Weltwirtschaft nach G20 Eine unheilvolle Dynamik

Die Annäherung zwischen USA und China auf dem G20-Gipfel ist ein gutes Signal. Doch die Gefahr eines globalen Handelskriegs ist keinesfalls gebannt. Denn eine destruktive Dynamik ist im Gange.

Donald Trump, Xi Jinping
Susan Walsh/AP/dpa

Donald Trump, Xi Jinping

Eine Kolumne von


Die Eskalation scheint abgewendet, für den Moment jedenfalls. Die USA und China wollen wieder verhandeln. Darauf immerhin haben sich die Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping am Rande des G20-Treffens einigen können.

Dass der weltweite Handelskonflikt rückabgewickelt wird, ist allerdings nicht sonderlich wahrscheinlich, so wünschenswert ein solches Befriedungsszenario wäre.

Eine unheilvolle Dynamik ist im Gange. In den vergangenen zwölf Monaten habe es "einen dramatischen Anstieg" bei Zöllen und anderen Importbeschränkungen gegeben, warnte kurz vor dem Gipfel die Welthandelsorganisation (WTO). Schon jetzt lahmt der internationale Handel. Es kann leicht noch schlimmer werden.

Denn der Konflikt beschränkt sich nicht nur auf den sino-amerikanischen Güteraustausch, er erstreckt sich auch auf sensible Gebiete wie den Schutz geistigen Eigentums und die Subventionskontrolle in China. Komplizierte Themen, die tief in die nationale Souveränität hineinreichen und sich nicht so einfach bei einem Gespräch am Rande eines Gipfels abräumen lassen.

Und Trump hat bereits die nächsten handelspolitischen Gegner benannt, darunter die EU (zumal Deutschland), Japan und Indien. Beim G20-Treffen hat er dann zwar Kanzlerin Angela Merkel öffentlich geschmeichelt. Aber das heißt nicht viel: Die Inszenierung des Unerwarteten gehört zur politischen Performance des US-Präsidenten.

Handelskonflikte können sich leicht ausweiten. Wenn ein Land die Zollschranken herunterlässt, weichen die betroffenen Exporteure typischerweise auf andere Absatzmärkte aus. Die dortigen Regierungen wiederum versuchen, ihre heimischen Produzenten vor dem plötzlichen Anstieg der Einfuhren abzuschirmen - und verhängen ebenfalls Zölle, obwohl sie das eigentlich gar nicht vorhatten.

Entsprechend dieser Logik erschwert zum Beispiel die EU inzwischen Stahlimporte. Sie reagiert damit auf die Folgewirkungen der US-Einfuhrbeschränkungen gegen China. Die Chinesen wiederum erheben nun beispielsweise hohe Zölle auf europäische Stahlröhren.

Ein Dominoeffekt setzt ein. Ein Zoll folgt auf den anderen, immer mehr Akteure werden in den Konflikt hineingezogen - eine destruktive Dynamik.

Das große Konfliktszenario

Die Gefahr eines ausgewachsenen globalen Handelskriegs ist also längst nicht vom Tisch. Wie er ablaufen könnte, haben die WTO-Ökonomen Eddy Bekkers und Robert Teh kürzlich auf Basis eines empirisch fundierten Modells durchgespielt. Die Ergebnisse sind ebenso bedrohlich wie einleuchtend.

Im Szenario des großen Wirtschaftskonfliktes ist die internationale Handelsordnung zusammengebrochen. WTO-Regeln gelten nicht mehr. Stattdessen herrscht das Recht des Stärkeren - das Powerplay der großen Mächte.

Die Einfuhrzölle würden dann im weltweiten Schnitt um das Siebenfache steigen. Der Welthandel würde über die kommenden vier Jahre um 18 Prozent schwächer ausfallen; Einkommen und Wirtschaftsleistung wären um zwei Prozent geringer. Weltweit würden 69 Millionen Menschen ihren Job verlieren.

Große, reiche Volkswirtschaften wie die USA und die EU dürften wegen ihrer schieren ökonomischen Macht am Ende deutlich höhere Zölle erheben als andere Länder von ihnen verlangen. China wird der Modellrechnung zufolge ein in etwa ausgeglichenes Verhältnis von Im- und Exportabgaben erreichen.

Kurz: Einzelne Volkswirtschaften würden höchst unterschiedlich getroffen. Faustregel: Je kleiner und je offener ein Land ist, desto heftiger bekäme es die Eskalation zu spüren. Während große Länder damit drohen können, ihren voluminösen Binnenmarkt für Einfuhren weitgehend dichtzumachen, verfügen kleine Länder über keine vergleichbaren Hebel. Entsprechend werden sich die Kleinen hüten, die Großen übermäßig durch hohe Importzölle zu provozieren.

Ungemütlich würden die Zeiten insbesondere für kleinere Volkswirtschaften im Orbit der großen Drei: Kanada und Mexiko wären ebenso hart getroffen wie Taiwan, die Türkei oder die sogenannten EFTA-Länder Norwegen, Schweiz, Island und Liechtenstein. Sie alle würden kaum höhere Zölle erheben können, müssten aber selbst für Exporte deutlich höhere Abgaben zahlen - zumindest wenn das nordamerikanische Freihandelsabkommen USMCA und der Europäische Wirtschaftsraum zwischen der EU und den EFTA-Ländern auseinanderbrechen.

Wer gewinnt den Handelskrieg?

Die EU insgesamt wäre im Szenario der WTO-Ökonomen vom Handelskrieg vergleichsweise wenig betroffen. Der Handel zwischen den EU-Ländern würde sogar ansteigen: Weil der Austausch mit Partnern außerhalb der EU schwieriger wird, könnte der Binnenmarkt noch enger zusammenwachsen.

Auch innerhalb Europas würden allerdings deutliche Verschiebungen auftreten. Profitieren würden der Studie zufolge Branchen, die durch die Globalisierung zuletzt gelitten haben: die Textil- und Lederwarenproduktion sowie Teile der Landwirtschaft; durch die Zölle würden sie wieder wettbewerbsfähiger.

In Mitleidenschaft gezogen würden hingegen der Auto- sowie der Maschinen- und Anlagenbau - Deutschlands wichtigste Industrien. Bereits heute leiden beide Branchen unter den steigenden weltwirtschaftlichen Spannungen. (Achten Sie Dienstag auf die Lageeinschätzungen der beiden Verbände.)

Wie gesagt, es handelt sich nicht um eine exakte Vorhersage, sondern um ein plausibles Szenario. Es legt drei Schlussfolgerungen nahe:

  • Es kann noch schlimmer kommen.

Die Studie unterstellt, dass sich die Akteure weiterhin vernünftig verhalten. Die internationale Handelsordnung ist zusammengebrochen; nun versucht jeder Staat unter den veränderten Bedingungen für sich, das meiste herauszuholen. Dabei kalkuliert er mögliche Gegenreaktionen anderer Staaten mit ein - was die Eskalation im Rahmen hält. Die Zölle steigen, aber sie würgen den weltweiten Austausch nicht völlig ab.


In der Realität jedoch erleben wir seit einiger Zeit, wie ein bedrohlich irrationales Moment in die Politik einzieht - siehe das britische Brexit-Debakel. Deutlich höhere Zölle und ein weitgehender Zusammenbruch des Welthandels sind somit nicht auszuschließen.

  • Ein Handelskrieg kann die EU sprengen.

Die Ergebnisse der WTO-Studie deuten darauf hin, dass innerhalb Europas neue Konflikte aufbrechen können. Im Handelskriegsszenario würden einige Länder mit großer Autoindustrie - Deutschland, Ungarn oder die Slowakei - auf der Verliererseite stehen. Andere mit traditionell starken Textil- und Bekleidungsbranchen, wie Italien, könnten sich auf der Gewinnerseite wähnen.

Erstere werden sich eher für eine vorsichtige Zollpolitik stark machen, letztere eher für ein forscheres Vorgehen. Ein Zerwürfnis über die Handelsstrategie könnte die Folge sein - zum Schaden der EU insgesamt.

  • Es ist im Interesse aller Staaten, eine weitere Eskalation zu verhindern.

Parallel zum Trump'schen Konfrontationskurs schließen andere Verträge miteinander: Die Pazifikanrainer haben voriges Jahr das Handels- und Wirtschaftsabkommen CPTPP unterzeichnet (ohne die USA). Die EU hat mit Kanada, Japan und jetzt mit Südamerika (Mercosur) weitreichende Wirtschaftsabkommen geschlossen.

Ob solche Verträge im Falle eines ausgewachsenen Handelskriegs Bestand hätten, ist keineswegs sicher. Aber immerhin stellen sie einer Eskalation ein paar Hürden in den Weg.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche
Montag

Brüssel - Team und Führung - Nach dem EU-Sondergipfel vom Sonntag: Bei der Besetzung der EU-Spitzenposten stellen sich nun zwei große Fragen: Gibt es ein überzeugendes Kandidatenpaket? Und: Wird das Parlament mitspielen?

Nürnberg - Arbeit für Deutschland - Die Bundesagentur für Arbeit legt Daten für Juni vor. Zuletzt hatte sich die Beschäftigungsdynamik abgeschwächt.

Wien - Öl, Öl! - Opec-Treffen: Die Ölförderländer beraten, ob sie ihre Fördermengen wieder ausweiten sollen. Am Dienstag stoßen Nicht-Opec-Länder, darunter Russland, dazu.

Dienstag

Frankfurt/ Berlin - Härtere Zeiten - Der Maschinenbauverband VDMA legt neue Zahlen zu den Auftragseingängen vor und gibt einen Ausblick auf die Branchenkonjunktur. Parallel dazu gibt der Verband der Automobilindustrie (VDA) Auskunft über die Lage bei den Autobauern.

Mittwoch

Frankfurt - Export und Wahrheit - Der Chemieverband VCI berichtet über die Situation der Branche.

Donnerstag

Karlsruhe - Fragezeichen - Der Bundesgerichtshof urteilt über die Klageaktivitäten der Deutschen Umwelthilfe (DUH) als Verbraucherorganisation. Die DUH, ansonsten vor allem mit verwaltungsrechtlichen Klagen gegen Kommunen aktiv, hatte auch Autobesitzer unterstützt.

Freitag

Washington - Datum für Jay - Vorlage des monatlichen US-Arbeitsmarktberichts. Die Börsen werden genau hinsehen, weil davon Hinweise auf den weiteren Kurs der Federal Reserve Bank erwartet werden. Chairman Jay Powell sieht sich massiven politischen Drucks durch Präsident Trump ausgesetzt, der Zinssenkungen fordert.

Samstag

Bremen - Links-grün-links - Parteitage der SPD und der Grünen zum Koalitionsvertrag für das angestrebte Rot-grün-rote Landesbündnis. Die Linke tagt schon am Donnerstag.

Sonntag

Athen - Tschüss, Tsipras? - Vorgezogene Parlamentswahlen in Griechenland. Umfragen deuten auf eine Abwahl des linken Premiers und einen Sieg der Konservativen.



insgesamt 58 Beiträge
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fotoman 30.06.2019
1. Her mit dem Handelskrieg!
Das wäre der erste Schritt zur Verringerung des CO2 Ausstoßes - vermutlich ist Trump ein verkappter Klimaschützer :-))) Tatsächlich gibt es einiges an völlig unnötigen Exporten und Importen, was am Ende nur den Händlern und großen internationalen Handelsriesen hilft. Wir müssen nicht Soja importieren um Schweine zu mästen, die dann nach China exportiert werden - und das zu Preisen, die die Bauern immer noch arm halten! Wir brauchen eine vernünftige Wirtschaft und Landwirtschaft, die so viel wie möglich vor Ort zu den best möglichen Bedingungen für Menschen und Umwelt produziert. Also: Trump geh voran, du rettest die Welt!
kein-freund-von-despoten 30.06.2019
2. Leider fehlt etwas
Sehr schön zusammen gefasst die Problematik in die wir schlittern können, wenn das Trumpeltier so weiter macht. Was mir noch fehlt : Eine Übersetzung ins Englische. Dem Orangesten Präsidenten aller Zeiten wird es egal sein. Der ist sowieso nur Showmaster und damit auf den Showeffekt für sein Publikum aus. Aber vielleicht findet sich auf den britischen Inseln jemand, der dem zukünftigen US Anhängsel klar macht, was für es bedeuten kann, sich in Abhängigkeit von einer US-Wirtschaftspolitik zu begeben, die nach dem Prinzipien Mir-doch-egal und Nach-mir-die-Sintflut agiert ( "mir" kann gerne durch DT ersetzt werden ). Außerdem wäre eine Übersetzung ins Deutsch-Völkische angebracht. In einer sogenannten Alternative wird ja immer noch mit einem Austritt aus der EU bzw. Zerschlagen derselbigen geliebäugelt.
Horst aus Wien 30.06.2019
3. Beitrag zur Klimakrise
Mal ganz naiv und unbedarft gefragt, weil das im Artikel überhaupt nicht angerissen wird: nehmen dann vielleicht die großen Rundreisen von Waren auf Containerschiffen ab, weil es sich wieder lohnt lokal zu produzieren und zu konsumieren? Rückt zum Beispiel die EU wirtschaftlich wieder näher zusammen wenn der Hammer und die Zange nicht aus Chiangmai sondern aus Bratislava geliefert wird? Das wäre doch im Sinne der dringend notwendigen KLimna-Maßnahmen schon mal ein großer Fortschritt. Nicht jede Entwicklung muss ja gleich in der Apokalypse enden.
meinung-y 30.06.2019
4. Wunderbarer Handelsstreit?
Ist der Handelsstreit vielleicht wunderbar für die Natur? - Bisher glaubt man: nur Wachstum ermöglicht Stabilität. Aber: Wachstum zerstört im Großen und Ganzen die Natur. Wie lässt sich der Handelsstreit als weltweite Kurskorrektur nutzen?
cooki14 30.06.2019
5. US Wahlkampf
Ich glaube, dass der US Wahlkampf eine Eskalation verhindern wird. Trump hat nur dann eine Chance auf Wiederwahl, wenn die wirtschaftliche Lage in den USA positiv ist. Eine Eskalation des Handelskonfliktes mit China wäre hierfür kontraproduktiv. Aus diesem Machtkalkül heraus wird Trump versuchen einen "Deal" mit China zu machen.
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