Wohnen, Fahren, Essen So schnüren Sie Ihr eigenes Klimapaket

Die Bundesregierung hat Ideen für mehr Klimaschutz entwickelt. Egal, was Sie vom Ergebnis halten: Sie können Ihren eigenen Weg finden - und damit nicht nur CO2 sparen.

Solaranlage auf einem Wohnhaus
Rolf Haid/ DPA

Solaranlage auf einem Wohnhaus

Ein Kolumne von


Derzeit bestimmt die Klimadiskussion die politische Agenda - und wirkt sich damit auch direkt oder indirekt auf Sie aus. Das zeigen die Ergebnisse des Klimagipfels (Lesen Sie hier dazu eine Analyse.)

Unabhängig davon, was in Berlin beschlossen wurde: Sie können auch Ihr persönliches Klimapaket schnüren und damit nicht nur beim CO2, sondern zum Teil auch finanziell sparen. Wie steht es überhaupt um Ihre Klimabilanz? Das Umweltbundesamt hilft bei der Beantwortung mit einem persönlichen Rechner:

Besitzen Sie kein Unternehmen und halten keine Kühe, dann ist Ihre Klimabilanz vermutlich geprägt vom Energiebedarf in der Wohnung, vom Auto und seinem Spritdurst, von Ihren Dienst- und privaten Reisen.

In allen vier Bereichen können Sie einfach klimafreundlicher werden. Vernünftig ist auch jetzt schon zu schauen, wie Sie künftige Mehrkosten vermeiden können, damit Sie nicht fürs Nichtstun von heute später finanziell bestraft werden. Und schön leben wollen wir alle natürlich weiterhin. Im Einzelnen:


Wohnen


Etwa 17 Millionen Haushalte leben im Eigentum, der Rest - und damit noch mehr - wohnt zur Miete.

Auch als Mieter können Sie natürlich Strom sparen und vielfach ohne Komforteinbußen an Ihrem Verbrauch schrauben.

  • Sie können den Stromanbieter wechseln und zu einem wirklichen Ökostromer gehen. Damit geht ihr CO2-Verbrauch in dem Bereich auf null. Und wenn Sie noch in der Grundversorgung sind, ist ein Hunderter Ersparnis zusätzlich drin.
  • Vielleicht können Sie auch den Gasanbieter wechseln, hier gibt's auch beim Ökogas Hunderte Euro zu sparen.
  • Sie können Solarmodule auf den Balkon stellen. Der Gesetzgeber fördert seit einiger Zeit sogar explizit Solaranlagen für Mieter, doch bisher wird die Chance noch wenig genutzt.

Viele Mieter haben schon heute einen niedrigeren Verbrauch: Sie leben auf weniger Quadratmetern und insgesamt bescheidener, auch weil das Geld fehlt. Die Zahlen des Umweltbundesamtes sind eindeutig: Weniger Einkommen bedeutet heute im Schnitt einen klimafreundlicheren Lebenswandel.

Wer zu zweit auf 110 Quadratmetern wohnt, verbraucht für Heizung und Wärme bei sonst gleichen Bedingungen im Schnitt heute rund ein Drittel mehr Energie als ein Paar auf 70 Quadratmetern. Und wer zu dritt auf 120 Quadratmetern wohnt, braucht deutlich weniger als der Single auf 60 Quadratmetern.

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Als Eigentümer haben Sie die Chance, Ihre Heizung anzupassen: Neue Wärmepumpe, Brennwertkessel und eine bessere Einstellung der Heizung sind die Stichworte. Kostenlose Beratung und staatliche Förderung gibt es auch.

Das alles ist erstmal preiswerter als der nächste Schritt - sich um die Wärmedämmung zu kümmern. Beim Neubau ist sogar ein Passivhaus drin, also in der Bilanz ohne CO2-Emissionen.

Ihr Klimafußabdruck ist also insgesamt zum Start wahrscheinlich größer, aber Sie können auch mehr tun - und mehr sparen.


Fahren mit dem Privatauto


Beim Auto tobt der Streit um die großen Stadtgeländewagen (SUV) und deren Spritverbrauch. Die Frage ist wichtig, aber daneben gibt es noch andere Fragen. Freunde mit Betriebswirtschaftsstudium haben vor dem Examen gelernt, dass ein Neuwagen für den Privathaushalt normalerweise viel zu teuer ist.

Wer ein Auto besitzt und es lange fährt, ohne ein neues zu kaufen, verringert seinen Klimafußabdruck ganz enorm. Ein Viertel des Klimaproblems Auto entsteht schon bei der Produktion: Mit sieben Tonnen CO2 belastet ein Durchschnittsauto die Klimabilanz. Ein Zweitonner-SUV, egal ob Daimler oder Tesla, belastet deutlich mehr.

Zur klassischen Sparliste beim Auto gehört neben dem Spritverbrauch auch der Reifendruck, die Wartung und Fahrweise. Eines haben uns die Autokonzerne aber schwer gemacht: den Blick auf den Verbrauch vor dem Kauf. Hier wurden die Lügen - nein, "Praxisabweichungen" vom offiziell gezeigten Verbrauch - in den vergangenen Jahren immer größer.

Wenn aber doch ein neues Auto fällig ist, prüfen Sie, ob auch eines mit Elektro- oder Hybridantrieb in Frage kommt. Allen Unkenrufen zum Trotz sind diese Fahrzeuge über ihre gesamte Lebensdauer klimafreundlicher als Verbrenner. Und je nachdem, wo Sie wohnen, brauchen Sie eventuell gar kein Auto mehr: Alternativen sind Carsharing (gibt es in vielen Städten), der öffentliche Nahverkehr oder das Fahrrad. Das ist oft möglich und auch dringend gewünscht, wie Volksbegehren in vielen größeren Städten und regelmäßige Untersuchungen für das Bundesverkehrsministerium zeigen.

Zum Autor
  • Finanztip
    Hermann-Josef Tenhagen (Jahrgang 1963) ist Chefredakteur von "Finanztip". Der Verbraucher-Ratgeber ist gemeinnützig. "Finanztip" refinanziert sich über sogenannte Affiliate-Links. Mehr dazu hier.

    Tenhagen hat zuvor als Chefredakteur 15 Jahre lang die Zeitschrift "Finanztest" geführt. Nach seinem Studium der Politik und Volkswirtschaft begann er seine journalistische Karriere bei der "Tageszeitung". Dort ist er heute ehrenamtlicher Aufsichtsrat der Genossenschaft. Bei SPIEGEL ONLINE schreibt Tenhagen wöchentlich über den richtigen Umgang mit dem eigenen Geld.

Fahren mit dem Dienstwagen


Viele Menschen sind dienstlich oft unterwegs. Ich treffe sie fast täglich in der Bahn, am Flughafen oder an der nächsten Straßenkreuzung. Der Energieverbrauch dafür wird offiziell ja gar nicht den privaten Verbräuchen zugerechnet.

Aber auch hier gilt: Es hilft, Vehikel, Wege und Zeiten zu überprüfen. Manchmal können Sie hier sogar mehr CO2 einsparen als zu Hause. Steuervorteile für Dienstwagen subventionieren das Auto im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln. Da muss die Politik ran. Zwei Drittel aller Neuwagen werden in Deutschland als Firmenwagen gekauft. Dabei können Chefs auch heute schon ein Dienstfahrrad oder E-Bike sponsern und dabei Subventionen mitnehmen.

Schlechte Erfahrungen mit der Pünktlichkeit von Bahnen und Bussen hindern so manchen beim Umstieg. Einige für Chef und Mitarbeiter produktive Diskussionen werden aber auch in Zeiten von Home-Office und Office-Sharing-Programmen immer noch nicht geführt: Arbeiten im Zug funktioniert allemal besser als im Flugzeug oder im Dienstwagen. Und das Jobticket vom Chef kann sogar ein steuerfreies Extra für Sie sein. Eine Bahncard, gestiftet vom Chef, spart auch bei Wegen in der Freizeit und am Wochenende. Auch diese Bahncard kann der Chef steuerfrei spendieren, wenn die Firmen-Einsparung durch die Karte bei den Dienstfahrten die Kosten für die Bahncard übersteigen oder beim Kauf der Bahncard wenigstens davon auszugehen war.


Urlaub


Der Weg in den Urlaub macht in vielen Familien einen guten Teil des Klima-Fußabdrucks aus: mit dem Flugzeug, mit dem Auto und seltener mit der Bahn. Da ließe sich eine Menge einsparen, Fliegen steht für fünf Prozent der CO2-Emissionen der privaten Haushalte in Deutschland.

Gleichzeitig aber wollen die meisten von uns dieses gemeinsame Europa und Reisen bildet. Aber vielleicht geht ja doch mehr mit der Bahn. Immerhin: 30.000 junge Europäer sollen ein kostenloses Interrailticket bekommen.

Ich sprach kürzlich mit einem Arzt aus Duisburg, der im nordenglischen Leeds arbeitet und seine Dienstreisen nach Amsterdam und Polen mit dem Zug absolviert hatte - mit einem Interrailticket (er war nicht 25). Sicher ungewöhnlich, aber im konkreten Fall, wie er mir vorrechnete, nicht einmal teurer als zu fliegen. Weitere Einsparmöglichkeiten finden Sie hier.

Und beim Fliegen geht es nicht nur um den CO2-Ausstoß. Die direkten Auswirkungen des CO2 machen nicht einmal die Hälfte des Klimaschadens der Fliegerei aus. Beim Weltklimarat (IPCC) heißt es, die indirekten Folgen durch Wasserdampf und andere Emissionen sorgten zusätzlich für eineinhalb bis zweimal so viel Klimaschaden wie das Kohlendioxid selbst. Fliegen wirkt sich also zwei- bis dreimal so stark aufs Klima aus, wie der reine Spritverbrauch vermuten lässt.

Vorschlag zur Güte: Beim Fliegen hilft vor allem nur weniger. Und nutzen Sie die Kompensationsmöglichkeiten, die Agenturen wie Atmosfair für Fluggäste bieten. Das macht auch ein Teil der Bundesregierung und ihrer Ministerien. Und von der Entschädigung für die nächste Flugverspätung, können Sie sich und dann der Familie eine Bahncard 50 kaufen. Bis 14 ist die Bahn kostenlos, bis 18 Jahre kostet die Bahncard 25 nur 10 Euro, bis 26 sogar die Bahncard 50 nur 69 Euro, dann 255 Euro, und ab 60 Jahren schon wieder die Hälfte, also 127 Euro. Das verändert vor der nächsten Urlaubsreise schon mal die Planungsgrundlagen. Der halbe Preis gilt in ganz Europa.


Essen


Schließlich: Übers Essen will ich hier nicht schreiben, obwohl knapp 20 Prozent unseres privaten Klimaabdrucks damit zu tun haben. Weniger Fleisch und Milchprodukte wären hilfreich. Milch und Fleisch sind als Bauernsohn mein persönliches Laster. Guten Appetit.



insgesamt 149 Beiträge
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Seite 1
hannibalanteportas 21.09.2019
1. So liebe FfF-Anhänger
Das wäre schon mal ein Anfang, wenn all die Hunderttausenden, die gestern in D marschiert sind, mit diesen Vorgaben beginnen. Hinzu kommt speziell für die Jugendlichen, weniger Klamotten aus dritte Welt Ländern, neue Smartphones nur noch alle 6-8 Jahre, weniger einwegdosen usw. Ach ja, das konnte man auch schon vor den Demos machen, war halt nur unbequemer
vernunft_ist_erforderlich 21.09.2019
2.
Herr Tenhagen, Ihre Kolumne ist immer von einer frappierenden Einfachheit gekennzeichnet. Sie geben Ratschläge, die bereits jeder kennt. Versuchen Sie es mal mit ein bißchen Tiefgang. Ärgerlichstes Beispiel aus einen früheren Artikel waren Ihre Tips für Mieter und Vermieter zum Thema Mietpreisdeckel in Berlin. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Thematik war leider nicht in Ansätzen zu sehen. Unreflektierte Artikel sind in einem großen Medium wie der Spiegel aber unangebracht !
guidomuc 21.09.2019
3. Lieber Herr Tenhagen,
ich schätze Ihre Artikel normalerweise sehr, diesmal leider nicht: Glauben Sie ernsthaft, dass - wenn ich einen Ökostromvertrag unterschreibe - der Anbieter sofort eine neue Windmühle aufstellt? Und warum geht meine Kühltruhe nicht aus, wenn kein Wind weht und keine Sonne scheint und Biogas gerade nicht verfügbar ist? Was soll ich mit einem Solarmodul auf dem Balkon - eines dass da hinpaßt - tun? effizient wird das nicht sein. Wärmepumpe bedeutet heizen mit Strom. Wer stellt die Erneuerbare-Energie-Erzeugung sicher? Wärmedämmung ist oft 'mit Hilfe von Sondermüll die Lebensdauer des Hauses zu verkürzen' Stichwort Schimmel. Zudem auch nicht effizient. Spritverbrauch okay, aber bringen Sie mir die Leute nicht dazu, ihre Reifen mehr als vorgeschrieben aufzupumpen, das ist gefählich (Bremsweg, Kurvenhaftung etc.) Ein Elektroauto ist nur dann umweltfreundlicher, wenn dessen Betriebsstrom aus EE kommt. Kauft man zum Auto gleich die passende Windmühle dazu oder wie soll das gehen? Wir haben keinen Ökostromüberschuß. Und was kostet das? Wenn nicht dann wird der Auspuff des E-Autos nur ersetzt durch den Schornstein des nächsten Kohlekraftwerkes. Die Bahn ist nur umweltfreundlicher bei guter Auslastung Googeln Sie bitte mal den Artiekl "Noch eine unbequeme Wahrheit" der FAZ von 2007 (Nein, die Zahlen sind nicht überholt). Und googeln Sie mal, wieviel Sprit ein Linienbus verbraucht - egal ob da jemand drinsitzt. Last not least: Atmosfair et al machen lustige kleine Projekte, da werden Solaranlagen und Windräder aufgestellt, alles schick. Wenn die aber nach einem Jahr kaputt sind, kümmert sich niemand. Nein, das ist ein Geschäft, wie im Mittelalter die Ablassbriefe. Wenn überhaupt dann müsste das die UNO organisieren. Machen die auch, aber auch mit mäßigem Erfolg. Liebe Grüße, trotzdem Danke und bis zum nächsten Artikel.
brandmauerwest77 21.09.2019
4. Da
bin ich doch gut dabei. War schon seit 30 Jahren nicht mehr im Urlaub, wohne im Mehrfamilienhaus, angeschlossen an ein Fernheizwerk, wo die Preise seit Jahrzehnten schon so hoch sind, dass man sich im Winter nur ein Zimmer zu beheizen leisten kann. Stromverbrauch ist auch niedrig, Essen tu ich auch nicht übermäßig viel und mein Auto (Kleinwagen) fährt mit Gas und ist inzwischen über 12 Jahre alt und wird gefahren bis der TÜV die Betriebserlaubnis entzieht. Kann ich sonst noch was tun oder reicht das aus ?
ch2019 21.09.2019
5. Energiewende - 100% Solarstrom durch Speicher
HPS homepowersolutions hat heute schon die Möglichkeit ein Einfamilienhaus autark zu versorgen. Im Sommer wird Wasserstoff produziert und im Winter Strom und Wärme mit der Brennstoffzellen.
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