Werbung beim Wort genommen Wie man Baumärktler zur Verzweiflung treibt

Gerätestecker: "Wegen der Rabattaktion bin ich hier. Nicht wegen Beschädigung"
dapd

Gerätestecker: "Wegen der Rabattaktion bin ich hier. Nicht wegen Beschädigung"

3. Teil: "Dann dreh ich Ihnen den Hals um"


"Das ist doch nicht Ihr Ernst", stößt er hervor und reißt dabei seine Augen weit auf. "Sie sagten doch: ohne Stecker 25 Prozent", erinnere ich ihn an die eigenen Worte. Wieder mal wird mit der Geschäftsleitung gedroht, wieder einmal ist erstaunlich, wie schlecht die Mitarbeiter der Baumarktkette mit der Werbekampagne ihres Unternehmens und den Möglichkeiten, die sich der Kundschaft dadurch bieten, vertraut sind.

Enttäuscht verlasse ich die Filiale und lasse dieses Mal Säge und Stecker kommentarlos zurück. Die Säge sägt ja ohnehin nicht mehr. Die Werbeaktion ist auf zwei Tage befristet. Vielleicht, damit nicht noch mehr Leute auf die Idee kommen, sie beim Wort zu nehmen. Ich jedenfalls kann auch am zweiten Tag nicht widerstehen und suche die Filiale 181 auf. Dort entdecke ich eine schicke Tischleuchte für 14,49 Euro. Leider noch zu teuer, ohne Stecker wäre es weitaus billiger. Um bloß nichts wieder falsch zu machen, wende ich mich mit der Stehtischlampe und einem Seitenschneider, der fast daneben lag, an eine Mitarbeiterin. Mitte 30, blond. "Gilt dieses Angebot noch mit 25 Prozent für alles ohne Stecker?", will ich von ihr wissen. "Ja, aber hier ist ja ein Stecker dran, das sehen Sie ja." Mein Vorschlag: "Ja, deswegen wollte ich den abschneiden." Ihre Antwort gleicht einer Drohung: "Dann dreh ich Ihnen den Hals um."

"Wieso?", will ich wissen.

Sie kommt nicht mehr dazu, den Dialog mit mir fortzusetzen. Denn ich zeige ihr, dass ich es ernst meine, und trenne den Stecker der Lampe mit Hilfe des Seitenschneiders im Bruchteil einer Sekunde ab. Übung macht auch hier den Meister. Ich halte ihr den Stecker hin: "Soll ich den hierlassen?" Sie sieht mich völlig entgeistert an, schnappt sich Stecker und Lampe und geht ganz schnell in Richtung Info-Tresen. Will sie den Rabatt etwa persönlich ausrechnen? Oder droht schon wieder Ärger?

Ein Kollege von ihr erscheint, das deutet auf Letzteres hin. "Nicht Ihr Ernst, oder?", fragt er mich. "Das hat er vor meinen Augen abgeschnitten", mischt sich die Verkäuferin ein, ohne mich zu Wort kommen zu lassen. "Er hat es wirklich abgeschnitten. Ich habe es gesehen, ich war dabei", bietet sie ihre weitere Zeugenaussage an. Dabei würde ich nie bestreiten, dass ich es war, der den Stecker abgeschnitten hat. Für ein paar Prozent bin ich als Kunde gern bereit, mich ins Zeug zu legen und bereits im Baumarkt, noch vor dem Erwerb, handwerklich aktiv zu werden.

Entweder voller Betrag oder Polizei

Die Stimmungsmache gegen den Kunden, also mich, zeigt bei ihrem Kollegen leider schnell Wirkung. "Sie können doch nicht einfach einen Stecker abmachen, damit Sie Ihre Prozente kriegen. " Doch, kann ich durchaus. "Also selbst wenn ich das im Fernsehen sehen würde, würde ich es nicht glauben", schimpft der Kollege und will zum Haustelefon greifen, vermutlich, um wieder mal einen Ober-Boss der Baumarktkette anzurufen. Entweder voller Betrag oder Polizei - schon wieder stehe ich vor dieser Alternative. Ich bin maßlos enttäuscht und lasse Lampe und Stecker liegen.

Gescheitert? Wieder alles falsch verstanden? Ich kann sehr hartnäckig sein und trenne eine Stunde vor Feierabend und damit vor Ablauf der zweitägigen Werbeaktion mit nun schon routinierten Griffen und einem Seitenschneider in der nächsten Filiale von einer Leuchtröhre für 9,99 Euro den Stecker ab. Der erste Kundenberater in der Filiale 220 ist sprachlos, der zweite wirft mir wieder "mutwillige Zerstörung" vor, der dritte ist der Marktleiter - und gibt mir Recht!

"Von der Logik ist das ja auch korrekt, was Sie machen", sagt dieser Filialchef. Damit hatte ich schon nicht mehr gerechnet. Und was ist mit den 25 Prozent? "Da sehe ich kein Problem", sagt er.

Eine Einzelentscheidung? Oder hat das Unternehmen endlich kapiert, dass bei einer Inanspruchnahme des Werbeversprechens eine Sachbeschädigung an den Produkten mit Stecker unumgänglich ist? Kurz vor Feierabend im Baumarkt bekomme ich jedenfalls einen Nachlass von 25 Prozent auf den Preis für die Leuchtröhre und darf den abgeschnittenen Stecker sogar mitnehmen. Zur Nachahmung dennoch nicht zu empfehlen: Die Aktion läuft nicht mehr, und die Leuchtröhre leuchtet nicht mehr.



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Phil1305 10.04.2011
1. so ein Blödsinn
hm... entweder habe ich die Ironie nicht verstanden, oder der Artikel bzw. Buchauszug ist kompletter Blödsinn. Niemand ist so dämlich und erwartet durch das Abschneiden eines Steckers den Rabatt zu bekommen. Sicher ist Kritik an hohlen Werbeversprechen immer berechtigt und man sollte so etwas auch immer im Auge behalten, aber bitte nicht so... Was hier vermeintlich Witzig sein soll ist im besten Fall die Entlarvung des Autoren als ein reichlich dümmlicher Zeitgenosse.
hermanngaul 10.04.2011
2. Wm- Titel
Soll das jetzt witzig sein? Ist das ne Satire? Oder was? Wenn es eine Satire ist, ist das Ganze ja unheimlich raffiniert und ausgefallen. Tolle Idee. Über Werbefallen und Ungereimtheiten lässt sich ja diskutieren, aber die Sinnhaftigkeit oder Lustigkeit dieser "Aktion" erschließt sich wohl nur irgendwelche gelangweilten 35-Stunden-die-Woche-Arbeiter.
keoki, 10.04.2011
3. Witzigkeit kennt doch Grenzen ...
Der Herr "Journalist" hält sich anscheinend für schrecklich witzig. Dieser Artikel entbehrt jeder Grundlage, ist dämlich und komplett überflüssig. Er wird eigentlich nur von dem nichtsagenden Artikel vor ein paar Tage übertroffen, bei dem angeblich mitgeteilt werden sollte, welche Reparaturen man selber am Auto durchführen könne. Man sollte doch lieber auf ein paar Artikel verzichten. ... einfach schrecklich und nicht mal als Ironie zu gebrauchen !!!
unterländer 10.04.2011
4. a
Zitat von sysop"25 Prozent auf alles ohne Stecker": Mit diesem Slogan trommelt eine Baumarktkette um Kunden. Doch wenn man das wörtlich nimmt, drohen die Mitarbeiter mit der Polizei - das bekam Hinrich Lührssen zu spüren. Er testet, wie ernst Firmen ihre Werbebotschaften wirklich meinen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,754593,00.html
Schade, dass keiner tatsächlich die Polizei gerufen hat. Solche selbstgestrickten Verbraucherschützer braucht kein Mensch.
Eukalyptusbonbon, 10.04.2011
5. Nee, ist klar ...
Die Geschichte war bereits vor 2 oder 3 Jahren bei SternTV zu sehen, wo Herr Lührssen ja häufiger solche Aktionen durchführt. Also schon mal nichts neues. Insgesamt finde ich das dann auch weder lustig noch "lehrreich" ... Hat die Werbung irgendwo behauptet, dass man die gewünschten Geräte beschädigen soll oder darf, um den Rabatt zu bekommen? Anstelle über echte Verbrauchertäuschung zu berichten - die es ja nun wirklich tausendfach gibt - wird so Sendezeit (oder Artikel-Reichweite) verschwendet. Zudem erwecken solche Aktionen immer eher den Eindruck als ob nicht die Werbung die Verbraucher bewusst täuscht, sondern dass viele Verbraucher oft zu kleinlich sind oder Werbung von "echten" Produktinformationen nicht unterscheiden können. Eine Nullnummer - so oder so!
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