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Zertifikate-Skandal Lehman-Opfer rüsten sich für das Alptraum-Jubiläum

Sie sind die vergessenen Opfer der Lehman-Pleite: Tausende Anleger, der Großteil davon Rentner, haben ihr mühsam Erspartes beim Zusammenbruch der US-Bank verloren. Auch ein Jahr nach dem Crash fordern viele noch Entschädigung - ein verzweifelter Kampf gegen die Hochfinanz.

Sie nerven, wann und wo immer sie können. Oft sind sie erfolgreich. Ihr Vorteil ist, dass sie so harmlos aussehen, die meisten sind Senioren. Einmal haben die Mitglieder der Frankfurter Lehman-Stammtische sogar kurzzeitig mehrere Banken lahmgelegt. Am 23. April marschierten sie zu Dutzenden an die Schalter, hoben jeder exakt 234,09 Euro ab. Passend zum Datum. "Die Berater sind verzweifelt", sagt Peter Kyritz zufrieden.

Noch zufriedener ist der Frankfurter Chemie-Ingenieur, wenn er an den großen Jahrestag denkt. Am 15. September werden Betroffene aus ganz Deutschland nach Frankfurt kommen, Lehman-Anleger wie er. Sie wollen durch die Stadt ziehen, vor den Banken ihre Wut herausbrüllen. An diesem Tag wird es ein Jahr her sein, dass ihr Erspartes sich in Luft auflöste. Weil die einst gefeierte US-Investmentbank Lehman Brothers mit Pauken und Trompeten unterging.

Ein Skandal, der Kyritz, Mitgründer des "IG Lehman Stammtisch II" in Frankfurt, von Tag zu Tag mehr empört. Der 52-Jährige hat Unmengen an Material zusammengetragen - und ist inzwischen felsenfest überzeugt: Vor allem ältere Menschen wurden mit Lehman-Zertifikaten im ganz großen Stil betrogen. Geschätzt 40.000 bis 50.000 Kunden von Citibank, Dresdner Bank und von mehreren Sparkassen kauften die Zocker-Papiere - die ihnen oft als sichere Anlage angepriesen worden seien, sagen Kyritz und zahlreiche Anleger-Anwälte. Sicher ist, dass mit der Pleite der US-Investmentbank Unsummen an Erspartem einfach weg waren. Der gesamte Schaden lässt sich kaum fassen: Hunderte Millionen? Oder doch Milliarden?

Der Ärger treibt selbst Senioren auf die Straße, die sich nie hätten träumen lassen, einmal an einer Demo teilzunehmen. So wie Werner Gutgesell. Der Frührentner aus dem hessischen Schwalbach war früher Elektriker, bis die Knie das ständige Arbeiten auf dem Boden nicht mehr mitmachten. Jetzt steht der stämmige 63-Jährige mit dem weißen Bart vor der Frankfurter Sparkasse, ein Schild um den Hals mit der Aufschrift "Beraten und verkauft" - und er ist genauso wütend wie vor einem Jahr. 30.000 Euro hat er verloren, "das hat richtig wehgetan", sagt er - und: "Ich habe das erst gar nicht gerafft." Der Bankberater habe beim Kauf der Papiere noch ausdrücklich versichert: "Das Kapital ist nicht in Gefahr."

Im Hause Kyritz brachte die Ehefrau das neue Investment nach Hause. Sie hatte bei der Bank eigentlich eine Riester-Rente besprechen wollen. Der Berater empfahl nebenbei den neuen "STAR BOND". "Wir kannten ihn schon lange", sagt Kyritz. Der Mann habe gewusst, dass die Familie mit ihren drei Kindern das Risiko scheue. Vor allem in diesem Fall. Die 8000 Euro hatte die Großmutter für die älteste Tochter zusammengespart.

Die Familie wusste nicht einmal, dass der Herausgeber des Papiers eine US-Bank war - geschweige denn, was genau sie da eigentlich kaufte. Auf dem Werbeflyer leuchtete das Logo der Frankfurter Sparkasse - und ein Foto von Schoko-Pralinen.

Deshalb stimmt es nicht ganz, wenn den Lehman-Anlegern Naivität oder gedankenlose Zockerei vorgeworfen wird. Rechtsanwalt Björn Wieg findet, derart komplizierte Produkte wie die von Lehman hätten Laien gar nicht erst verkauft werden dürfen. "Bei Zertifikaten wettet der Anleger gegen die Bank", erklärt der Jurist. Der Käufer setzte darauf, dass sich ein Börsen-Index, der Ölpreis oder eine Währung in eine bestimmte Richtung entwickelt. Für die Herausgeberin des Papiers sei es eigentlich das Beste, wenn der Kunde seine Wette verliert - dann verdient sie besonders viel. Vielleicht wurden die Lehman-Produkte deshalb immer komplizierter.

"Konzipiert, um hier die Leute auszunehmen"

In den USA und in vielen europäischen Ländern sind die Zertifikate schon verboten. In Deutschland aber wurden sie sogar einem 98-Jährigen aufgeschwatzt. Bei der Fälligkeit der 24.000-Euro-Anlage wäre er 103 Jahre alt gewesen.

Der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zufolge gingen vor allem Senioren den Lehman-Versprechungen auf den Leim. Das Durchschnittsalter der 800 dort bekannten Geschädigten lag etwa bei 65 Jahren. Viele Betroffene waren 75 und älter. Oft wurden sie angerufen, euphorisch umworben. Passte das Investment nicht zum konservativen Anlegerprofil, sicherten sich die Berater ab und notierten in ihren Unterlagen: "Ausdrücklicher Kundenwunsch". "Diese Produkte sind extra konzipiert worden, um hier die Leute auszunehmen", resümiert Anleger-Anwalt Julius Reiter.

Inzwischen beschäftigt sich auch eine Wirtschaftsdetektei mit dem Fall Lehman. "Die Abgründe, die sich im Laufe unserer Recherchen auftun, werden immer tiefer", sagt deren Chef Medard Fuchsgruber. Vor allem die Verbindungen zwischen der Citibank und Lehman beschäftigen den 44-Jährigen. Im Insolvenzbericht lasen die Rechercheure, dass die Mutter der Citibank - die Citigroup - mit 4,5 Prozent der Anteile einer der größten Einzelaktionäre von Lehman Brothers war. Insgesamt verwaltete der US-Konzern zudem treuhänderisch 138 Milliarden Dollar an unbesicherten Forderungen an Lehman. Kredite, die Kunden etwa über Zertifikate gegeben hatten. "Als großer Gläubiger wusste die Citibank schon 2007, was bei Lehman läuft", sagt Fuchsgruber.

In Deutschland verkaufte die Tochter trotzdem eifrig weiter Zertifikate des Investmenthauses.

Die mittlerweile an die Crédit Mutuel verkaufte Citibank erklärt, sie sei "ein selbständiges Unternehmen". Man treffe in Deutschland "seine eigenen Management-Entscheidungen". Der Vorstand habe keinen Zugang zu Informationen etwa über mögliche Beteiligungen des früheren Mutterkonzerns gehabt. Es sei deshalb "völlig falsch und durch nichts zu belegen, dass die Citibank Deutschland beim Verkauf von Lehman-Papieren aufgrund irgendwelcher Interessen" gehandelt habe.

"Die Anleger werden verraten"

Nachweisen lässt sich auch der Vorwurf der Falschberatung nur schwer. Die ersten Prozesse in Sachen Lehman gerieten zu einer peinlichen Serie von Niederlagen für die Anleger. Inzwischen hat sich das Blatt zwar gewendet - immer öfter urteilen die Richter zugunsten der Geschädigten. Bis allerdings alle Instanzen durchgefochten sind, dürften Jahre vergehen.

Die Geprellten wollen sich damit nicht kampflos abfinden. Wie in Frankfurt haben sich auch in anderen Städten Vereinigungen und Stammtische gegründet. Tipps werden ausgetauscht, Anwälte vermittelt. Eine bundesweite Interessengemeinschaft hat eine umfangreiche Internetseite ins Netz gestellt.

Der Druck zeigt allerdings bislang nicht die erhoffte Wirkung. Zwar hat die Citibank ein Entschädigungsprogramm über immerhin 27 Millionen Euro aufgelegt - doch davon profitiert nur ein Teil der Geschädigten. So werden etwa nur die Kunden entschädigt, die vor dem Kauf der Lehman-Produkte noch nicht in Zertifikate investiert hatten. Die Auswahlkriterien seien "absurd", empört sich Marc Tüngler, DSW-Geschäftsführer. Rechtsanwalt Matthias Schröder findet, mit dem Ausgleichsprogramm seien die Anleger "verraten" worden.

Die Citibank reagiert kühl. Das Angebot ist für sie nur eine "Kulanzlösung". "Unsere detaillierte bankinterne Untersuchung hat ergeben, dass ein systematischer Fehler im Beratungssystem definitiv ausgeschlossen werden kann." Die Kunden seien "an verschiedener Stelle und ausreichend über die Risiken aufgeklärt" worden.

Ähnlich argumentiert die Frankfurter Sparkasse. "Die weit überwiegende Zahl der Kunden" sei "anleger- und anlagegerecht beraten" worden, sagt ein Sprecher. Auch das Frankfurter Geldinstitut hat "aus Kulanzgründen bei besonderen wirtschaftlichen Härtefällen" einen Ausgleich angeboten. Über die genauen Auswahlkriterien und die Höhe des Pakets hüllen sich die Hessen in Schweigen. Finanzkreisen zufolge sind etwa 50 der 5000 Lehman-Kunden voll entschädigt worden, weil die Beratungsstandards der Bank nicht eingehalten wurden. Rund 570 bekamen wegen ihrer finanziellen Schwierigkeiten einen Anteil zurückbezahlt.

Frührentner Gutgesell ging leer aus. Deshalb wird er weiter nerven. Sich regelmäßig in Frankfurt vor die Banken stellen mit seinem Schild um den Hals. Und klagen wird er, "so lang wie es notwendig ist". Die Anwaltskosten muss der Schwalbacher privat bezahlen - eine Rechtsschutzversicherung hat er nicht. Aber er findet, das ist eine gute Investition.

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