Arbeiter in der Modebranche Respekt - aber für wen?

"R-E-S-P-E-C-T" prangt auf dem Hoodie der Modekette Zara. Doch bringt die Firma auch den Arbeitern Respekt entgegen, die ihn herstellen? Eine Schweizer Organisation hat den Weg des Kleidungsstücks verfolgt.

Zara-Kapuzenpullover mit Aretha-Franklin-Songzitat: Respekt für wen?
Public Eye / Timmy Memeti

Zara-Kapuzenpullover mit Aretha-Franklin-Songzitat: Respekt für wen?

Von


Die Textilbranche ist berüchtigt: für niedrige Löhne, für prekäre und gefährliche Arbeitsverhältnisse, für Umweltverschmutzung. Viele Unternehmen haben zwar auf die wachsende Kritik von Umweltverbänden, Menschenrechtsorganisationen und Verbrauchern reagiert - in freiwilligen Selbstverpflichtungen versprechen sie mehr Transparenz in der Lieferkette oder existenzsichernde Löhne bei den Zulieferern.

Doch was sind die warmen Worte der Konzerne wert?

Die Schweizer Organisation Public Eye hat das am Beispiel des weltgrößten Fast-Fashion-Modekonzerns Zara untersucht und die Ergebnisse veröffentlicht. Die Organisation kaufte dafür einen schwarzen Kapuzenpullover mit dem Aufdruck "R-E-S-P-E-C-T" und der Unterzeile: "find out what it means to me" - ein Zitat aus dem berühmten Song von Aretha Franklin, das Public Eye als Aufforderung zur Recherche verstand.

Die Organisation, die früher "Erklärung von Bern" hieß, ist für ihre Recherchen und Kampagnen zu Menschenrechtsthemen bekannt. Sie setzt sich unter anderem für mehr Konzernverantwortung und faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie ein. Der Verein ist unabhängig und finanziert sich vor allem durch die Beiträge seiner rund 25.000 Mitglieder sowie durch Spenden.

Der "Respect"-Hoodie, den Public Eye sich vorgenommen hatte, gehört zur "Join Life"-Linie des Zara-Mutterkonzerns Inditex, die besonders nachhaltig sein soll. Und Nachhaltigkeit und Transparenz sind Inditex offenbar wichtig, jedenfalls stehen diese Worte an vielen Stellen im 434-seitigen Geschäftsbericht. Der sozialverträglichen Lieferkette und dem "Arbeiter im Mittelpunkt" widmet der Bericht sogar fast 50 Seiten.

Was dort auch steht: Die Geschäfte des Konzerns laufen gut. 1.597.260.495 Kleidungsstücke hat Inditex 2018 verkauft, 70 Prozent davon über die Marke Zara. Reingewinn: fast 3,5 Milliarden Euro.

Aber welchen Anteil an diesen Zahlen haben die Arbeiter? Und: Werden sie mit Respekt behandelt und anständig bezahlt?

Der "Chief Sustainability Officer" antwortet nur ausweichend

Laut Etikett wurde der Kapuzenpullover in der Türkei hergestellt - Public Eye wollte es genauer wissen und schrieb an den Zara-Kundendienst. Laut Geschäftsbericht wird das Unternehmen jederzeit Auskunft geben "über die Herkunft unserer Artikel sowie über die Bedingungen der Arbeiterinnen und Arbeiter, die in deren Produktion involviert sind". Die Fragen der Schweizer Organisation: In welcher Fabrik wurde der Hoodie hergestellt, wie sind die Arbeitsbedingungen dort, und woher kommt die Baumwolle?

Etikett des "Respect"-Kapuzenpullis: Made in Turkey
Public Eye / Timmy Memeti

Etikett des "Respect"-Kapuzenpullis: Made in Turkey

Es dauerte zehn Wochen, bis eine eher unbefriedigende Antwort kam, in der es unter anderem hieß, die Baumwolle sei zu hundert Prozent biologisch hergestellt und zertifiziert.

Die Organisation hakte nach und wandte sich an den "Chief Sustainability Officer" (CSO): "Kommt die Baumwolle ursprünglich aus der Türkei? In welcher Fabrik wurde der Faden gesponnen, der Stoff gestrickt, der Pullover genäht? Was verdienen die Arbeiterinnen und Arbeiter dort? Welchen Preis hat Zara dem Zulieferer für das Kleidungsstück ab Fabrik bezahlt?"

Weitere vier Wochen später antwortet der Manager: Die Baumwolle komme aus Indien, zu Faden werde sie in der Türkei verarbeitet, dort werde auch der Stoff gewebt, die Teile zugeschnitten, der Hoodie zusammengenäht und schließlich bedruckt.

Wie viel Zara für den Pullover zahlt und wie hoch die Löhne der Arbeiterinnen und Arbeiter entlang der Lieferkette sind? Darauf gab das Unternehmen keine Antwort, nannte allerdings die Namen der beteiligten Firmen.

Recherche in Fabriken in der türkischen Stadt Izmir

Public Eye recherchierte die Adressen der beteiligten Fabriken und machte sich auf den Weg in die türkische Hafenstadt Izmir. Dort zeigte sich: Die Firmen, die Inditex genannt hatte, stellen tatsächlich den Kapuzenpullover her. Allerdings fehlte in der Aufzählung ein zentraler Zwischenhändler, der als Agentur für Inditex agiert, Aufträge an die Fabriken vergibt und dafür dem Bericht zufolge ein bis zwei Euro pro Kleidungsstück verdient.

Türkische Hafenstadt Izmir: "Aggressives Pricing" von Inditex
Public Eye / Timmy Memeti

Türkische Hafenstadt Izmir: "Aggressives Pricing" von Inditex

Während der Recherche vor Ort wird klar: Inditex hat durch seine Großaufträge eine erdrückende Marktmacht und bestimmt damit die Preise für die Stoffe, das Nähen und das Bedrucken. Die vergleichsweise kleinen Nähereien und Textildrucker dürften auf die Inditex-Aufträge angewiesen sein - ideale Bedingungen für das "aggressive Pricing" des Textilriesen, wie Public Eye Beteiligte zitiert.

Über die Bezahlung der Arbeiter erfahren die Rechercheure zunächst wenig, über die Situation in den Fabriken veröffentlichen sie nichts, um keine Arbeiter zu gefährden. Denn auch das gehört zur Wahrheit: Würde Inditex die Aufträge streichen, wären die Firmen wohl am Ende.

Ein paar Zahlen: Laut Public Eye bekam die Fabrik, die die 20.000 "Respect"-Pullis hergestellt hat, rund 9 türkische Lira pro Stück - das wären ungefähr 1,53 Euro. Die Druckerei bekam pro Druck rund 17 Cent pro Stück.

Bei den niedrigen Einkaufspreisen dürften die Firmen ihre Arbeiter wohl länger arbeiten lassen oder schlechter bezahlen. Die einzigen Zahlen, die Public Eye vor Ort hört, sind Monatslöhne für Fabrikarbeiter zwischen 2000 und 2500 türkischen Lira (310 - 380 Euro) - das entspricht in etwa dem türkischen Mindestlohn.

Organisationen wie die Clean Clothes Campaign berechnen dagegen einen Existenzlohn - ein Lohn, von dem zwei Erwachsene und zwei Kinder in Würde leben können. Der liegt mit 6130 türkischen Lira fast drei Mal so hoch - und den will Inditex laut Geschäftsbericht eigentlich zahlen: Ein Schwerpunkt sei es, "durch Ermächtigung und Beteiligung der Arbeiter Existenzlöhne in der Industrie erzielen".

Auf Anfrage verweist Inditex darauf, dass den Arbeitern ja bereits mehr als der gesetzliche Mindestlohn gezahlt werde, die von Public Eye genannten Löhne seien niedriger als in der Realität. Grundsätzlich seien höhere Löhne nur zu erreichen, wenn die Branche insgesamt sich darauf einige, mehr zu zahlen.

Existenzlöhne wären möglich - ohne Preiserhöhung

Bis ins türkische Izmir sind die hehren Ziele des Unternehmens wohl nicht durchgedrungen. Im Gegenteil: Einige Fabrikarbeiter sind den Recherchen zufolge nur auf Tagesbasis angestellt - sie haben keine Sicherheit, dass sie auch am Folgetag wieder Arbeit bekommen. Dass die Arbeitszeiten gegen türkische Gesetze verstoßen, scheint da schon fast nebensächlich: Eine Fabrik fährt einen 24-Stunden-Betrieb - in zwei Schichten. Die erste dauert demnach von 8.30 Uhr bis 19 Uhr, die zweite von 19 Uhr bis 8.30 Uhr - das verstößt auch gegen die Vorschriften, die Inditex seinen Zulieferern macht.

Ein Fazit von Public Eye: Die von Inditex beschworene Transparenz reicht nicht, um herauszufinden, zu welchen Konditionen die Zulieferbetriebe ihre Arbeiter beschäftigen.

Public Eye hat sich deshalb mit weiteren Organisationen zusammengetan, darunter das Pariser Recherchebüro Le Basic. Dessen Team hat errechnet, wie sich die Kosten des "Respect"-Kapuzenpullis aufteilen: Zara verkauft den Hoodie für schätzungsweise 22,22 Euro ohne Mehrwertsteuer. Für den fertigen Pullover, inklusive Aufdruck, zahlt das Unternehmen wohl rund 7,76 Euro. Nach Abzug aller Kosten bleibt den Berechnungen zufolge der Zara-Mutter Inditex ein Gewinn von 4,20 Euro pro Stück. Die genauen Berechnungen können Sie in der Fotostrecke unten oder hier nachlesen. Inditex weist die Kalkulationen als zu niedrig zurück und wirft Public Eye mangelhafte Recherche vor. Andere Zahlen legt das Unternehmen allerdings nicht vor.

Den Schätzungen der NGO zufolge würde der Pullover sich nur um rund 3,62 Euro verteuern, wenn alle Beteiligten - von den Arbeitern auf den indischen Baumwollfeldern bis zur Textildruckerei - existenzsichernde Löhne bekommen. Der Konzern könnte seinen Arbeitern also tatsächlich Respekt erweisen, ohne den Verkaufspreis auch nur um einen Cent zu erhöhen. Nur seine eigene Gewinnmarge würde schrumpfen.

insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
libily 20.11.2019
1. Cool!
Skrupellos in der Produktion, mit gutem Geschäftssinn beim Vermarkten, bisschen Öko beim Label und völlige Gedankenlosigkeit beim Kauf gibt ´ne rasante Mischung.
sverris 20.11.2019
2.
Also wieder alles wie von solchen Konzernen zu erwarten.
AlexP79 20.11.2019
3. So einfach ist es nicht
Es ist richtig, dass existenzsichernde Löhne bezahlt werden müssen. Es wird aber trotzdem nicht ohne Preiserhöhungen gehen. Wir müssen uns als Verbraucher darauf einstellen und bereit sein für faire Ware höhere Preise zu zahlen. Die Gewinnmarge schrumpfen zu lassen kann sich Inditex auch nicht leisten. Mit fallender Quote bekommt das Unternehmen Probleme mit Investoren und Banken. Die Kreditwürdigkeit sinkt, Darlehen werden teurer. Das würde wieder die Notwendigkeit von Einsparungen an anderer Stelle nach sich ziehen. Derart billige Kleidung (und 22€ für einen Pullover sind billig) wird niemals fair produziert werden können. Schuld sind wir alle die wir beim einkaufen nur auf den günstigsten Preis achten..
olfnairolf 20.11.2019
4. Respect
Wenn die Mode RESPECT aufdruckt ist das in etwa so ernst zu nehmen wie wenn Neuköllner Rapper davon singen.
nikaja 20.11.2019
5. Danke fuer den Bericht
Soviel zu den Selbstverpflichtungserklaerungen der Industrie und der Unternehmen. Sie sind das Papier nicht wert auf dem sie stehen. Das gilt fuer alle Branchen. Also wenn Julia Kloeckner an die Selbstverpflichtung der Unternehmen appeliert und so hofft der Markt wuerde sich zugunsten der Verbraucher, Produzenten und im Falle des Agrarsektors selbst regulieren, sehen wir was dabei heraus kommt. Naemlich heisse Luft und Augenwischerei. Wenn der Staat hier nicht massif eingreift und kontrolliert bleiben die Zustaende unveraendert schlecht. Auf die Kaeuferschicht von Zara ist leider nicht zu setzen, fuer die muss es billig sein egal wo und wie produziert wird.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.