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Alexander Neubacher

Zahlungsbeschränkungen Rettet das Bargeld

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Wer im Alltag noch mit Münzen und Scheinen bezahlt, ist inzwischen fast überall unerwünscht. Die EU plant sogar eine Obergrenze. Ein Fehler.
aus DER SPIEGEL 32/2021
Bargeldbestand in einer Supermarktkasse

Bargeldbestand in einer Supermarktkasse

Foto: Jens Büttner/ dpa

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In Berlin darf man beim Busfahrer nicht mehr bar bezahlen. Er nimmt nur noch Karten oder Handys mit Geld-App. Damit es beim Einsteigen schneller geht, sagen die Berliner Verkehrsbetriebe. Selten so gelacht. Aber vielleicht werden die Alten, Armen und Abgehängten ja künftig zu Fuß gehen, anstatt sich im Bus dafür anschnauzen zu lassen, dass sie den Betrieb aufhalten.

Nun will ich nicht bestreiten, dass es bei der Digitalisierung Nachholbedarf gibt. Aber hilft es den Bürgerinnen und Bürgern, wenn dabei als Erstes die Münzen und Geldscheine auf der Strecke bleiben?

In vielen Rathäusern und Bürgerämtern sind Barzahler inzwischen unerwünscht, ebenso an Parkautomaten und in einigen Leihbüchereien. Wegen Corona hat sich die Entwicklung beschleunigt. Bargeld stand eine Zeit lang im Verdacht, das Virus zu verbreiten. Deshalb hängt bei der Kfz-Zulassungsstelle ein »No Cash«-Schild, und die Leute tippen mit dem Finger auf der klebrigen PIN-Tastatur herum. Wann wurden die Dinger eigentlich zuletzt gereinigt?

Vor einigen Tagen hat die EU-Kommission ihren Plan zur Bargeldbekämpfung vorgestellt. Rechnungen dürften demnach künftig nur noch bis zu 10.000 Euro in bar beglichen werden. Lediglich für Geschäfte zwischen Privatleuten soll es Ausnahmen geben. In Brüssel heißt es, die Bargeldobergrenze sei nötig, um Betrügern und Geldwäschern auf die Schliche zu kommen, was freilich bezweifelt werden kann. In Italien zum Beispiel gilt schon heute ein Limit von 2000 Euro, ohne dass es das Geschäftsmodell der Mafia fundamental erschüttert hätte. Und im Fall des Bezahldienstleisters Wirecard wäre es im Nachhinein vielleicht ganz gut gewesen, hätte man statt digitaler Luftbuchungen mal ein paar echte Geldscheine vereinnahmt.

In Kreisen, die sich für besonders fortschrittlich halten, lästert man gern über Menschen, die statt eines Karten-Wallets noch immer ein Portemonnaie mit Münzfach haben. Wenn sich einer dann noch darüber beklagt, dass die Europäische Zentralbank keine 500-Euro-Noten mehr ausgibt, während es zu D-Mark-Zeiten sogar Tausender gab, kann es sich nur um einen verkappten AfD-Wähler handeln. Doch es gibt rationale Gründe für das Bargeld. Wer seine Ersparnisse zu Hause aufbewahrt, zahlt wenigstens keine Negativzinsen.

In einer heilen Welt sind Kreditkarten und Bezahl-Apps schnell, bequem und praktisch. In Ländern wie China führen sie zu Totalüberwachung und Verhaltenssteuerung. Im Großen und Ganzen vertraue ich unserem Staat, doch bei Apple und PayPal wäre ich mir nicht so sicher. Allzu viele Unternehmen brennen darauf zu erfahren, wofür wir unser Geld ausgeben.

Bargeld ist einfach und sicher. Es funktioniert ohne Strom und Internet. Es garantiert Anonymität und schützt unsere Geheimnisse. Und es gibt uns die Freiheit, digital zu verschwinden.

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