Arbeitnehmer Endlich Bildungsurlaub!

Mehr Urlaub gefällig? Darauf haben Sie als Arbeitnehmer ein Recht - wenn sie sich denn dabei weiterbilden, sei es beruflich oder politisch. Wenn Sie's schlau anstellen, gibt der Chef noch extra Geld dazu.

Eine Frau liest am Strand von Duhnen in Cuxhaven in ihren Studienunterlagen
Ingo Wagner / DPA

Eine Frau liest am Strand von Duhnen in Cuxhaven in ihren Studienunterlagen

Eine Kolumne von


Mein erster Bildungsurlaub fand vor der idyllischen Kulisse des Kochelsees in Oberbayern statt. Ich begleitete als Student meine Unidozentin, die in der Georg-von-Vollmar-Akademie ein politisches Seminar für Lehrer und Gewerkschafter hielt.

Bildungsurlaub ist eine grandiose Erfindung, dachte ich damals. Und die Gelegenheit zur Fortbildung, nicht zuletzt auch zu politischer Bildung, sollte jeder Arbeitnehmer während seines Erwerbslebens regelmäßig haben.

Was ich damals noch nicht wusste: Bildungsurlaub ist bezahlte Bildungszeit, für die der Arbeitgeber den Lohn weiterzahlt. Wie viel Urlaub und für welche Veranstaltungen - das ist in jedem Bundesland anders geregelt. Bildung ist schließlich Ländersache.

Genau gesagt: In fast jedem Bundesland ist das so. In Sachsen und Bayern gibt es tatsächlich immer noch keinen gesetzlich geregelten Bildungsurlaub, dafür allerdings mehr Feiertage. Ein Kollege scherzte kürzlich, das liege daran, dass dort seit jeher die Union regiere und dass die kein Interesse an politischer Bildung für Arbeitnehmer habe.

Solchen Verschwörungstheorien hänge ich nicht an, aber die Bundesländer mit Ausfall kann ich mir so besser merken. Einschränkung: Einzelne Tarifverträge ermöglichen selbst dort einen - dann aber oft unbezahlten - Bildungsurlaub. Am Wochenende der Europawahl denke ich, eigentlich wäre ja so viel politische Bildung wie möglich wünschenswert. Auch in Sachsen.

  • Wie sind die Regelungen nun genau?

Im Kern geht es normalerweise um fünf Tage im Jahr, die man am besten zwei Monate oder länger vorher dem Arbeitgeber ankündigt. Und zu denen man nur auf ein Seminar fahren darf, das als Bildungsurlaub anerkannt ist. Beamte können meist Sonderurlaub nehmen, das Nähere regelt für sie meist ein eigenes Gesetz. Das geht sogar in Bayern.

In einigen Bundesländern kann ich die fünf Tage sogar aufsparen und dann im zweiten Jahr insgesamt zehn Tage Bildungszeit nehmen. Oder nur drei im ersten Jahr und dann sieben im zweiten.

Voraussetzung: Ich habe den Übertrag der Tage vor dem Jahresende meinem Arbeitgeber ordentlich angemeldet. Und ich lebe in glücklichen Bundesländern wie NRW, Berlin, Brandenburg, oder Hamburg, die einen solchen Übertrag erlauben.

Auszubildende dürfen in einigen Bundesländern weniger Bildungsurlaub nehmen, in anderen wie Berlin sogar 10 Tage im Jahr - allerdings nur zur politischen Bildung. Fast immer gilt, Arbeitnehmer müssen erstmal ein halbes oder ganzes Jahr in der Firma gearbeitet haben. Und dann gibt es zum Beispiel in Brandenburg Detailregelungen, dass bei Kleinfirmen in jedem Jahr höchstens 30 Prozent der Beschäftigten Bildungsurlaub bekommen müssen.

  • Welche Bildung dürfen Sie im Bildungsurlaub genießen?

Prinzipiell jede: Politische Bildung sowieso, und ansonsten alles, was im weitesten Sinne für Ihre Arbeit nützlich ist. Voraussetzung ist, dass der gewählte Kurs in Ihrem Heimatbundesland als Bildungsurlaub anerkannt ist.

Brandenburg hat fast 4500 Angebote auf seiner Bildungsurlaub-Seite. Berliner Arbeitnehmer können Englischkurse auf Hawaii, Arabischkurse am Roten Meer besuchen und politische Bildung in Peking genießen, bezahlen müssen sie den Kurs ohnehin selbst.

Mehr Verständnis finden Sie bei ihrem Arbeitgeber aber vielleicht, wenn es im weiteren Sinn eine berufliche Fortbildung ist. Bei quasi-beruflicher Fortbildung gelingt die Terminabsprache mit dem Chef leichter, manche Arbeitgeber gewähren zusätzlich zur Lohnfortzahlung sogar Zuschüsse zum Kurs.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

In jedem Fall können Sie bei relativ berufsnahen Fortbildungen die Kosten bei der Steuer angeben und so vom Finanzamt einen Teil der Fortbildungskosten zurückholen. Das gilt für das SEO-Bootcamp auf Teneriffa ebenso wie für die bundesweit angebotene Pivot-Excel-Schulung an der Volkshochschule Köln. Da können Sie Ihrer Firma anschließend erhöhte Arbeitsmotivation fast in die Hand versprechen.

Bei manchen eher exotischen Fortbildungen tun sich die Vorgesetzten schwer mit der Einsicht, mit dem Zuschuss sowieso. Wenn der Chef argumentiert, Ihr Urlaubsplan diene weder beruflichen noch politischen Zwecken, könnte er auch ablehnen. Im schlimmsten Fall landet die Frage dann vor dem Arbeitsgericht. Die legen berufliche Zwecke aber relativ weit aus. "Yoga - erfolgreich und entspannt im Beruf" war der Titel eines Seminars, das das Landesarbeitsgericht Berlin gerade anerkannt hat (Az. 10 Sa 2076/18).

Wie gesagt: Oft können Sie die Kosten des Bildungsurlaubs sogar beim Finanzamt angeben. Aber das Finanzamt muss den Kurs nicht unbedingt sofort anerkennen. Auch hier gilt: Versuch macht klug. Einen Spanisch-Sprachkurs in Mexiko musste ein Finanzamt in Rheinland-Pfalz nach dem Urteil des dortigen Finanzgerichts schon vor zehn Jahren anerkennen (Urteil vom 23. November 2009, Az. 2 K 1025/08).

  • So gehen Sie vor

Um schon Ihren ersten Antrag auf Bildungsurlaub zum Erfolg zu machen, hier eine Schritt-für-Schritt Anleitung.

1) Sie prüfen am besten früh, wie viel Bildungsurlaub in Ihrem Bundesland möglich ist.

2) Finden Sie heraus, welche Kurse in ihrem Bundesland zulässig sind, zum Beispiel auf der Webseite Bildungsurlaub.de.

3) Sprechen Sie mit Ihrem Arbeitgeber Monate im Voraus über Ziele und Bildungstermine. Wenn er Ihre Motivation versteht, fällt es ihm leichter zuzustimmen, auch wenn Sie die Zustimmung gesetzlich nicht brauchen.

4) Machen Sie dem Arbeitgeber deutlich, dass der Bildungsurlaub auch für die Firma wertvoll ist. Vielleicht lässt er sogar einen Zuschuss springen.

5) Fahren Sie auf Bildungsurlaub! Wichtig: Dokumentieren Sie alle Kosten .

6) Wenn der Bildungsurlaub nachvollziehbar Ihre Karriere oder Ihre aktuelle Tätigkeit unterstützt und Sie das vermitteln können, dann heben sie die Unterlagen fürs Finanzamt auf, Stichwort Werbungskosten.

Mein erster Bildungsurlaub in Kochel am See blieb übrigens nicht ohne Folgen. Daraus ergab sich nämlich ein Gutachten für ein Stipendium in Texas, anschließend arbeitete ich als freier Journalist für eine US-Nachrichtenagentur, wurde Redakteur und später stellvertretender Chefredakteur bei der "taz", dann bei der Stiftung Warentest und jetzt bei "Finanztip". Ich bin den Erfindern des Bildungsurlaubs und meiner damaligen Dozentin bis heute dankbar dafür.

In der Vollmar-Akademie in Kochel am See findet übrigens im Juli ein im Bundesland Berlin anerkanntes politisches Seminar statt: "Die EU und der Populismus - eine Bestandsaufnahme nach der EU-Wahl".



insgesamt 33 Beiträge
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carryflag 25.05.2019
1. Willkommen im Paradies
Politische Bildung, schon klar? 99% aller AN machen doch nicht ersthaft eine Fortbildung für die eigene politische Bildung/den Arbeitsplatz unter dem Modell des "Bildungsurlaubs". Das gibt es doch meistens ohnehin beim AG. Den Zusatzurlaub spart man sich auf. Englischkurz auf Malta von 10:00 - 14:00, der Rest ist dann? Das wird dann noch steuerlich gefördert. So geht lebenslanges lernen. In den "beliebtesten" Kursen wir bestenfalls Basiswissen vermittelt. Wer sowas benötigt kann doch bestenfalls in einer Tätigkeit arbeiten, die es in 10 Jahren aufgrund der Digitalisierung ohnehin nicht mehr geben muss. Aber Hauptsache wir haben Bildungsurlaub - dann muss ja alles gut sein. Welche eine Inkompetenz und Ignoranz vor der Zukunft.
moinhummel 25.05.2019
2. Und wer soll das alles bezahlen?
Bezahlen? Ach ja, ist ja klar, der Kapitalist, das ist doch ganz einfach. Wir haben bei uns 30 Tage Urlaub + 0,5 an Weihnachten + 0,5 an Sylvester + durchschnittlich 8 Feiertage (an Wochentagen) + durchschnittlich 10 Tage Ausfall wegen Krankheit. Von den 260 Wochentagen im Jahr bleiben somit 210 Tage zum Arbeiten. Ok, das ist alles gut so, müssen wir uns aber mal klarmachen, fast 20%. Unseren Wohlstand müssen wir uns irgendwann auch mal erarbeiten. Bei uns haben wir das mit der Fortbildung so geregelt, dass die gesamten Kosten der Arbeitgeber trägt, die Mitarbeiter die Zeit investieren. Ein fairer Deal für beide Seiten. Yoga? Ist privat klasse, mit dem Arbeitgeber hat das aber rein gar nichts zu tun. Was für ein Quatsch!
Immanuel K. 25.05.2019
3. So, so...
Zitat von carryflagPolitische Bildung, schon klar? 99% aller AN machen doch nicht ersthaft eine Fortbildung für die eigene politische Bildung/den Arbeitsplatz unter dem Modell des "Bildungsurlaubs". Das gibt es doch meistens ohnehin beim AG. Den Zusatzurlaub spart man sich auf. Englischkurz auf Malta von 10:00 - 14:00, der Rest ist dann? Das wird dann noch steuerlich gefördert. So geht lebenslanges lernen. In den "beliebtesten" Kursen wir bestenfalls Basiswissen vermittelt. Wer sowas benötigt kann doch bestenfalls in einer Tätigkeit arbeiten, die es in 10 Jahren aufgrund der Digitalisierung ohnehin nicht mehr geben muss. Aber Hauptsache wir haben Bildungsurlaub - dann muss ja alles gut sein. Welche eine Inkompetenz und Ignoranz vor der Zukunft.
Englischkurz auf Malta von 10:00 - 14:00... Zumindest in Hessen würde das nicht als BU durchgehen - hier muss der Kurs mindestens sechs Stunden/Tag umfassen (also 30Std./Woche), sonst ist er nicht anerkennungsfähig. Ich nehme dieses Angebot seit einigen Jahren wahr, packe den BU immer um meinen Jahresurlaub herum (3,5 Wochen Kanaren - davon 1 Woche BU) und kann mich deshalb ganz gut auf spanisch verständigen. In Hessen gibt es übrigens auch die Möglichkeit des Übertrages von BU (HBUG § 5 Abs. 8)...
53er 25.05.2019
4. Grotesk!
Tenhagen schreibt von einer Arbeitswelt, die es für die allermeisten in Deutschland so nicht gibt. Er macht somit den gleichen Fehler wie auch viele Politiker und verallgemeinert seine eigenen beruflichen Möglichkeiten. Was wollt ihr denn, ist dich alles paradiesisch, ihr braucht nur den Antrag stellen oder auch: Das Volk hat kein Brot, dann sollen sie Kuchen essen! Welchen Bildungsurlaub soll z.B. ein Paketzusteller beantragen? Paketweitwurf im schönen Sauerland? Oder die Hotelfachfrau? Schöner servieren mit Gräfin XY? Oder der Schreinergeselle? Präzisionshobeln auf den Malediven? Der Bildungsurlaub bleibt eine Farce für immer die gleichen Privilegierten und so zu tun, als könnten ihn alle in Anspruch nehmen ist einfach nur lächerlich!
pedites 25.05.2019
5. Genau, für kleine Betriebe ein absolutes "Muss"
Auf Grund der hohen Personalkosten können wir uns nur einen Angestellten leisten. Wenn der krank wird (wie aktuell) hängt alle Arbeit an uns. 24/7 ist für uns Realität inkl. Wochenende und Feiertage. Gebt doch noch ein paar mehr Tipps, wie man als armer, armer Arbeitnehmer noch mehr Urlaub beim bösen Arbeitgeber raus schinden kann......
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