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11. Juni 2012, 09:46 Uhr

Senfpulver und Farbstoff

Zum Heulen, dieser Wasabi

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Giftgrün und höllisch scharf: Was wäre Sushi ohne Wasabi? Doch in Wahrheit besteht das, was uns Deutschen in Tuben und auf Tellern als Wasabi untergejubelt wird, zumeist lediglich aus billigem Senfpulver und grünem Farbstoff.

Was macht der Mann da bloß? Als ich den Kellner um ein wenig Wasabi zu meinem Sushi gebeten habe, schwebte mir ein Klecks dieser giftgrünen Paste vor. Aber nun steht er mit einer seltsam aussehenden Reibe vor meinem Tisch und zerraspelt eine schwärzliche Knolle.

"Was ist das?", fragte ich.

"Frisch geriebener Wasabi", erwidert der Kellner.

Ich probiere. Die Raspeln schmecken völlig anders als jenes Wasabi, das ich aus anderen Sushi-Restaurants kenne. Ihre Schärfe ist subtiler, wird von einem süßlichen Unterton und dem Geruch ätherischer Öle begleitet. Und froschgrün ist sie auch nicht, eher mintfarben.

"Schmeckt ganz anders als der Wasabi, den es sonst immer gibt", sage ich.

Der Ober antwortet nicht, sondern lächelt nur. Vermutlich erscheint ihm die Wahrheit zu unhöflich, um sie auszusprechen. Sie lautet nämlich, dass ich jahrelang gar keinen Wasabi gegessen habe.

Sondern Chemiepampe.

Denn was uns gemeinhin als Wasabi vorgesetzt wird, ist in Wirklichkeit eine Mischung aus (europäischem) Meerrettichpulver, Maisstärke, den Farbstoffen Brillantblau (E133), Zitronengelb (E102) sowie Senfpulver. Kein Wunder also, dass einen der Geschmack ein bisschen an "Löwen extrascharf" erinnert.

Dass im Wasabi gar kein Wasabi ist, hat zwei Gründe: Frisch geriebenes Eutrema japonica hält sich höchstens eine halbe Stunde. Und es ist teuer, gewissermaßen der Trüffel Japans: Der Kilopreis für eine Wasabiwurzel liegt bei über 200 Euro.

Jahrelange Falschkennzeichnung

Das Resultat ist ein umfassendes Täuschungsmanöver - ein Paradebeispiel dafür, was in Lebensmittelrecht und Lebensmittelkennzeichnung schiefläuft. Denn eigentlich gilt: Wo Wasabi draufsteht, müsste auch Wasabi drin sein. Wenn es sich stattdessen um grün gefärbtes Senfpulver handelt, wäre das auf der Speisekarte oder der Packung zu vermerken.

Man dürfte die Pampe nicht Wasabi nennen, sondern nur "Senfpaste nach Wasabi-Art" oder "Wasabi-Ersatz". Zu einer korrekten Kennzeichnung gehörte in vielen Fällen zudem ein Warnhinweis - wegen des gelben Farbstoffs. Der Kunstwasabi aus dem Asia-Shop enthält nämlich oft Tartrazin. Dieser Azofarbstoff war in Deutschland zwischenzeitlich sogar verboten, weil er Allergien verursacht.

Ein Sushi-Koch erzählt mir, den Restaurant-Wasabi kaufe man in der Regel in großen Tüten. Vor dem Servieren werde er mit Leitungswasser verrührt. "Reine Chemie ist das", gesteht er.

Dem Kunden erklärt das kaum jemand. Ich habe in den vergangenen Monaten darauf geachtet und keine einzige Gaststätte gefunden, die eine korrekte Kennzeichnung verwendete.

Im Supermarkt sieht es kaum besser aus. Dank des kulinarischen Siegeszugs von Sushi gibt es inzwischen Wasabi-Chips, Wasabi-Knuspererbsen und Wasabi-Paste aus der Tube. Beispiele sind "Khao Shong Grüne Erbsen mit Wasabi" oder "Bamboo Garden Wasabi Paste". Gemein ist diesen Produkten, dass sie kein oder wenig Wasabi (in der Regel unter zwei Prozent) enthalten.

Wer schützt einen vor so etwas?

Eigentlich hoffte man als Verbraucher, es gäbe eine staatliche Stelle, die einen vor derlei Phantasiebezeichnungen schützt. Diese Stelle gibt es aber anscheinend nicht, oder sie liegt im Wachkoma.

Der einzige dokumentierte Fall, in dem der Anbieter eines Pseudowasabi-Produkts rechtlich belangt wurde: 2009 untersagte das Landgericht München II dem Hersteller Kattus, einen Snack als "Wasabierbsen" zu bezeichnen, da dieser kein einziges Gramm Wasabi enthielt.

Angestrengt worden war die Klage nicht etwa durch eine staatliche Aufsichtsbehörde - sondern durch den Bundesverband der Verbraucherzentralen. Kattus scheiterte damals mit der interessanten Gegenargumentation, die meisten Kunden wüssten ja gar nicht, was Wasabi sei - ergo könne auch keine Täuschung vorliegen.

Genutzt hat es nichts. Was uns als Wasabi verkauft wird, ist oft immer noch eine zweifelhafte Pulverpaste, die nur wenig mit dem Original zu tun hat. Selbst der gerichtlich abgemeierte Hersteller Kattus macht weiter wie bisher. Seine Tochterfirma Bamboo Garden offeriert "Wasabi-Paste" aus der Tube. Deren Wasabigehalt liegt bei einem Prozent. Auf die Frage, wie sich das mit der Kennzeichnungspflicht vereinbaren lässt, teilt Kattus wacker mit, "dass es sich bei unserem Produkt nicht um Wasabi-Ersatz handelt".

Das ist unsere Lebensmittelbranche. Man könnte Rotz und Wasser heulen, ganz ohne Wasabi-Überdosis.

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