Werbung beim Wort genommen Volltrunken in der Apotheke

Kennen Sie Karla? Das ist ein Wellness-Getränk auf Bierbasis, das ausgerechnet in Apotheken vertrieben wird. Grund genug für Buchautor Hinrich Lührssen, seine Kumpels auf eine Kneipentour der etwas anderen Art einzuladen. Wenn die Pharmazeuten nur etwas lockerer wären!
Apotheken-Bier: Was haben sich die Weißkittel dabei gedacht?

Apotheken-Bier: Was haben sich die Weißkittel dabei gedacht?

Wenn das keine gute Nachricht ist: "Das erste Wellness-Getränk auf Bierbasis der Welt, das exklusiv in Apotheken vertrieben wird, entwickelt sich immer mehr zu einem Volltreffer. Jetzt ist der erste Schritt hin zur nationalen Vermarktung von Karla im Saarland und in Rheinland-Pfalz erfolgreich angelaufen. Über 800 Apotheken haben bereits Interesse gezeigt. In 100 davon geht Karla bereits über den Tresen. Und täglich werden es mehr Apotheken, die Karla anbieten möchten", erklärt Andreas Kaufmann, strategischer Projektmanager bei der Karlsberg Brauerei.

Moment mal: Bier in der Apotheke? Der Apotheker als Kneipenwirt? Bleibt denn nichts, wie es mal war? Erst bittere Pillen, jetzt ein herbes Pils? Was haben sich die Weißkittel dabei gedacht?

Meine Recherchen in diesem Fall ergeben folgendes Bild: Auf der Suche nach neuen Absatzwegen ist die Karlsberg Brauerei aus Homburg auf die gut 21.500 Apotheken in Deutschland gestoßen, deren Besitzer auch sehen müssen, wie sie über die Runden kommen. So entstand Karla, es besteht nach den Angaben der Brauerei aus 70 Prozent Bier mit einem Prozent Alkohol, Folsäure, Vitaminen und Lecithin. Es gibt zwei Sorten, abgefüllt in roten und in blauen Flaschen: "Karla well-be" soll mit Sojaextrakten das tägliche Wohlbefinden steigern, "Karla balance" soll Ruhe und Entspannung durch Hopfen- und Melissenextrakte fördern.

Dieses Bier hilft also der Gesundheit, sagt der Hersteller. Der erste Probelauf wird in 80 Apotheken im Saarland gemacht. Bisher konnte ich mir eine Apotheke als Stammkneipe nie vorstellen. Ich wäre ehrlich gesagt gar nicht auf die Idee gekommen, dort auf gesundheitlicher Basis nachhaltig zu zechen. Bei näherer Betrachtung spricht jedoch auch einiges für die Apotheke als Schankwirtschaft: Es gibt einen Nachtdienst, der Nachschub ist folglich zu jeder Uhrzeit garantiert. Falls es doch zu einem Rausch kommen sollte (der erwiesenermaßen auch bei einem Alkoholgehalt von einem Prozent theoretisch möglich ist), ist man hier richtig: Tabletten gegen Kopfschmerzen könnten am Tresen gleich mitbestellt werden. Ich nehme mir fest vor, bei meinem nächsten Besuch im Saarland umgehend eine Apotheke aufzusuchen.

Wir bestellen die zweite und dritte Runde

Die Gelegenheit kommt schneller als gedacht. Klaus-Dieter, Studienfreund aus besseren Tagen, lädt mich zu seiner Geburtstagsfeier ein, und die findet dort statt, wo er mittlerweile lebt: in Saarbrücken. Am Telefon kann ich Klaus-Dieter davon überzeugen, mit seinem üblichen feierlichen Geburtstagsbesäufnis schon am Nachmittag zu beginnen - und zwar in der nächsten Apotheke. Dort warte auf ihn, den Gewohnheitstrinker, eine Riesenüberraschung, so mein verbaler Lockversuch.

Er sagt zu, drei andere Freunde von ihm kommen auch noch mit. Mit dem Geburtstagskind an der Spitze stürmen wir die nächste Apotheke, nur eine Straßenkreuzung von Klaus-Dieters Wohnung entfernt. "Einen schönen guten Tag. Wir wollen dieses neue Gesundheitsbier probieren", wenden wir uns an den grauhaarigen Apotheker. Er kennt die Sorten und schlägt ohne weitere Nachfragen die mildere vor, offenbar, um die Truppe durch diese Mischung etwas zu beruhigen. Er schenkt in fünf Probierbechern aus - für Biertrinker eine ganz harte Umstellung.

Und überhaupt! Etwas gemütlicher hätte er seinen Tresen schon gestalten können, wer will beim Zechen Hustenbonbons lutschen und über Fußpflegemittel sinnieren? Aber das Zeug aus der blauen 0,33-Liter-Pulle schmeckt überraschenderweise gut und lecker. Wir bestellen die zweite und dritte Runde, trinken jeweils auf ex und werden immer fröhlicher, trotz des denkbar geringen Anteils an Alkohol. Wir sind eindeutig die brandneuen Trendsetter der Partyszene - Zechen in der Apotheke.

Doch leider verweigert uns der Apotheker, der mittlerweile einen leidgeprüften Eindruck macht, die Ausgabe von weiteren Getränken. "Wir würden noch eine Runde nehmen, jetzt von der roten Sorte!", rufe ich ihm fröhlich zu, doch der Apotheker schüttelt mit dem Kopf. "Nicht mehr, nein. Es ist jetzt in Ordnung so."

Und weiter im Ton eines Oberlehrers: "Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, dass das so nicht gedacht ist."

"Ich hätte von dem neuen Gesundheitsbier gerne drei Flaschen"

Drei Apotheken später muss ich dieses Zwischenfazit ziehen: Es gibt tatsächlich Bier in Apotheken. Aber es darf dort nicht getrunken werden.

Allerdings bin ich auf den Geschmack gekommen. Nach der Geburtstagsfeier von Klaus-Dieter, der zusammen mit anderen Gästen vom Gesundheitsbier nichts mehr wissen will, kehrt bei mir der Durst nach Karla zurück. Gut, dass es den Apotheken-Notdienst gibt.

Es ist kurz nach zehn Uhr abends, als ich zum ersten Mal an der Nachtglocke klingele. In der Saarbrücker Apotheke brennt nur die Notbeleuchtung, als der Apotheker heranschlurft. Müde sieht er aus, hat der gute Mann etwa schon geschlafen? Er schließt die Tür auf, ich darf rein.

"Ich hätte von dem neuen Gesundheitsbier gerne drei Flaschen ", so meine Bestellung.

"Welche Sorte denn?"

"Die mit den blauen Flaschen, dieses Balance-Bier. Es ist ja schon spät, danach werde ich sicherlich ruhiger werden."

Apotheker: "Das ist ja ein echter Fall für den Notdienst, ja?"

Ich bejahe und bezahle 7,98 Euro für die drei Flaschen. "Auf Wiedersehen". Er weiß noch nicht, dass ich es damit ernst meine. 22.37 Uhr: schon wieder Durst. Dieses Gesundheitsbier ist aber auch wirklich lecker.

Ich klingle wieder an derselben Notglocke. Warum hat der Apotheker denn auch ausgerechnet für diese Nacht den Notdienst und das Gesundheitsbier in sein Sortiment übernommen?

"'N Abend. Ich wollte noch einmal Nachschub holen. Noch mal drei nehme ich mit."

Der Apotheker sieht sehr müde aus, seine Kraft reicht offenbar um diese Uhrzeit nicht aus, um sich komplett aufzuregen. "Ja, dann aber ist Schluss für heute Nacht, ja. Ich bin Apotheker, und so was bieten wir eigentlich nur tagsüber an. Als Wirt begreife ich mich nicht ganz", antwortet er matt. Und rückt noch einmal drei Flaschen Gesundheitsbier raus.

Klaglos zahlt er mir das Flaschenpfand aus

Drei Uhr morgens. Die Flaschen sind leer. Leider bleibt bislang die angepriesene beruhigende Wirkung aus, und außerdem stellt sich die Frage, ob ich auf die jeweils 15 Cent Flaschenpfand wirklich verzichten will. Morgen, vielmehr heute, werde ich Saarbrücken verlassen und damit auch das Verbreitungsgebiet für das neue Gesundheitsbier. Also noch mal hin zum Apotheken-Notdienst. "Ich hoffe, ich störe Sie nicht", begrüße ich den schlaftrunkenen Apotheker, "aber ich habe bislang doch noch nicht die notwendige Ruhe gefunden." Wort- und klaglos zahlt er mir das Flaschenpfand aus, 45 Cent.

"Gute Nacht! Ich hoffe, Sie sind auch..."

"Ja, ich bin auch müde!", entgegnet mit kraftloser Stimme der Apotheker. Zu früher Stunde denkt er nun offenbar über die Bestückung seines Sortiments nach: "Ich habe mir gerade gedacht, es hat auch seine Nachteile, dann im Notdienst die Flaschen zu liefern."

Bier aus der Apotheke - zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Apotheker.

Hinweis der Redaktion: Die im Text beschriebenen Produkte der Karlsberg Brauerei werden inzwischen nicht mehr vertrieben. Da es sich um einen Buchabdruck handelt, konnte dies im Artikel nicht erwähnt werden.