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27. September 2019, 13:53 Uhr

Heizen, Pendeln, Stromverbrauch

Wen das Klimapaket belastet - und wer spart

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Das Klimapaket wird Verbraucher sehr unterschiedlich stark belasten. Berechnungen für den SPIEGEL ergeben: Manche Haushalte dürften bis zu 300 Euro jährlich draufzahlen - andere profitieren sogar. Die Übersicht.

Nudging heißt einer dieser Modebegriffe, die verdeutlichen sollen, wie man Menschen im eigenen Umfeld auf mehr oder weniger subtile Weise zu einer Veränderung ihres Verhaltens bewegt. Im besten Fall benehmen sie sich hinterher besser als vorher.

Die Bundesregierung versucht genau das gerade mit ihrem sogenannten Klimapaket: Energieverbraucher sollen durch ein Sammelsurium von Maßnahmen dazu gebracht werden, CO2-technisch auf weniger großem Fuß zu leben.

Das Klimapaket setzt auf das Prinzip Zuckerbrot und Peitsche: Weil nach aktuellem Stand 2021 ein langsam steigender CO2-Preis eingeführt wird, dürfte das Heizen und Tanken allmählich teurer werden. Es sei denn, man steigt, unterstützt durch milliardenschwere Fördergelder der Regierung, auf klimafreundlichere Autos oder Heizkessel um.

Nudging eben. Zumindest ein bisschen. Denn erstens ist der bisher vereinbarte CO2-Preis von zehn Euro pro Tonne nach Meinung der meisten Klimaforscher sehr niedrig angesetzt. Und zweitens mildert die Regierung die erzieherische Wirkung des neuen Instruments gleich selbst wieder ab.

Um die größten Härten des CO2-preisbedingten Anstiegs abzupuffern, werden zum Beispiel die höheren Spritpreise durch eine höhere Pendlerpauschale abgemildert, die alle Steuerzahler mit einem Arbeitsweg von mehr als 21 Kilometern bekommen. Laut Statistischem Bundesamt sind das hauptsächlich Autofahrer, die entsprechend viel Geld für Kraftstoffe ausgeben (Eine ausführliche Berechnung zur Pendlerpauschale lesen Sie hier).

Der Kostenschub, auf den sich die Mehrheit der Verbraucher in den kommenden Jahren einstellen muss, hält sich deswegen in Grenzen. Wie Berechnungen des Energiewirtschaftlichen Instituts in Köln (EWI) für den SPIEGEL ergeben, müssen sich typische Verbrauchergruppen bis 2025 auf Kostensteigerungen von 0 bis 300 Euro pro Jahr einstellen. Das wären maximal 25 Euro pro Monat.

Das EWI hat für seine Erhebung drei Fallbeispiele definiert:

Die Fallbeispiele für die Berechnungen sind nicht repräsentativ. Sie sind aber eine Annäherung an typische Lebenssituationen deutscher Verbraucher - und ermöglichen so eine erste Einschätzung, wie stark einzelne Gruppen von den Veränderungen des Klimapakets betroffen sein dürften.

Die Unterschiede sind laut EWI-Berechnungen recht groß. Während der Single in seiner modernen Großstadtwohnung mit guter ÖNPV-Anbindung unterm Strich sogar etwas Geld spart, würden die anderen Beispielhaushalte bis 2025 deutlich höhere Heiz- und Kraftstoffkosten haben, wenn sie so weiterleben wie bisher.

Der Druck auf weniger klimafreundliche Haushalte, den eigenen CO2-Ausstoß zu verringern, steigt laut EWI von Jahr zu Jahr. Selbst bei der vierköpfigen Beispielfamilie, die sowohl von der höheren Pendlerpauschale profitiert als auch von einem voraussichtlich leicht sinkenden Strompreis. Die Kosten für Elektrizität dürften ein wenig fallen, weil die Regierung mit den Einnahmen aus der CO2-Steuer die sogenannte EEG-Umlage etwas verringern will, die allen Verbrauchern auf ihre Stromrechnung draufgeschlagen wird.

Die EWI-Berechnungen zeigen ebenfalls, wie unterschiedlich die Möglichkeiten einzelner Haushalte sind, die Mehrkosten durch klimafreundliches Verhalten zu begrenzen - oder unterm Strich sogar etwas Geld zu sparen, wie beim Beispiel des Singles in der Großstadt.

Der oder die alleinerziehende Erwachsene etwa wohnt in einem Mehrfamilienhaus, in dem er oder sie kaum Einfluss darauf hat, ob der Vermieter die alte Ölheizung durch eine neue, effizientere Anlage ersetzt. Und um den alten Seat Ibiza durch ein neues E- oder Hybridauto zu ersetzen, fehlt wahrscheinlich selbst bei der im Klimapaket vorgesehenen staatlichen Förderung das nötige Geld. Ob der oder die Erwachsene den Alltag künftig mit Rad, Bus und Bahn bewältigen kann, hängt wiederum von der Anbindung des Wohnorts und Arbeitsplatzes ab.

Anders bei der vierköpfigen Familie im Einfamilienhaus. Sie hat zumindest die Entscheidungsfreiheit, in ihrem Eigenheim die alte Gas-Brennwert-Heizung durch eine neue zu ersetzen. Auch der Verkauf ihrer bislang genutzten Pkw und die Neuanschaffung von klimafreundlicheren Autos dürfte sie bei einem Jahreseinkommen von 100.000 Euro finanziell leichter bewältigen können als die alleinerziehende Mutter oder der alleinerziehende Vater.

Die Frage ist aber auch hier, ob der Druck des Klimapakets insgesamt groß genug ist, um Menschen dazu zu bewegen, mehrere Tausend Euro für ein klimafreundlicheres Auto oder eine effizientere Heizanlage auszugeben.

Experten halten die Lenkungswirkung des Klimapakets insgesamt für zu gering, SPD und Union zeigen sich bereits offen für einen etwas höheren CO2-Preis. Gut möglich also, dass der Schubs, den die Regierung ihren Bürgern in Richtung Klimafreundlichkeit geben will, letztlich noch etwas stärker ausfällt.

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