Krieg verschärft Wohnraumkrise »Wir wollen bauen, wir sollen bauen, aber wir können nicht bauen«

Russlands Überfall auf die Ukraine hat ungeahnte Folgen für den ohnehin bereits angespannten deutschen Wohnungsmarkt: Immer mehr Bauprojekte werden gestrichen.
Muss hierzulande häufig warten: Ein Bauarbeiter

Muss hierzulande häufig warten: Ein Bauarbeiter

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Anhaltender Materialmangel und steigende Baupreise, mehr Stornierungen und drohende Kurzarbeit: Der Krieg in der Ukraine trifft die lange Jahre boomende deutsche Bauindustrie mit voller Wucht und sorgt dafür, dass die Branche ihre Ziele für 2022 drastisch korrigieren muss.

Man erwarte für die realen Umsätze nur noch »eine Entwicklung zwischen null und minus zwei Prozent«, sagte Präsident Peter Hübner vom Branchenverband HDB am Mittwoch in Berlin. Er bezeichnete die Lage als paradox. »Wir wollen bauen, wir sollen bauen, aber wir können oft nicht bauen.« Grund seien Lieferengpässe bei Baumaterialien und höhere Rohstoffpreise. Dies sorge dafür, dass immer mehr Auftraggeber Projekte verschöben oder gleich stornierten.

90 Prozent der Firmen spüren Kriegsfolgen

Zum Jahreswechsel hätten alle Ampeln für den Bau noch auf »Grün« gestanden, betonte Hübner. Man habe damals nominal für dieses Jahr noch ein Wachstum von 5,5 Prozent angepeilt. Nach Abzug steigender Baupreise wäre dies real ein Plus von 1,5 Prozent gewesen. Der Einmarsch Russlands in die Ukraine veränderte die Lage aber völlig. Denn allein ein Drittel der vom Verband befragten Firmen bezieht Material aus diesen beiden Ländern. Neun von zehn Betrieben beklagen direkte oder indirekte Auswirkungen des Krieges auf ihr Unternehmen.

Der Chef des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie (HDB) zeichnete ein Bild mit trüben Aussichten. Für 2023 rechne er mit einem ähnlichen Umsatzrückgang wie im laufenden Jahr. »Wir hoffen, dass wir das Ganze 2024 wieder ins Positive drehen können.« Hoffnung mache, dass die Baufirmen trotz der schwierigen Lage weiter Personal einstellen wollen. Man rechne für 2022 mit 920.000 Beschäftigten und so mit einem Plus von 9000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Beim wichtigen Wohnungsbau, der der Branche jahrelang wachsende Geschäfte beschert hat, erwartet Hübner einen Umsatzrückgang in diesem Jahr. »Damit stehen die Ziele der Bundesregierung infrage«, warnte der HDB-Präsident. Denn die Ampelkoalition hat sich den Bau von jährlich 400.000 Wohnungen zum Ziel gesetzt. Der HDB rechnet für dieses Jahr nur mit rund 320.000 Wohnungen, da das »Bündnis bezahlbarer Wohnraum« in diesem Jahr auf Sanierung im Bestand setze statt auf Neubauten.

Sorge wegen der Dieselpreise

Die Umsatzprognose steht laut Hübner unter dem Vorbehalt, »dass sich im weiteren Jahresverlauf keine weiteren Verschärfungen bei Energiepreisen und dem Bezug von Baumaterial ergeben«. Denn die teure Energie treffe die Betriebe enorm. »Für uns ist Diesel das Megathema.« Diese Abhängigkeit könne man auch so schnell nicht ändern. Einen Anstieg der Energiepreise um 30 Prozent könne die Branche nicht ausgleichen.

Zudem habe man mit Preissteigerungen zu kämpfen, Firmen könnten teilweise nur mit tagesaktuellen Preisen kalkulieren. Preise für Betonstahlmatten seien binnen Jahresfrist um 70 Prozent gestiegen und für Bitumen um 45 Prozent. »Investoren sind derzeit hochsensibel«, betonte Hübner. Dies gelte vor allem für private Bauherren und dürfte den Wohnungsbau auch 2023 spürbar bremsen, zumal die Kreditzinsen stiegen. Ferner sei bei den Materialengpässen kaum Besserung in Sicht. »Der Krieg legt die engen Lieferketten und Abhängigkeiten brutal und schonungslos offen.« Dies zeige sich bei einem der größten Stahlwerke in Europa, dem Asowstal-Komplex im ukrainischen Mariupol. Dort, wo sich Soldaten unter Beschuss russischer Truppen verschanzt hatten, dürfte wohl vorerst nicht produziert werden. »Deshalb gibt es bei Stahl eine echte Angebotsverknappung«, warnte Hübner.

Er plädierte dafür, den Produktionsstandort Deutschland weniger abhängig vom Ausland zu machen. Deshalb müsse man mehr heimische Rohstoffe nutzen können. Dies sei vor allem aus Umweltschutzgründen derzeit kaum möglich, kritisierte Hübner.

beb/Reuters
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