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06. April 2019, 14:07 Uhr

EU-Einstufung der Chemikalie Titandioxid

Weiße Weste für den Weißmacher

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Titandioxid ist allgegenwärtig, etwa in Lacken, Sonnencreme oder Zahnpasta. Und könnte unter bestimmten Umständen krebserregend sein. Aber die europäische Chemielobby will eine entsprechende Kennzeichnung verhindern.

Am Donnerstag könnte die europäische Chemieindustrie einen wichtigen Lobbyerfolg feiern: Wenn alles glattgeht, dann wird die geplante strengere Einstufung des weltweit am weitesten verbreiteten Weißmachers Titandioxid doch nicht kommen. Und damit auch nicht der befürchtete Warnhinweis "möglicherweise krebserregend".

Am Ende wandte sich der Chemielobbyist noch einmal direkt an den Chef der Generaldirektion Umwelt in der EU-Kommission: "Lieber Generaldirektor Calleja Crespo, lieber Daniel", beginnt das Schreiben. "Ich möchte Ihre dringende Aufmerksamkeit darauf lenken, dass wir bei der Klassifizierung von Titandioxid meiner Meinung nach in die falsche Richtung gehen." Verfasst hat den Brief mit Datum 3. März 2019 Marco Mensink, Generaldirektor von Cefic, dem mächtigen Verband der europäischen Chemieindustrie.

Auf vier Seiten erklärt Mensink, warum die Diskussion um den Weißmacher Titandioxid "viel weiterreichende Auswirkungen hat, als für den Stoff allein". Die Experten der Mitgliedstaaten, die am 11. April über die Klassifizierung der Chemikalie entscheiden, heißt es in dem Brief weiter, seien uneinig. Der Grund dafür dürften Aktivitäten der Industrie sein, die seit Jahren darauf hinwirkt, die Einstufung als potenziell krebserregend zu verhindern. Sie streut Zweifel an wissenschaftlichen Studien und zeichnet Katastrophenszenarien.

Für die Hersteller zahlreicher Produkte ist die Chemikalie, von der jedes Jahr Millionen Tonnen produziert werden, enorm wichtig. Titandioxid ist allgegenwärtig, wie Mensink in seinem Schreiben betont: In fast allen Farben und Lacken, in vielen Kunststoffen, Papier und Tinten, in Beton, Klebern und Gummi sowie in Zahnpasta, Sonnencreme oder Tütensuppen. Mit einer strengeren Einstufung würde "die Kreislaufwirtschaft beendet, bevor sie die Chance hat sich zu entwickeln".

Denn sollte der Stoff als möglicherweise krebserregend eingestuft werden, so die Befürchtung, dann wären alle Produkte mit einem Titandioxidgehalt von mindestens einem Prozent nicht mehr recyclingfähig und müssten als gefährlicher Abfall behandelt werden. Und Produkte, die Titandioxid enthalten, trügen künftig den Hinweis "vermutlich krebserregend" - gerade bei Kinderspielzeug oder Sonnencremes dürfte das wenig verkaufsfördernd sein.

Die Chemieindustrie bearbeitet die zuständigen Stellen deshalb seit mehr als zwei Jahren, dies nicht zuzulassen, auch mit Hilfe der Bundesregierung. 2017 hatte der Ausschuss für Risikobewertung der EU-Chemikalienbehörde Echa Titandioxid wissenschaftlich bewertet und eine Einstufung in die Kategorie 2 empfohlen: vermutlich krebserregend bei Inhalation.

Seitdem haben zahlreiche Industrieverbände, auch der deutsche Verband der Chemischen Industrie (VCI) und Lobbyfirmen im Auftrag der Hersteller versucht, diese Einstufung zu verhindern, unter anderem in mehreren Treffen mit der EU-Kommission. Kommissionsmitarbeiter berichten von extremem Druck der Industrie und Streitigkeiten zwischen der Generaldirektion der Kommission für Industrie (DG Grow) und dem Generalsekretariat auf der einen sowie der Generaldirektion Umwelt (DG ENV) auf der anderen Seite.

Nach zahlreichen Treffen von Chemielobbyisten mit wichtigen Kommissionsmitgliedern stehen die Chancen für einen Erfolg der Industrie am kommenden Donnerstag gut. Die Beschlussvorlage, die die Kommission knapp drei Wochen nach Eingang des Briefs von Cefic-Generaldirektor Mensink formuliert hat, sieht vor, keine allgemeine Kennzeichnungspflicht für Produkte mit Titandioxid zu beschließen. Es wäre das erste Mal, dass die EU-Kommission die Empfehlung der Chemikalienbehörde Echa ablehnt und umsetzt, was die Industrie wünscht.

Tatsächlich streitet auch der REACH-Ausschuss über die Aussagekraft der wissenschaftlichen Studien, die die Experten zur Bewertung herangezogen haben. Unter anderem, weil die Experten von den EU-Mitgliedstaaten entsandt werden und vor allem Großbritannien und Slowenien ihre Hersteller schützen wollen.

Nach langer Debatte ist die EU-Kommission der Industrie nun entgegengekommen und empfiehlt die Einstufung als potenziell krebserregend nur für Titandioxid als Pulver - anders als es die Experten wollten. In dieser Form kommt die Chemikalie aber nur zur Weiterverarbeitung zum Einsatz, Verbraucher kommen damit nicht in Kontakt. Damit hat die Industrie zwar ihr ganz großes Ziel nicht erreicht, die Kategorisierung von Titandioxid ganz zu verhindern oder auf viele Jahre zu blockieren.

Aufatmen dürfen aber vor allem die Hersteller von Farben und Lacken, die Chemikalie steckt in 95 Prozent ihrer Produkte - und die Hersteller von Sonnencreme. Denn eigentlich gilt auch die Inhalation des Stoffes in Form von Tröpfchen, wie sie bei Aufsprühsonnencreme oder Sprühlack entstehen, als möglicherweise krebserregend. Dort soll es eine eher wenig abschreckende Warnung geben. Der Vorschlag der EU-Kommission sieht eine Kennzeichnung mit dem Gefahrenhinweis EUH210 vor: "Warnung! Beim Sprühen können sich gefährliche Tröpfchen bilden."

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