Hermann-Josef Tenhagen

Altersvorsorge Welche Fehler Sie bei der Riester-Rente vermeiden sollten

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Die Riester-Rente kann dank staatlicher Zulagen für Kunden durchaus lohnend sein. Doch die Rendite ist schnell wieder weg, wenn man die wichtigsten Fallen nicht kennt.
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Jochen Tack / imago images

Hunderttausende Riester-Rentner gibt es inzwischen. Rentner, die Monat für Monat angesparte und von uns Steuerzahlern geförderte Riester-Renten ausgezahlt bekommen. Milliarden sind geflossen. Und trotzdem sind viele dieser Rentner unzufrieden. Das hat gute Gründe, in den meisten Fällen liegen die im System »Riester«. Riester ist zu kompliziert. Was allenfalls den Anbietern nützt. Bei den Kunden fördert es Fehlentscheidungen.

Friedhelm T. (der Name ist natürlich geändert) hat vor 13 Jahren einen Riester-Vertrag bei Union Investment abgeschlossen. Eine Riester-Rente mit Fonds, die könnten viel Renditen bringen . Union Investment, das ist die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken, die Firma mit den meisten Riester-Kunden überhaupt. Gekauft hatte T. den Vertrag damals bei einer Sparda-Bank.

Der Anleger

Seit 2019 bekommt T. eine Rente ausgezahlt, und er ist enttäuscht. Auf dem Riester-Fonds-Konto waren 30.300 Euro, nur 2400 Euro mehr als er selbst eingezahlt und als Förderung vom Staat bekommen hatte. Eine mickrige Rendite von rund 1,5 Prozent. Bei einem Wertpapierfonds. Während die Börse sich verdoppelt hat. So viel zur Enttäuschung mit seinem Riester-Anbieter Union Investment. Doch damit nicht genug.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von »Finanztip«. Der Geldratgeber ist Teil der gemeinnützigen Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Vereinbart hat er 2019, 30 Prozent des Riester-Vermögens zu Beginn seiner Rente auf einen Schlag ausgezahlt zu bekommen. Gut 9000 Euro waren das, für die er im Nachgang 2500 Euro an Steuern zu zahlen hatte. Von seinem Fondsvermögen sind außerdem fast 6000 Euro abgegangen, die die Fondsgesellschaft an die angeschlossene R+V Versicherung überwiesen hat. Alles rechtens, alles wie im System »Riester« angelegt: Die 6000 Euro sind für T.s »Rente ab 85«. Der Hintergrund: Riester zahlt immer lebenslänglich. Auch bis 104, 107, 110 und darüber hinaus. Renten ab 85 aber – so will es der Gesetzgeber – müssen über eine Rentenversicherung abgewickelt werden. Welche Rentenversicherung diese Arbeit übernimmt, das entscheidet nicht der Kunde selbst. Sondern der Anbieter des Riester-Vertrags. Hier also Union Investment.

Da wundert es nicht, dass die Manager von Union Investment die schwesterlich verbundenen Manager der R+V wählen. Die hätten ein sehr gutes Angebot gemacht, heißt es bei der Fondsgesellschaft.

Für T.s Rente, die er in den kommenden 20 Jahren bekommen will, bleibt gut die Hälfte vom Fondsvermögen.

Das System

T. erlebt live einige der großen Untiefen des Riester-Systems. Er sieht die häufig zu hohen Kosten und er leidet unter dem Nicht-Verstehen des Systems, das dann leicht zu Fehlern führt. Die am Ende teurer sind.

Gutverdiener wie T. bekommen eine ordentliche Förderung, wenn sie riestern. Einmal jedes Jahr 175 Euro direkte Förderung, am Anfang waren das 154. Die musste er nicht in den Vertrag einzahlen, die kamen automatisch auf den Vertrag drauf, wenn er sie beantragte und selbst nur genug einzahlte . Dazu konnte er sich jedes Jahr einen Steuervorteil durch die Riester-Einzahlung sichern – da kommen für Menschen wie T. schnell 500 Euro oder mehr vom Finanzamt zurück. Jährlich.

Beispiel: Ein lediger Arbeitnehmer ohne Kind mit rund 70.000 Euro Jahresgehalt kann dank des Sonderausgabenabzugs mit seiner Steuererklärung jedes Jahr eine Steuererstattung von rund 580 Euro  herausholen. Die Steuerersparnis steigt mit dem Steuersatz. Besserverdienern und kinderlosen Steuerzahlern bringt der Sonderausgabenabzug oft mehr als die Zulagen. Im Steuerbescheid verrechnet das Finanzamt die ausgezahlte Zulage mit dem Steuervorteil. In diesem Beispiel bekommt der Riester-Sparer neben der auf dem Vertrag gutgeschriebenen 175 Euro Grundzulage noch zusätzlich rund 580 Euro als Steuererstattung aufs Konto. Wieder jährlich.

Nach 13 Jahren hat T. dann mit den eigenen Einzahlungen und der direkten Förderung über 27.000 Euro auf dem Konto liegen. Mit diesem Geld konnte der Anbieter eine Rendite erwirtschaften.

Die Kosten

Doch je mehr Kosten ein Anbieter für sich selbst abzieht, desto schwieriger wird das mit der Rendite. Wenn zum Beispiel wie in T.s Fall Union Investment für die Einzahlungen auf dem Fondskonto immer 5 Prozent Ausgabeaufschlag berechnet. Und der Kunde dann für die 27.000 Euro Einzahlung schon mal 1350 Euro Provision bezahlt. Zusätzlich fallen dann noch jährlich Verwaltungsgebühren für den Fonds ab, bis zu zwei Prozent. Das sind im ersten Jahr nur 40 Euro, im letzten Jahr aber könnten das bis zu 500 Euro sein. Addiert man diese Gebühren, zahlt T. aus seinem Konto für die Verwaltung seines Riester-Vermögens etwa 2500 bis 3000 Euro.

Diese insgesamt rund 4000 Euro Kosten müssen die Fondsmanager bei der Union Investment erst mal verdient haben, bevor der Kunde überhaupt eine Rendite für seine Einzahlung sieht. Und diese Rendite beträgt in unserem Fall eben 2400 Euro.

Der Geförderte

Aus der Sicht des Kunden T. sieht die Welt eigentlich freundlicher aus als aus der Sicht des Anlegers T. Denn der Kunde hat ja vom Steuerzahler 13 Jahre lang 175 beziehungsweise (bis 2017) 154 Euro an Förderung geschenkt bekommen, also insgesamt gut 2000 Euro. Hinzu kommen 13-mal 500 Euro Steuervorteil, also noch mal 6500 Euro.

Beides hat Anleger T. aber angesichts der mageren Anlagerendite schon vergessen. Die Steuervorteile hat er in den vergangenen Jahren einfach mitgenommen. Die Leistung des Steuerzahlers hat er nicht gewürdigt.

Der Rentner

Zurück ins Jahr 2019. Als T. entschied, sich zu Rentenbeginn einen kleinen Geldregen zu gönnen und beschloss, sich aus dem Riester-Vermögen 30 Prozent auf einen Schlag auszahlen zu lassen.

T. sieht also 30.000 Euro auf dem Konto und zieht eine der vielen Riester-Klauseln-Optionen. 30 Prozent der Sparsumme, das sind gut 9000 Euro, und die lässt er sich sofort auszahlen. Über den anstehenden Geldregen vergessen hat T., dass er die einst steuerfrei eingezahlte Riester-Rente im Alter versteuern muss. Und das gilt eben auch für jene 9000 Euro. Das Finanzamt verlangt dafür jetzt 2500 Euro an Steuern.

T.s Fehler daran ist vor allem die Eile. Er lässt sich die 9000 Euro noch in jenem Jahr auszahlen, in dem er noch zu einem großen Teil regulär gearbeitet hat. Sein Einkommen macht durch die 9000 Euro extra einen Sprung – und die Steuern, die er nachzahlen muss, springen mit.

Das zu vermeiden, wäre einfach gewesen. Hätte er mit der Auszahlung der Riester-Rente bis Januar 2020 gewartet, hätte er neben den 9000 Euro nur seine gesetzliche Rente beim Finanzamt angeben  müssen. Schnell hätte er 1000 Euro Steuern weniger gezahlt.

Von T.s Unverständnis für die Heesters-Regel ab 85 hatte ich oben schon berichtet. Dass 6000 Euro von seinem Ersparten jetzt extra für eine Rentenversicherung ab 85 zurückgelegt werden, hat Fondssparer T. nicht gewusst. Oder zumindest hat sich nicht daran erinnert, dass ihn die Verkäufer bei der Sparda damals darauf aufmerksam gemacht hätten.

Aus Sicht des Staates, also auch aus unserer Sicht als Steuerzahler, ist die Heesters-Regel ja durchaus nachvollziehbar. Wir wollen nicht erst die Riester-Sparer mit viel Geld fördern, um dann im hohen Alter immer noch extra für sie aufkommen zu müssen. T. weiß inzwischen, dass das Geld ab 85 weiter seins ist, aber es fühlt sich nicht so an, er kommt ja nicht ran. Sein Frust über Riester wächst, obwohl wir Steuerzahler ihn weiter fördern.

Auf Nachfrage haben die Mitarbeiter von Union Investment mir Zahlen genannt, die zeigen, dass T.s Geschichte kein Einzelfall ist. Die Summe nicht, die Rendite nicht, das Unverständnis wohl auch nicht. Jeder Schritt wird mir erklärt, die Steuerfalle ist verstanden, Möglichkeiten, ihr zu entkommen, werden wenigstens genannt. 

Bei anderen Anbietern ist die Situation der Kunden wohl eher noch schwieriger. Beim Versicherer Generali will man sich zu Renten und Renditen der Kunden lieber erst gar nicht äußern. Es handele sich da um Zahlen, »die das Unternehmen sicher weiß, die wir aber nicht für Dritte nach draußen geben«, so ein Sprecher.

Ergo und Allianz, die anderen großen Riester-Anbieter, lassen sich die Information auch nach mehrfachem Nachfassen nicht entlocken.

Mindestens das Bundesarbeitsministerium müsste doch ein elementares Interesse haben zu verstehen, was bei den Riester-Sparern am Ende wirklich ankommt. Zum einen, weil Riester ja Ersatz für staatliche Rentenkürzungen der Schröder-Ära ist. Und zum anderen, weil wir Steuerzahler Riester mit Milliarden subventionieren. Doch auch im Arbeitsministerium weiß man nicht viel.

Das Ministerium weiß nicht, wie viele Rentner aktuell eine Riester-Rente bekommen. Eine Auswertung sei nach 17 Jahren Riester-Rente zwar »grundsätzlich möglich geworden«, heißt es in einem Schreiben auf Anfrage. Aber es gebe noch »erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich der Datenqualität«. Wie viele Riester-Sparer sich kleine Renten komplett auf einen Schlag haben auszahlen lassen, weiß das Ministerium schon mal gar nicht. Dabei ist diese Auszahlungsform im Gesetz extra so vorgesehen. Ende 2019 hatten mir die Anbieter bestätigt, dass sie deutlich mehr Riester-Renten auf einen Schlag ausgezahlt hatten, denn als monatliche Rente. Damals waren es knapp 300.000. Nicht einmal, für wie viele Verträge der Staat aktuell noch Riester-Förderung bezahlt, konnte das Ministerium diese Woche beantworten.

Ich habe immer gesagt: Eine gute Riester-Rente lohnt sich für den Sparer, schon wegen der Förderung. Nach der Odyssee von T. weiß ich eines noch besser: Wenn Sie so einen Riester-Vertrag haben, tun sie alles, um mindestens die staatliche Förderung mitzunehmen, denn die ist ihre wirkliche Rendite. Auf die Fähigkeiten der Anbieter, Ihr Geld gewinnbringend anzulegen, sollten Sie dagegen nicht allzu sehr setzen.

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