "Ich möchte keine Luftnotschmerzen, Angst und Unruhe haben und bitte, mir dagegen Medikamente zu geben, auch wenn diese die Lebenszeit verkürzen."

SPIEGEL ONLINE: In welcher Lebensphase sollte man so eine Patientenverfügung ausfüllen?

Weidner: Das kann jeder für sich entscheiden, am besten so früh wie möglich. Wir empfehlen, sie von Zeit zu Zeit zu aktualisieren. Also nachzusehen, ob man noch mit dem einverstanden ist, was man angekreuzt hat. Vielleicht hat sich auch der medizinische Standard geändert und es gibt neue Behandlungsmethoden. Auch könnten etwa nach 20 Jahren Zweifel darüber aufkommen, ob der Patient noch hinter dem steht, was er vor so langer Zeit verfügt hat. Es ist deshalb sinnvoll, jede Aktualisierung mit Datum zu versehen und zu unterschreiben.

SPIEGEL ONLINE: Wichtig bei einer Patientenverfügung ist, dass man sie im entscheidenden Moment auch findet. Sollte man sie dem Hausarzt geben?

Weidner: Am wichtigsten ist, dass man sie seinem Bevollmächtigten gibt. Am besten stellt man einen Vorsorgeordner mit den wichtigsten Dokumenten zusammen und sorgt dafür, dass die Vertrauensperson darauf Zugriff hat. Wer schon schwer erkrankt ist, kann die Dokumente natürlich auch dem Arzt geben. Die meisten Menschen sterben nicht zu Hause, sondern im Krankenhaus.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ein öffentliches Vorsorgeregister, bei dem man seine Dokumente registrieren lassen kann. Empfehlen Sie das?

Weidner: Ja, durchaus. Das ist eine Stelle der Bundesnotarkammer. Dort können alle Privatpersonen ihre Dokumente online erfassen lassen. Das kostet einmalig 13 Euro. Es ist vor allem dann von Vorteil, wenn jemand ohne Angehörige ins Krankenhaus eingeliefert wird und nicht ansprechbar ist. Dann wird sofort dieses Register gecheckt.

SPIEGEL ONLINE: Kann ich dort auch ein Testament ablegen?

Weidner: Nein, dafür gibt es das Zentrale Testamentsregister. Wir sind in Deutschland, da gibt es für alles ein spezielles Register.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Leute, die keine Vertrauensperson haben?

Weidner: Das ist ein großes Thema. Es gibt immer mehr Singlehaushalte, viele Menschen sind auch einsam. Die können sich zum Beispiel an einen Betreuungsverein wenden. Dort bieten sich Ehrenamtliche als Betreuungsperson an.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Vorsorgeset spielt das Testament eine wichtige Rolle. Auch so ein Thema, über das man nicht gerne nachdenkt. Was muss man darüber wissen?

Weidner: Mit einem Testament legen Sie fest, wie Ihr Vermögen nach Ihrem Tod verteilt wird. Genauso wie andere Vorsorgeunterlagen ist auch ein Testament kein Hexenwerk. Möchten Sie nicht nach der gesetzlichen Erbfolge vererben, können Sie diese mit einer eigenen Verfügung aushebeln. So ein Testament muss aber von Anfang bis Ende handschriftlich und eigenhändig verfasst und mit Datum und Ort unterschrieben werden. Sehr oft wird beispielsweise von Ehepaaren das sogenannte Berliner Testament formuliert. Sie machen damit den jeweils anderen zum Alleinerben. Erst wenn beide Ehepartner gestorben sind, erhalten die gemeinsamen Kinder das Vermögen.

SPIEGEL ONLINE: Vermögens- und Geldangelegenheiten sind auch bei der Vorsorge zu Lebzeiten wichtig. Was muss ich hier regeln für den Fall, dass ich nicht mehr selbst entscheiden kann?

Weidner: Zum Beispiel sieht ein Formular in der Vorsorgevollmacht vor, dass der Bevollmächtigte auf das Girokonto und andere Konten zugreifen darf. Oft geht es um den Verkauf des Hauses oder einer Wohnung - alles Dinge, bei denen es wichtig ist, dass der eigene Wille umgesetzt wird. In der Praxis akzeptieren Banken und Sparkassen solche Vollmachten aber nicht. Die verlangen eine beglaubigte oder notariell beurkundete Vollmacht. Wir raten deshalb, zusammen mit dem Bevollmächtigten zur Bank zu gehen und vor Ort die Vollmacht zu klären.

SPIEGEL ONLINE: Ein relativ neues Phänomen ist, dass man auch den digitalen Nachlass regeln sollte. Also zum Beispiel online geschlossene Verträge. Was kann man hier tun?

Weidner: Man sollte seiner Vertrauensperson ermöglichen, sich auch um sein digitales Leben zu kümmern. Dazu gehören zum Beispiel Passwörter und der Zugriff auf Verträge. Auch das sieht ein Formular in der Vorsorgevollmacht vor.

SPIEGEL ONLINE: Kann ich meine Vorsorgevollmacht und andere Vorsorgedokumente eigentlich auch wieder rückgängig machen?

Weidner: Selbstverständlich, das können Sie jederzeit. Sie müssen sich dann nur darum kümmern, dass Sie die Dokumente zurückbekommen. Sonst gibt es womöglich Missverständnisse. Im Übrigen hat ihr selbst geäußerter Wille immer Vorrang vor einem Dokument. Wenn Sie am Ende sagen, dass Sie weiter beatmet werden wollen, ist es unerheblich, was in der Patientenverfügung steht. Das ist alles nur gedacht für den Fall, dass Sie sich nicht mehr äußern können.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie einem gesunden jungen Menschen, dass er sich um die letzten Momente seines Lebens Gedanken machen soll?

Weidner: Meiner Erfahrung nach ist das gar nicht so schwierig. Viele junge Leute wurden schon mit dem Tod konfrontiert, zum Beispiel, wenn Oma und Opa gestorben sind. Da haben viele mitbekommen, welche wichtige Rolle solche Dokumente spielen können. Es gibt auch Fahrlehrer, die ihre Schüler auf Organspende und Patientenverfügungen ansprechen, und das wird auch angenommen. Die größte Hürde ist, dass viele Leute glauben, man müsste für diese Vorsorge zum Notar. Dabei kann man das alles selbst machen, zum Beispiel auch zusammen mit den Eltern. Man muss sich nur einen Nachmittag dafür Zeit nehmen. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man es hinter sich hat.

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