Verbrauchernepp Schwer geteebeutelt

Margarine senkt den Cholesterinspiegel, Cranberrys stärken die Schleimhäute? Aufgeklärte Kunden sind gegen solche Marketingtricks eigentlich immun. Aber wer kann schon einem Tee widerstehen, der hemmungslosen Sex verspricht? Eine Abrechnung mit der Fühl-dich-gut-Industrie.
Wellnesstee: "Wir haben 'Mutquelle', 'Lebensfreude' und 'Fühl Dich stark'"

Wellnesstee: "Wir haben 'Mutquelle', 'Lebensfreude' und 'Fühl Dich stark'"

Foto: Corbis

Die noch kühlen Frühlingsabende sind die perfekte Teezeit. Man brüht sich eine Kanne Kräuterinfusion, muckelt sich auf dem Sofa ein und schaut zu, wie die Kandiskluntjes in ihre Bestandteile zerfallen.

Behaglicher geht's kaum. Tee ist eben ein Wellnessprodukt, er war es schon, bevor es den Begriff überhaupt gab. Inzwischen haben das leider auch die Marketingfuzzis der großen Lebensmittelkonzerne spitzgekriegt - und sich Gedanken darüber gemacht, wie man "tea related products" - also teeähnliche Produkte -, mit noch mehr Wohlfühlgefühl aufladen, wie man noch mehr "emotional involvement" in dieses wichtige Trockenfertigprodukt hineinbekommen kann.

Und schon ist es vorbei mit der Behaglichkeit.

Als ich neulich bei Freunden auf dem Sofa Platz genommen hatte, bot man mir Tee an. "Wir haben 'Mutquelle', 'Lebensfreude' und 'Fühl Dich stark'", sagte die Gastgeberin.

"Aber mir geht es gut", erwiderte ich vorsichtig. "Ich habe nur einen leichten Schnupfen."

Meine gegen Sarkasmus unempfindliche Bekannte nickte und kramte im Küchenschrank. "Also etwas, das Dich auflädt, Tom. Dann nehmen wir 'Fühl die Energie'."

Fühl den Würgreflex

Das Einzige, was ich fühlte, war Verzweiflung. Denn wie bei all diesen Happy-Tees lieferte der blumige Name auch hier keinerlei Hinweise, was eigentlich drin ist. Schnöde Kamille? Oder eine Mischung aus geraspelter Schuhsohle und Bachblütenextrakt?

Leider kam es noch schlimmer. Ich nippte, und von Energie konnte keine Rede sein. Stattdessen attackierte ein penetrantes Maracuja-Aroma meine Geschmacksknospen. "Fühl den Würgreflex", wäre ein passenderer Name für diese Plörre gewesen.

Nun sind halbseidene Heilsversprechen im Marketing ja nichts Neues, zumal in der Lebensmittelindustrie. Es gibt Joghurt, der vor grippalen Infekten schützen, und eine Beere, die muskulöser und potenter machen soll.

Geschenkt - aber wie konnte es passieren, dass mein Freund, der Tee, zu einem derart albernen Produkt mutiert ist? Es gibt im Supermarkt inzwischen ein ganzes Regal voller Aufgussbeutelchen mit Namen wie "Glückliche Mutter" (fördert "emotionale Wärme und Gelassenheit") oder "Schülerglück" (für "Konzentration und Lernfreude"). Wer sich als echter Kerl jetzt irgendwie ausgegrenzt fühlt, der sei unbesorgt: Es gibt auch "Managertee".

Der sorgt laut Etikett für "Durchsetzungskraft und Entscheidungsfreude". Probieren Sie es mal aus. Eine Kanne davon, und es wird Ihnen viel leichter fallen, endlich diesen blöden Schluffi aus der Buchhaltung zu feuern, den Sie seit Wochen vor die Tür setzen wollen. Immer noch Skrupel? Der hat Familie? Los, noch einen Becher.

Wie wäre es mit der fruchtigen Mischung "Bring den Müll raus"?

Das aus Herstellersicht Genialische an Wellnesstees ist, dass diese aus vielen verschiedenen Kräutern bestehen. Ein typischer Wohlfühlbeutel enthält Brombeerblätter, Süßholzwurzel, Kamille, Lemongras, Zitronenverbene, Anis, Fenchel, Melisse, Frauenmantelkraut sowie zehn andere Dinge, von denen Sie vermutlich noch nie im Leben gehört haben.

Das Ergebnis schmeckt in der Regel wie die ausgekochte Schurwollsocke eines Castorgegners, ist aber vermutlich ein Renditekracher. Denn während man bei Darjeeling oder Pfefferminz noch Qualitätsunterschiede bemerken mag, schmecken diese Kräuterpotpourris alle gleich. Selbst wenn es sich um gehäckselte Gartenabfälle handeln sollte - kein Mensch würde es merken.

Umso wichtiger ist der Name. Wenn ein Tee "Sweet Kiss" oder "Frecher Flirt" heißt - wen interessiert dann schon, was drin ist?

Wobei ich dem Zeug nicht jeden Nutzen absprechen will. So ein Romantik-Tee kann durchaus hilfreich sein. Wer etwa der Meinung ist, seine langjährige Beziehung erkalte allmählich, der kauft einfach "Heiße Liebe". Als Scharfmacher taugt der nicht, aber man kann die Packung mahnend ins Küchenregal stellen, sozusagen als stumme Anklage.

Bei solchen Beziehungstees, da ist noch Potential: Wie wäre es mit der fruchtigen Mischung "Bring den Müll raus", oder der Bachblütenkomposition "Früher brachtest Du mir Blumen". Und wenn das alles nichts hilft, brühen Sie sich den Mate-Aufguss "Verzweifelt wach liegen" - oder gleich die Vanille-Chili-Melange "Familientherapie".

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