Hermann-Josef Tenhagen

Airlines und Reisekonzerne Wie Fluggäste bei Verspätungen Geld rausholen

Verspätete Flüge kennt fast jeder, doch kaum jemand kennt alle Möglichkeiten, sich dafür Entschädigungen auszuhandeln. Fluggastportale haben darin eine Marktlücke entdeckt - und streiten sich für den Kunden.
Wartende Passagiere (am Frankfurter Flughafen)

Wartende Passagiere (am Frankfurter Flughafen)

Foto: LISI NIESNER/ REUTERS

Haben Sie schon Ihren Urlaub geplant? Oder suchen Sie noch nach Geld, um ihn zu bezahlen? Womöglich können Sie eine neue Dienstleistungsindustrie zur Finanzierung Ihres Fernwehs nutzen. Vorausgesetzt, Sie hatten in den vergangenen drei Jahren einen verspäteten oder gar ausgefallenen Flug und haben dafür noch keine Entschädigung bekommen. Und Sie beauftragen einen Helfer, der Ihnen die Arbeit abnimmt.

Ein Beispiel: 44 Klagen gegen TUIfly hat das Fluggastportal EUFlight angestrengt. TUIfly gehört zu Europas größtem Reisekonzern TUI. Im Kern geht es immer um denselben Fall: Im vergangenen Herbst meldeten sich massenweise Mitarbeiter von TUIfly krank und die Airline musste deswegen Flüge streichen. Handelte es sich dabei einfach um einen hohen Krankenstand, für den die Fluglinie Vorkehrungen hätte treffen müssen? Oder war es eigentlich ein wilder Streik?

Den Fluggästen konnte das im ersten Schritt egal sein. Ihr Flug war gestrichen. Im zweiten Schritt aber ist es interessant für die Flugreisenden. Waren die TUIfly-Mitarbeiter formal krank, steht den Passagieren eine Entschädigung für die ausgefallenen Flüge zu. Wären die Mitarbeiter im Streik gewesen, sieht das EU-Fluggastrecht  keine solche Entschädigung vor. Streik wird als höhere Gewalt bewertet, wie ein Vulkanausbruch oder ein anderes Naturereignis.

Der einzelne Fluggast hat normalerweise keine Lust, wegen 250 oder 400 Euro Entschädigung einen jahrelangen Rechtsstreit mit großen Reisekonzernen und Fluglinien anzustrengen. Darauf setzen die Unternehmen und verweigern die Zahlungen. Mit einem Fluggastportal im Rücken hingegen kann der Fluggast an seiner Rechtsauffassung festhalten; es lässt sich besser und beruhigter streiten.

Die Fluggasthelfer wollen einen Teil der Entschädigung behalten

Im konkreten Fall tritt der Fluggast seine Ansprüche an das Unternehmen EUFlight ab. Das zahlt dafür sofort knapp 60 Prozent der üblichen Entschädigung an den Fluggast aus. Den Rest behält es und hofft, den Streit zu gewinnen.

Das ist das aggressivste Modell. Die meisten anderen Fluggasthelfer  begnügen sich mit einem kleineren Anteil der Entschädigung, zahlen aber auch erst nach Ende des Verfahrens mit der Fluglinie, wenn sie gewonnen haben. Die Unternehmen arbeiten wahlweise wie ein Prozessfinanzierer oder wie ein Inkassounternehmen im Auftrag des Fluggasts. Der Fluggast hat in jedem Fall kein finanzielles Prozess-Risiko.

In Deutschland sind inzwischen fast ein Dutzend solcher Portale auf dem Markt. Die Profi-Streiter haben in einigen Hunderttausend Fällen Geld von den Fluglinien eingetrieben und das Machtgefälle zwischen Fluggast und Fluglinie deutlich verringert.

Die Firmen sammeln Informationen über die verspäteten Flüge, über Angaben zu Verspätungsgründen und zu schon gezahlten Entschädigungen bei einzelnen Flügen. Einige Tausend Fälle sind inzwischen vor Gericht gelandet. Und Firmen wie Fairplane ziehen notfalls auch bis vor den Europäischen Gerichtshof nach Luxemburg und lassen dort etwa klären, wann ein Flugzeug im Sinne der europäischen Fluggastrechte-Verordnung tatsächlich am Ziel angekommen ist - nämlich dann, wenn die Tür aufgeht.

Daneben gibt es für Fluggäste immer auch die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (SÖP), an die sich verärgerte Fluggäste mit ihren Anliegen kostenlos wenden können, nachdem sie bei der Fluglinie abgeblitzt sind. Die hilft auch jenseits der Verspätungsfälle, auf die sich die Portale konzentriert haben. Einige Zehntausend Fluggäste haben das seit 2010 getan.

Machtgefälle zwischen Kunden und Konzernen

Dieser neue Markt der Dienstleistungen ist prima und wird hoffentlich zum Vorbild. Denn ähnliche Machtgefälle existieren natürlich auch an anderen Stellen zwischen Kunden und Konzernen. Und tatsächlich machen sich gerade Anwälte auf, mit ähnlichen Geschäftsmodellen etwa der Mietpreisbremse im Kampf mit sturen großen Vermietern Geltung zu verschaffen. Wenigermiete.de  ist so ein Anbieter.

Große Rechtsanwaltskanzleien haben zudem Dutzende Juristen eingestellt, um den Baufinanzierern fehlerhafte Widerrufsbelehrungen nachzuweisen und den Kreditkunden die Möglichkeit zu eröffnen, ihren Vertrag neu aufzurollen und günstiger abzuschließen . Oder sie helfen ihnen, eine schon bezahlte Vorfälligkeitsentschädigung zurückzubekommen.

Die Kanzleien stehen auch schon bereit, um Millionen von renditeschwachen Lebensversicherungen auf ihre Gültigkeit zu prüfen und so den Kunden attraktive Möglichkeiten zur Rückabwicklung der Verträge zu geben.

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Micha Kirsten / Finanztip

Hermann-Josef Tenhagen, Jahrgang 1963, ist Chefredakteur von »Finanztip« und Geschäftsführer der Finanztip Verbraucherinformation GmbH. Der Geldratgeber ist Teil der Finanztip Stiftung. »Finanztip«  refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links, nach deren Anklicken Finanztip bei entsprechenden Vertragsabschlüssen des Kunden, etwa nach Nutzung eines Vergleichsrechners, Provisionen erhält. Mehr dazu hier .

Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift »Finanztest« geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der »Tageszeitung«. Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Auf SPIEGEL.de schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Aber zurück zu den Fluggästen: Alle Flüge der vergangenen drei Jahre, die mehr als drei Stunden Verspätung aufwiesen oder annulliert wurden, sind ein Ansatzpunkt:

  • Suchen Sie Flugdatum, Flugnummer und Bordkarte heraus. Wenn Unterlagen fehlen, schauen Sie auch in Ihrem E-Mail-Postfach nach .
  • Sind Sie in der EU mit mehr als drei Stunden Verspätung gestartet oder gelandet, haben Sie wahrscheinlich einen Anspruch. Handelt es sich um einen Fernflug, sind sogar 600 Euro Entschädigung drin. Keine Entschädigung gibt es nur bei Verspätungen von weniger als drei Stunden und aufgrund von höherer Gewalt, zum Beispiel einem Streik .
  • Jetzt können Sie selbst an die Airline schreiben und danach die SÖP einschalten. Sie können sich aber auch einen Fluggasthelfer  wenden.

Und dann warten Sie auf Post von der Fluglinie oder auf einen schönen Scheck.