Wohnungsdeals in Deutschland Immobilieninvestoren spielen wieder Monopoly

Vor der Finanzkrise verscherbelten die Kommunen massenhaft Immobilien an Investoren, jetzt geht das Geschacher erneut los. Die LBBW verkauft 21.000 Wohnungen an private Bieter, die BayernLB will sich von 33.000 Einheiten trennen. Für die neuen Besitzer zählt Rendite - oft zu Lasten der Mieter.

Problemstadtteil Köln-Meschenich: Fonds investieren in deutsche Wohnimmobilien
DPA

Problemstadtteil Köln-Meschenich: Fonds investieren in deutsche Wohnimmobilien

Von


Hamburg - 48.000 Wohnungen in Dresden, 24.000 in Berlin, 28.000 in Hamburg: In den vergangenen Jahren gab es einen beispiellosen Run auf deutsche Immobilien. Finanzinvestoren aus aller Welt kauften den Kommunen ganze Stadtviertel ab - mittlerweile sind bis zu 1,2 Millionen Mietwohnungen im Besitz von Fonds.

Mit der Finanzkrise 2008 brach das Geschäft ein, doch nun geht es wieder richtig los. Im vergangenen Jahr wechselten Wohnungen im Wert von fast sieben Milliarden Euro den Besitzer, ähnlich könnte es 2012 werden: Gerade erst gab die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) den Verkauf von 21.000 Wohnungen mit rund 60.000 Mietern an ein Konsortium unter Führung der Immobiliengesellschaft Patrizia bekannt. Auch die BayernLB wird sich in diesem Jahr von ihrer Wohnungstochter GBW trennen - mit 33.000 Wohnungen im Bestand.

Für das Immobilien-Monopoly gibt es vor allem drei Gründe:

  • Die Investoren schwimmen wieder im Geld. Dazu haben auch die Notenbanken beigetragen, die in der Krise die Märkte mit viel Liquidität geflutet haben.
  • Der deutsche Immobilienmarkt gilt als unterbewertet - die Mieten sind im internationalen Vergleich niedrig, die Eigentumsquote ist gering. Investoren können also auf steigende Preise spekulieren.
  • Die Europäische Kommission macht Druck auf öffentliche Eigentümer, sich von ihrem Wohnungsbestand zu trennen - das gilt vor allem für die Landesbanken. Die sollen sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren, verlangt die EU-Wettbewerbsbehörde, sonst müssen sie staatliche Zuschüsse zurückzahlen.

Meist interessieren sich Investoren für große Wohnblöcke in sogenannten Problembezirken, gebaut in den fünfziger bis siebziger Jahren, einer Zeit, in der möglichst viele Menschen möglichst billig untergebracht werden sollten. Heute blättert die Farbe von den Fassaden, die Mieterschaft ist eine bunte Mischung, viele beziehen Hartz IV. Für Investoren sind diese Viertel aber interessant: Die Bestände sind günstig zu haben, für viele Wohnungen überweist das Sozialamt jeden Monat pünktlich und verlässlich Geld, und bei den Mieten ist noch Luft nach oben.

"Gegen die Interessen der Mieter"

Für das Wohnungspaket der LBBW zahlte die Investorengruppe um die Immobiliengesellschaft Patrizia fast anderthalb Milliarden Euro - offenbar nur wenig mehr, als eine kommunale Bietergemeinschaft rund um die Stadt Stuttgart zahlen wollte. Die Verliererseite und der Deutsche Mieterbund (DMB) kritisieren die Entscheidung gegen die kommunalen Kaufinteressenten denn auch scharf: "Wer öffentliche Wohnungsbestände an Privatinvestoren verkauft, der handelt gegen die Interessen der Mieter", sagt Ulrich Ropertz vom DMB.

LBBW-Chef Hans-Jörg Vetter verteidigte sich: Beide Bieter hätten ein vergleichbares Angebot gemacht, das sich jedoch im Kaufpreis unterschieden habe: "Damit war ein Verkauf an das Konsortium rechtlich zwingend, das das wirtschaftlich bessere Angebot gemacht hat", so Vetter. Außerdem habe auch das Patrizia-Konsortium Zugeständnisse gemacht, die "deutlich über gesetzlichen Mieterschutz hinausgehen" - was der Mieterbund schon jetzt bezweifelt.

Die neuen Besitzer dürfen nämlich jährlich fast tausend Wohnungen gewinnbringend weiterverkaufen und die Mieten im Bestand in den kommenden Jahren um durchschnittlich drei Prozent plus Inflation anheben. Eine Durchschnittsmiete von 800 Euro würde sich in fünf Jahren also um bis zu 200 Euro erhöhen. Genüsslich zerpflückt Ropertz zudem die sogenannte Sozialcharta, zu der sich Patrizia Immobilien Chart zeigen verpflichtet hat: Zum Beispiel, dass Luxussanierungen in den nächsten fünf Jahren nur mit Zustimmung der Mieter zulässig sind - was das Wort bedeuten solle, sei vollkommen unklar, sagt Ropertz. Mieter müssten bei einer Sanierung sowieso zustimmen. Für Mieterhöhungen gelten zudem gesetzliche Grenzen.

Investitionen bleiben häufig aus

Ropertz hält den Zuschlag an Patrizia für "falsch und kurzsichtig". Bund und Länder seien gut beraten, ihre Wohnungen zu halten. Tatsächlich sind die Verkäufe von kommunalen Wohnungen deutlich zurückgegangen. In den vergangenen Jahren gab es kaum Veräußerungen, im Gegenteil wollen die Kommunen - wie gerade in Baden-Württemberg - ihre Bestände wieder vergrößern.

Der Kehrtwende ist ein Lernprozess vorausgegangen: Viele der kommunalen Wohnungen liegen in sozialen Brennpunkten, ein verhältnismäßig großer Teil der Mieter bezieht Sozialleistungen. Wenn ein Finanzinvestor die Mieten erhöht, muss die öffentliche Hand - über Wohngeld oder Hartz IV - die höheren Kosten tragen. Bleiben die Mieten stabil, dann häufig, weil der neue Besitzer auf Sanierung und Instandhaltung der Gebäude verzichtet.

Das werde auch im Fall der LBBW-Wohnungen geschehen, befürchten die Kritiker: 16,75 Euro pro Quadratmeter und Jahr will das Investorenkonsortium in den kommenden zehn Jahren investieren. Viel zu wenig, sagen die unterlegenen Bieter. Nachdem sie den Wohnungsbestand ausführlich untersucht haben, gehen sie davon aus, dass für Instandhaltung und Sanierung mindestens 22 Euro notwendig sind.

So viel zahlt kaum ein Investor. Als Beispiel für die ausschließlich renditeorientierte Heuschrecke gilt seit Jahren die Gagfah Chart zeigen, eine Tochter der US-Beteiligungsfirma Fortress Investment Group Chart zeigen. Jahrelang rissen Berichte über verschimmelte Wohnungen, kaputte Bäder und Heizungen nicht ab. Gagfah-Chef William Brennan brüstete sich aber damit, in den vergangenen Jahren ungefähr acht Euro pro Quadratmeter in seine Wohnungen investiert zu haben.

Egal aber ob der Vermieter Deutsche Annington Immobilien Gruppe (DAIG), Gagfah, LEG oder wie im jüngsten Verkauf Patrizia heißt, bei allen häufen sich die Beschwerden von Mietern. Die hohen Renditen, die die Fonds ihren Investoren versprochen hatten, konnten sie nur zahlen, indem sie die Ausgaben für Instandhaltung und Sanierung ihrer Bestände kürzten - und damit ihr eigenes Geschäft kaputtsparten. Selbst die Gagfah hat das erkannt und bezahlt neuerdings Sozialarbeiter in besonders gefährdeten Quartieren.

insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hubertrudnick1 14.02.2012
1. Nichts dazu gelernt
Zitat von sysopDPAVor der Finanzkrise verscherbelten die Kommunen massenhaft Immobilien an Investoren, jetzt geht das Geschacher erneut los. Die LBBW verkauft 21.000 Wohnungen an private Bieter, die BayernLB will sich von 33.000 Einheiten trennen. Für die neuen Besitzer zählt Rendite - oft zu Lasten der Mieter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,815288,00.html
Die Eu Kommission macht Druck auf die Kommunen, dass ist das typische Verhalten von Leuten, die nur am Pokern sind und von gesellschaftlichen Verhalten in den Stäten keine Ahnung haben. Das Leben ist nur ein Monopolispiel und man möchte versuchen wieder mitzuspielen, aber die Leidtragenden werden erneut die Bürger sein. Die Spekulationen mit dem Gemeineigentum soll erneut einigen Spekulanten viel Geld in die Tasche spülen. Man sollte hier mal die Frage stellen, was bekommen davon einige Kommissionsmitglieder ab? HR
inqui 14.02.2012
2. das istg bei uns
Zitat von sysopDPAVor der Finanzkrise verscherbelten die Kommunen massenhaft Immobilien an Investoren, jetzt geht das Geschacher erneut los. Die LBBW verkauft 21.000 Wohnungen an private Bieter, die BayernLB will sich von 33.000 Einheiten trennen. Für die neuen Besitzer zählt Rendite - oft zu Lasten der Mieter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,815288,00.html
in Solingen nicht anders. Auf der anderen Seite gehören immer 2 zu einem Vertragsabschluss. Der Solinger Wohnungsbau hat die Wohnungen runtergewirtschaft sprich Reperaturstau. Dann erfolgten Kaufangebote an Mieter, im sozialen Wohnungsbau eine Farce. Dann gehen die Wohnungen für ein Appel und Ei (Paketabschlag) an einen Invesxtor über. Die armen Mieter.
peterregen 14.02.2012
3. ...
Zitat von sysopDPAVor der Finanzkrise verscherbelten die Kommunen massenhaft Immobilien an Investoren, jetzt geht das Geschacher erneut los. Die LBBW verkauft 21.000 Wohnungen an private Bieter, die BayernLB will sich von 33.000 Einheiten trennen. Für die neuen Besitzer zählt Rendite - oft zu Lasten der Mieter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,815288,00.html
Und? Wo ist das Problem? Wenn die Bürger etwas dagegen hätten, würden sie doch Politiker wählen, die so etwas unterbinden. Haben sie aber nicht, also ist es ok so.
Eutighofer 14.02.2012
4. Neue Heimat
Zitat von sysopDPAVor der Finanzkrise verscherbelten die Kommunen massenhaft Immobilien an Investoren, jetzt geht das Geschacher erneut los. Die LBBW verkauft 21.000 Wohnungen an private Bieter, die BayernLB will sich von 33.000 Einheiten trennen. Für die neuen Besitzer zählt Rendite - oft zu Lasten der Mieter. http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/0,1518,815288,00.html
Es ist ein Mythos, dass die gemeinnützige oder staatliche Stellen besonders gut Wohnungen verwalten würden. Oft besteht ein Sanierungsrückstand. Die Gewerkschaften besaßen einst tausende von Wohnungen ("Neue Heimat") und schafften es, den ganzen Bestand herunterzuwirtschaften und für eine D-Mark (!) zu verkaufen.
Dr. Fuzzi 14.02.2012
5. Och Joh!
Zitat von peterregenUnd? Wo ist das Problem? Wenn die Bürger etwas dagegen hätten, würden sie doch Politiker wählen, die so etwas unterbinden. Haben sie aber nicht, also ist es ok so.
Das Problem besteht darin, das auch die heutigen politiker eher am kurzfristigen Erfolg orientiert sind, schliesslich wollen die alle 8 Amtsjahre zu Genuss der Luxuspension erleben, jedoch nicht mehr am Gemeinwohl! Ich habe hautnah erlebt, wie seinerzeit die "Neue Heimat" abgewickelt wurde. Gewerkschaftmitglieder haben die Wohnungen zumeist ihren nahen Anverwandten billigst zugeschanzt, immerhin waren diese Wohnungen noch "gut in Schuss". Das war der Anfang vom Ende des "sozialen Wohnungsbaus". Wp gibt es denn heute noch neu gebaute kommunale Wohnungen oder gar Wohngebiete für sozial Schwache, wo sind sie, die Firmenwohnungen oder günstigen Firmengrundstücke? Alles nicht mehr existent - dank der modernen Politikerkaste! Das, wozu sie auffordern, die entsprechenden Politiker oder gar Partei zu wählen, ist schlichtweg unmöglich. Die gibt es nicht mehr! Dazu bedarf es eher einer Revolution. Vermutlich wird die auch kommen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.