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Zinsen Sicherer Hafen

Hausbauer und Wohnungskäufer können sich freuen. Wer Schulden macht, zahlt gegenwärtig extrem niedrige Zinsen.
aus DER SPIEGEL 37/1993

Helmut Schlesinger war die Rolle des ewigen Bremsers wohl leid. Wochenlang hatte die Wirtschaft vergeblich gehofft, die Bundesbank werde die Zinsen senken. Am vergangenen Donnerstag verkündete der Zentralbankpräsident endlich die gute Nachricht.

Weil die Mark nach der Aufweichung des Europäischen Währungssystems stabil blieb, wagte der Zentralbankrat den lange geforderten Schritt: Diskont- und Lombardsatz sinken um jeweils einen halben Prozentpunkt auf 6,25 und 7,25 Prozent.

Das sei »nur ein weiterer Schritt zur Zinsabrüstung«, kommentierte Ulrich Beckmann, Direktor der Deutsche-Bank-Tochter DB Research, die Entscheidung. Angesichts der tiefen Rezession in Deutschland und tendenziell sinkender Inflationsraten müßten weitere folgen.

Die Konsequenzen für den Kapitalmarkt sind allerdings begrenzt. Denn Schulden machen lohnt sich schon seit einiger Zeit wieder in Deutschland. Viele Hypothekenbanken verlangen für Darlehen mit fünfjähriger Laufzeit nur noch Zinsen von 7 Prozent, manche sogar weniger. Bei einer Geldentwertung von aktuell 4,2 Prozent muß der Häuslebauer nur knapp 3 Prozent reale Zinslast tragen.

Da der Fiskus Bauschulden acht Jahre lang honoriert, indem er den Abzug der Schuldzinsen von der Steuerlast erlaubt, springt schon für Durchschnittsverdiener ein Nettogewinn heraus.

Die Bauherren haben schnell gemerkt, daß ihnen Geld zur Zeit nachgeworfen wird. Die Zahl der Baugenehmigungen soll dieses Jahr um 10 Prozent auf über 500 000 klettern. Die Hypothekenbanken machen beste Geschäfte. Gleich um 107 Prozent steigerte die DG Hyp beispielsweise ihre Zusagen für Wohnbaudarlehen gegenüber dem Vorjahr.

Für Sparer dagegen sind die Zeiten schlecht. Auf dem Sparkonto mit einer Durchschnittsverzinsung von gerade 2,8 Prozent verliert das Vermögen an Wert. Aber auch die Rentenpapiere des Bundes werfen nicht mehr viel ab. Bundesschätze rentieren nur noch mit 5,8 Prozent. Die Umlaufrendite, die durchschnittliche Verzinsung aller öffentlichen Anleihen, sank am Dienstag vergangener Woche unter 6 Prozent - so tief wie seit fünf Jahren nicht mehr.

Die Schuldner, allen voran der Staat, können sich bei den Ausländern bedanken. Sie kauften allein im ersten Halbjahr festverzinsliche Wertpapiere für netto 137 Milliarden Mark. »Anhaltende Käufe aus dem Ausland trieben bei uns die Zinsen nach unten«, sagt Beckmann. Die Mark habe seit dem Zusammenbruch des engen Wechselkursverbundes im Europäischen Währungssystem wieder das Image eines »safe haven«, eines sicheren Hafens, meint Eberhard Scholz von der Bayerischen Vereinsbank.

Weil die langfristigen Zinsen schon längst kräftig gesunken sind, reagieren jetzt nur die kurzfristigen Geldmarktzinsen zuverlässig auf die Entscheidungen des Zentralbankrats. Sie sinken.

Bei Bundesanleihen mit längeren Laufzeiten hält es Karin Kricks-Brunnlieb sogar für möglich, daß die Renditen bis zum Herbst wieder steigen. Denn die ausländischen Großanleger, so die Rentenexpertin beim Bankhaus Trinkaus & Burckhardt, könnten versucht sein, ihre beträchtlichen Kurs- und Währungsgewinne aus den vergangenen Wochen einzustreichen.

Wer Anfang September eine Million Dollar in Mark wechselte und sie neun Tage später wieder umtauschte, konnte dank der starken deutschen Währung 57 000 Mark Gewinn kassieren. Wegen solcher Mitnahmeeffekte stieg prompt am Tag der Zinssenkung durch die Bundesbank die Umlaufrendite wieder über 6 Prozent.

Diese Trendumkehr dürfte allerdings kaum sehr beständig sein. Da die Weltkonjunktur noch immer schwach ist, sind die Zinsen in wichtigen Anlageländern wie den USA oder Japan noch viel niedriger als in Deutschland.

Außerdem hatten die Deutschen im Juli Termingelder in Höhe von 569 Milliarden Mark. Je mehr die Bundesbank die Zinsen senkt und damit diese Kurzfristanlagen unattraktiv macht, desto gesuchter dürften Rentenpapiere werden.

Doch der Spielraum nach unten wird wohl zumindest bei Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit nicht mehr sehr groß sein. In den achtziger Jahren lag der absolute Tiefpunkt bei einer Rendite von 5,78 Prozent. Heute sind es 6,13 Prozent.

Wer sich jetzt nicht langfristig Geld ausleihe, sei verrückt, meint Winfried Kölln, der oberste Rentenhändler der DG Hyp. Y

[Grafiktext]

_122c Kapitalmarktrenditen in Deutschland

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