Zockerjagd für Anfänger So will Europa die Superspekulanten zähmen

Europa rüstet sich zum Kreuzzug gegen Hedgefonds: Die EU-Finanzminister wollen die Investoren künftig stärker kontrollieren, die Rede ist von Leerverkaufsverboten und Leverage-Grenzen. Sie verstehen kein Wort davon? Macht nichts! SPIEGEL ONLINE erklärt, wie die Zockerbarrieren funktionieren.

Corbis

Von  und Alexander Trempler (Grafik)


Hamburg - Europa macht Jagd auf die Spekulanten: Die EU-Länder diskutieren derzeit über Konzepte, um Zockergeschäfte zu besteuern. Und über einen Rettungsfonds, mit dem sich die Welt gegen den nächsten Finanzcrash absichern könnte.

Zwei entscheidende Probleme aber bleiben. Erstens: Einige Märkte sind zu intransparent für eine wirksame Kontrolle. Wo die großen Risiken liegen, ist oft unbekannt. Selbst Finanzwächter haben nur begrenzten Einblick, da viele Deals außerhalb der Börse zwischen Marktteilnehmern direkt abgewickelt werden. Im Finanzsprech heißt das Over-the-counter-deal, kurz OTC.

Das zweite Problem ist, dass gerade für Hedgefonds nicht dieselben Eigenkapitalregeln gelten wie für Banken. Sie können schier unbegrenzt Kredite aufnehmen - und entsprechend mit viel mehr Kapital spekulieren, als sie eigentlich besitzen. Im Finanzsprech nennt man das leverage.

Solange der Hedgefonds auf die richtigen Risikogeschäfte wettet, winkt Investoren eine satte Rendite, und Kreditgeber dürfen sich über Zinsen freuen. Verzockt sich der Hedgefonds dagegen, drohen den Gläubigern astronomische Abschreibungen. Die drohenden Ausfälle sind bisweilen so gewaltig, dass die Stabilität des internationalen Finanzsystems gefährdet ist.

Berühmtestes Beispiel dafür ist der Hedgefonds Long-Term Capital Management (LTCM), der im Herbst 1998 fast kollabierte.

Was seinerzeit passierte, erklären Ihnen die folgenden Grafiken:

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Erklärgrafiken: So zocken Hedgefonds
Um solche Finanzbeben künftig zu vermeiden, plant Europa nun eine Art Hedgefonds-Bremse. Diese besteht aus folgenden Teilen:

  • Fonds-Manager sollen künftig ihre Schuldenobergrenzen, den Sitz von Dachfonds und vergangene Renditen offenlegen.
  • Wird das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital als "unangemessen" eingeschätzt, sollen die Aufseher eingreifen können.
  • Alle Finanzmanager, die einen Hedgefonds, eine Private-Equity-Firma oder eine Vielzahl weiterer Fonds in der EU betreiben wollen, müssen sich künftig registrieren lassen.
  • Hedgefonds, die ihren Sitz außerhalb der EU haben, sollen einen sogenannten Fonds-Pass erwerben, wenn sie in der Staatengemeinschaft Geschäfte machen sollen. Damit verpflichten die Investoren sich dazu, die europäischen Regeln zu befolgen. Die Kontrolle darüber sollen ausländische Aufsichtsbehörden wie etwa die amerikanische SEC übernehmen.
  • Erstmals sollen einheitliche europäische Regeln gelten.

Klingt erst einmal gut - ist aber eine bloße Absichtserklärung. In der vergangenen Woche haben die EU-Finanzminister ihre Pläne vorgestellt, das EU-Parlament hat ebenfalls eigene Vorschläge gemacht. Die endgültigen Regeln sollen in den kommenden Wochen von EU-Rat, Kommission und Europaparlament ausgearbeitet werden.

Europa muss dabei eine Menge Standhaftigkeit beweisen: Die Finanz-Lobbyisten klopfen das vorgestellte Regelwerk schon systematisch nach Schwächen ab. Sie werden versuchen, möglichst viele Beschränkungen noch zu kippen.

Ohnehin sind die Vorschläge der EU-Finanzminister nur ein Kompromiss. Unabhängige Experten fordern viel schärfere Regeln für spekulative Fonds; sie wollen Fonds-Managern die Arbeit im Verborgenen verbieten. "Was wir brauchen, ist eine Börsenhandelspflicht für Währungsspekulationen oder den Handel mit Kreditversicherungen", sagt Dirk Schiereck, Bankenprofessor an der Technischen Universität Darmstadt.

Fragwürdiges Leerverkaufsverbot

Die Bundesregierung geht noch einen anderen Weg, um Spekulationen einzudämmen. Sie hat ein Verbot sogenannter ungedeckter Leerverkäufe verhängt. Hier eine vereinfachte Darstellung, wie Leerverkäufe funktionieren:

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Erklärgrafiken: So funktionieren Leerverkäufe
Das Besondere an ungedeckten Leerverkäufen ist, dass die Finanzakteure gar keine Papiere besitzen. Sie versprechen etwa einer Bank, ihr in drei Monaten Staatsanleihen zu einem bestimmten Preis zu verkaufen. Dann versuchen sie in diesem Zeitraum, die entsprechenden Papiere günstiger einzukaufen. Die Differenz streichen sie als Gewinn ein. Oder sie kaufen und verkaufen Versicherungen auf Ausfälle von Krediten - obwohl sie diese Kredite selbst gar nicht gegeben haben.

Beides - den ungedeckten Verkauf von Staatsanleihen der Euro-Länder und den ungedeckten Verkauf von Kreditausfallversicherungen auf Staatsanleihen - hat die deutsche Bankenaufsicht BaFin verboten, dazu den ungedeckten Leerverkauf von Aktien bestimmter Unternehmen. Das Verbot könnte sogar noch ausgeweitet werden: In einem Gesetzentwurf des Finanzministeriums ist davon die Rede, alle ungedeckten Leerverkäufe von Aktien an deutschen Börsen zu verbieten.

Experten zufolge ist das reine Symbolpolitik. Der größte Teil des Handels mit den in die Kritik geratenen Kreditausfallversicherungen, den sogenannten Credit Default Swaps (CDS), werde ohnehin nicht in Frankfurt am Main, sondern in Finanzzentren wie London oder New York abgewickelt, sagt Commerzbank-Portfoliomanager Gunnar Stangl.

Auch an der Wirksamkeit der Maßnahme gibt es Zweifel. "Es ist ein isolierter Schritt in einer globalisierten Welt", sagt Christoph Schmidt, Wirtschaftsweiser und Chef des Essener RWI-Instituts. Tatsächlich können Händler, die in Deutschland tätig sind, einfach auf andere Finanzplätze ausweichen, an denen kein Leerverkaufsverbot gilt.

Bankenprofessor Hans-Peter Burghof hält das Leerverkaufsverbot sogar für gefährlich. "Über Leerverkäufe können Finanzprofis ihre Meinung über die Bonität eines Staates oder Unternehmens kundtun", sagt der Experte von der Universität Hohenheim. "Wer auf fallende Kurse spekuliert, wittert eine Gefahr, die andere noch nicht sehen. Das beugt Finanzblasen vor." Wer Leerverkäufe verbiete, helfe dem Finanzmarkt nicht - er setze ein äußerst effektives Frühwarnsystem außer Kraft.

insgesamt 1433 Beiträge
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Seite 1
AndyH 23.01.2010
1.
Zitat von sysopWeniger Eigenhandel, eine Strafsteuer und - im Extremfall -Zerschlagung: US-Präsident Barack Obama will die Banken zügeln. Braucht die Finanzbranche wirklich mehr Regulierung?
Ja, braucht. Und ja, Obama wird auch damit scheitern.
Klaus.G 23.01.2010
2. Nix mit Regulierung
solange die Parteien am Tropf der Banken hängen und von deren Spenden abhängig sind wird sich nie was ändern. Alle außer der Linken werden gut dotiert und darum wird sich nix ändern denn dann würde man den Banken in die Quere kommen was ja niemand will.Auch Obama wird scheiten, zu groß die Macht der Banken und deren Verflechtung mit der Politk. Glückauf.
soziale qualität 23.01.2010
3. Ein bisschen regulieren wird nicht reichen
Um aus der Boom - Krise - Falle auszubrechen wird es klare Grenzen brauchen. Ganz wichtig wäre ein Verbot der Kickbacks und Boni. Die Banker haben sich mit diesen 'Tools' eine Schmiergeldlegalisierung herausgenommen die sich zum erfolgreichen Erpressungswerkzeug entwickelt hat. Es wird auch eine Steuer auf internationalen Finanztransaktionen brauchen und einen globalen Plan zur Austrocknung der Steueroasen. Weitere wichtige Grundlagen zum Thema: www.oekonomiefueralle.blogspot.com
Adran, 23.01.2010
4.
ist nur die Rückkehr zum *Glass-Steagall Act* klick (http://de.wikipedia.org/wiki/Glass-Steagall_Act) also nichts neues, sondern ehr sehr altes..bewertes..
Jordan Sokoł 23.01.2010
5. Die Zerschlagung droht so oder so!
Zitat von sysopWeniger Eigenhandel, eine Strafsteuer und - im Extremfall -Zerschlagung: US-Präsident Barack Obama will die Banken zügeln. Braucht die Finanzbranche wirklich mehr Regulierung?
Bezogen auf unsere bundesdeutschen Verhältnisse, muß den Bankmanagern und deren Unterstützern in der Politik klarge- macht werden, daß sie unter Umständen von einem entfessel- ten Volk (z)erschlagen werden, wenn sie sich nicht endlich vernünftigen Beschränkungen und strafbewährten Regeln unterwerfen. Unsere Bundeskanzlerin kann sich bezüglich ihrer unver- zeihlichen Zurückhaltung gegenwärtig nur auf ein einziges Argument berufen: "Ich/wir halten uns zurück, bis die Verursacher der Finanzkrise (USA, GB) regelnd in die Finanzmärkte eingreifen." Frau Merkel, die USA, England und Frankreich sind im Gegen- satz zu Ihnen sichtlich bemühter, um dem ausufernden Ge- schäftsgebaren der Finanzmanager die notwendigen Stop- zeichen vor die Nasen zu setzen. - Nun lassen Sie mal den Koch mit seinen bewußt nicht publizierten bankspezifischen Regionalinteressen rechts liegen und besinnen sich auf das Wohl des Volkes in seiner Gesamtheit! Jordan Sokoł
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