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»Sie können auch abschalten«

Bill Gates, 41, Chef des amerikanischen Software-Giganten Microsoft, über die Macht von Unternehmen, interaktive Medien und die Zukunft von Menschen und Computern in einer vernetzten Welt
Von Stefan Aust
aus DER SPIEGEL 8/1997

SPIEGEL: Mr. Gates, Microsoft ist das erfolgreichste Software-Unternehmen der Welt, Sie selbst sind Titelheld amerikanischer Magazine, newsweek hat schon das Microsoft-Jahrhundert ausgerufen. Was für Herausforderungen bleiben Ihnen noch?

GATES: Wir leben in einer unglaublich spannenden Zeit, die Informationstechnologie steigert die Produktivität der Unternehmen drastisch. Jetzt haben auch breite Kreise der Bevölkerung verstanden, welch gewaltige Konsequenzen der Personalcomputer und die weltweite Vernetzung via Internet haben. Dennoch stehen wir erst am Anfang: Die Computer von heute hören nicht, was man sagt, sie können nicht sprechen ...

SPIEGEL: ... was viele Menschen als Segen empfinden.

GATES: Mag sein. Aber weil Maschinen taub

und blind sind, lernen sie auch nichts aus der Art und Weise, wie man sie nutzt. Das ist unsere Herausforderung: Wir wollen den Computer einfach cleverer machen.

SPIEGEL: Soll der Computer klüger werden als der Mensch?

GATES: Niemand muß sich davor fürchten, eines Tages ersetzt zu werden, wenn es um seine Fähigkeiten geht, Dinge zu begreifen und Kompromisse zu schließen. Von künstlicher Intelligenz ist leicht reden, aber im Laufe der letzten 20 Jahre mußte man erkennen, daß selbst einfach erscheinende Vorgänge wie das Verstehen von Sprache tatsächlich extrem kompliziert sind. Einige menschliche Fähigkeiten wird man im kommenden Jahrzehnt dem Computer beibringen, aber nicht das logische Denken. Nein, uns geht es nicht darum, Menschen zu ersetzen, sondern ihnen einen intelligenten Assistenten zu schenken.

SPIEGEL: Der Computer als denkender Gehilfe, ist das Microsofts wichtigstes Ziel?

GATES: 1996 drehte sich alles ums Internet, in diesem Jahr heißt unser Leitmotiv »Simplicity«, also die leichte Bedienbarkeit des Computers. Wir glauben, daß der Markt wächst, wenn der Umgang mit Rechnern einfacher wird, wenn man weniger zu wissen braucht, wenn die Frustrationen verschwinden und die Kosten sinken.

SPIEGEL: Das verspricht Ihre Branche schon seit Jahrzehnten.

GATES: Wir haben doch schon Fortschritte gemacht. In der neuesten Version unseres Textprogramms Word gibt es kleine Bildschirmfiguren, die den Nutzern helfen.

SPIEGEL: Diese Comics nerven nur.

GATES: Sie können sie ja auch abschalten.

SPIEGEL: Das Wachstumstempo von Microsoft macht vielen Menschen angst. Im Internet gibt es jede Menge Anti-Gates- und Microsoft-Haß-Seiten. Woher kommen diese Feindseligkeiten?

GATES: Es gibt im Netz viel mehr positive als negative Dinge über uns. Natürlich haben wir Konkurrenten, die nicht gut über uns reden, und es gibt Menschen, die grundsätzlich Probleme mit erfolgreichen Unternehmen haben ...

SPIEGEL: ... Coca-Cola ist auch sehr erfolgreich und zieht nicht soviel Zorn auf sich.

GATES: Wir stehen so im Blickpunkt der Öffentlichkeit, daß jede nur denkbare Meinung auch geäußert wird. Die Vielfalt ist im Grunde ganz gesund und kein Problem.

SPIEGEL: Aber Microsoft übt einen einzigartigen Einfluß auf die Branche aus. Haben Sie nicht zuviel Macht?

GATES: Ich gehe jeden Tag in die Firma und predige, daß unsere Programme besser werden müssen. Was wir heute verkaufen, ist in vier Jahren alter Kram. Also machen wir etwas Besseres oder die Konkurrenz? Es gibt ja viele in der Branche, die verkünden, sie hätten ein besseres Konzept, und Microsoft werde bald weg vom Fenster oder überhaupt verschwunden sein. Ich nehme das ernst, weil sie sich ja oft auf Schwächen unserer Programme beziehen, die es tatsächlich gibt und die behoben werden müssen. Bei uns gibt es keine freie Minute, in der wir uns gemütlich zurücklehnen und sagen: »Oh, laßt uns doch einfach mal was nach Lust und Laune machen.« Der Markt entscheidet, und bisher kann sich unsere Erfolgsbilanz sehen lassen. Wenn Sie das Macht nennen - bitte.

SPIEGEL: Ihr Vorsprung vor der Konkurrenz ist enorm, noch dazu hat Microsoft finanzielle Reserven von mehr als acht Milliarden Dollar. Was haben Sie damit vor?

GATES: Ja, das ist eine Menge Geld. Ich weiß noch, wie ich vor langer, langer Zeit einmal hörte, daß Siemens so große Geldreserven besaß, da war ich völlig fassungslos. Aber in unserem Geschäft kommt es nicht so sehr auf Kapital an, sondern auf erstklassige Leute. Darin unterscheiden wir uns von vielen anderen Unternehmen. Wir rechnen natürlich immer damit, daß uns Firmen über den Weg laufen werden, die wir kaufen möchten. Dann werden Technologien auftauchen, in die wir investieren wollen. Und es wird Zeiten mit rückläufigem Umsatz geben. Für all diese Fälle ist ein finanzielles Polster ganz angenehm.

SPIEGEL: Vor 18 Monaten wollten Sie sich an dem Sender CNN beteiligen. Haben Sie immer noch vor, sich ein Medienunternehmen zusammenzukaufen?

GATES: Wir interessieren uns nicht für traditionelle Medien, für Zeitungen, Filme ...

SPIEGEL: ... und Zeitschriften.

GATES: Das ist eine interessante Branche, aber wir haben da nicht viel einzubringen. Wir sind bei den interaktiven Medien stark, einer Mischung aus Technologie und guten redaktionellen Inhalten. Wir haben zwei Dinge getan, um in diesem Bereich Fuß zu fassen. Zum einen haben wir den bekannten US-Journalisten Michael Kinsley engagiert und ein Team zusammengestellt, um das Online-Magazin slate zu produzieren. Im Nachrichtenbereich haben wir uns den TV-Sender NBC als Partner gesucht und den Newskanal MSNBC gegründet. Aber es ging uns vor allem darum, NBC als Partner für den Internet-Bereich zu gewinnen, was uns mehrere hundert Millionen Dollar gekostet hat. Wenn wir uns an CNN beteiligt hätten, wäre es teurer geworden.

SPIEGEL: Aber Sie könnten ja Time Warner kaufen, die nun CNN übernommen haben.

GATES: Könnten wir. Aber dann wären wir in Bereichen engagiert, in denen ich kein Experte bin. Ich möchte mir nicht den Kopf über den neuesten Kinofilm oder das Titelblatt von time zerbrechen, davon verstehe ich nicht viel. Wie man bessere Software macht, wie man hochmotivierte Teams organisiert und ihnen das richtige Feedback gibt, davon verstehe ich etwas.

SPIEGEL: Aber wie Sie für slate Leute mit Medienerfahrung eingekauft haben, so könnten Sie auch Manager verpflichten, um ein Unterhaltungsimperium aufzubauen.

GATES: Ich finde nur die interaktiven Medien neu und spannend. Im Zeitschriften- und Zeitungsgeschäft stehen die Regeln doch schon fest. Natürlich könnten wir auch eine Zementfabrik kaufen, aber das paßt nicht in unsere Strategie.

SPIEGEL: Wird sich das Fernsehen zu einem interaktiven Medium entwickeln?

GATES: Nicht in naher Zukunft. Natürlich erinnert in unserem Online-Dienst, dem Microsoft Network, manches ans Fernsehen. Aber der Unterschied ist immer noch groß. Das Fernsehen ist nicht interaktiv, sondern passiv.

SPIEGEL: Stimmt es, daß Sie privat immer noch keinen Fernseher besitzen?

GATES: Fernsehgeräte gibt es schon bei mir zu Hause. Ich benutze sie aber kaum. Ich gehe lieber ins Kino. Wenn man jeden Tag lange arbeiten und viele Bücher und Zeitschriften lesen will, dann muß man auf andere Dinge verzichten. Deswegen habe ich mich entschlossen, nicht fernzusehen. Das heißt nicht, daß ich etwas dagegen habe. Aber wenn ich einschalten würde, könnte ich mich wahrscheinlich nicht so schnell wieder lösen, und das will ich nicht.

SPIEGEL: Sie glauben, das weltweite Datennetz könne die Politik erneuern. Wie soll das gehen?

GATES: Es wird leichter, an Informationen heranzukommen oder Menschen mit gleichen Ansichten zu finden und mit ihnen zu diskutieren und zusammenzuarbeiten. Das ist für die Demokratie nützlich, weil es zu Wählern mit mehr Durchblick führt ...

SPIEGEL: ... falls sich die Wähler wirklich informieren wollen.

GATES: Ja, aber über das Internet läßt sich ganz leicht verfolgen, was Volksvertreter tun, an welchen Abstimmungen sie teilnehmen, und statt nur eines kurzen Artikels über einen Gesetzentwurf kann man Hintergrundinformationen abrufen. Wer mehr wissen will, hat also das Werkzeug, das er benötigt. Man könnte sogar so weit gehen, die Wähler häufiger direkt abstimmen zu lassen als heutzutage. Dank dem Internet würde solche Abstimmung wenig kosten. Es ist also machbar, und ich bin überzeugt, daß man das diskutieren wird.

SPIEGEL: Volksabstimmung per Mausklick?

GATES: Eine totale direkte Demokratie wird es nicht geben, denn ich halte es für durchaus sinnvoll, gründlich informierte Volksvertreter zu haben, die sich die Zeit nehmen können, um die beste langfristige Strategie zu ermitteln, auch wenn sie vielleicht kurzfristig Opfer verlangt. Doch ich glaube, daß man den Bürger künftig stärker abstimmen lassen sollte.

SPIEGEL: Wären Sie dafür, daß die Regierung oder der Präsident der USA den Bürgern eine strittige Frage vorlegt und sie elektronisch votieren läßt?

GATES: Es gibt nur wenige Fragen, die sich dafür eignen. Aber es gibt Themen, bei denen die Meinungen stark auseinandergehen und nicht viel Fachwissen benötigt wird, sondern eher moralische Standards eine Rolle spielen, beispielsweise Abtreibung. Es wäre doch besser, diese Frage den Leuten zur Entscheidung vorzulegen ...

SPIEGEL: ... und dem Populismus alle Türen zu öffnen.

GATES: Es geht nicht darum, ob man das will. Als Gutenberg den Buchdruck erfunden hatte, dachte niemand daran, daß das zu Pressefreiheit und repräsentativer Demokratie führen würde. Neue Kommunikationstechnologien verändern immer die politische und soziale Kommunikation.

SPIEGEL: Viele Menschen haben den Eindruck, Politik werde nicht von Regierungen und Politikern gemacht, sondern von mächtigen Unternehmen wie Microsoft.

GATES: Das ist Unsinn. Technologie-Unternehmen wie Microsoft entwickeln Werkzeuge, die die Wirtschaft verändern werden: Wir denken auch darüber nach, wie sie genutzt werden können, um Bildung und Erziehung zu verändern, und wir teilen unsere Sicht der Zukunft mit möglichst vielen, auch mit Politikern, damit die sich genau überlegen können, was sie tun wollen: wieviel sie in die Ausstattung von Schulen mit Computern und wieviel sie in die Telekommunikationsinfrastruktur investieren wollen. Es ist nicht zu früh für die Politiker, sich jetzt Gedanken zu den Themen der Zukunft zu machen: etwa über den Schutz der Privatsphäre oder den Verlust von Arbeitsplätzen.

SPIEGEL: Die Politiker reden, aber Microsoft gestaltet.

GATES: Politiker sind ja auch nicht dazu da, Sachen zu erfinden, dafür werden sie nicht bezahlt (lacht). Mir persönlich gefällt mein Job, wo neue Produkte entwickelt werden und die Menschen sich dafür begeistern. Politiker werden da sicher zuweilen vor Neid erblassen. Aber die Dinge ändern sich: Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf redeten sowohl Bill Clinton als auch sein Herausforderer Bob Dole schon über ihre Internet-Seiten.

SPIEGEL: Aber man glaubt Politikern nicht, daß sie sich mit der Technik wirklich beschäftigen, hierzulande verwechseln noch immer manche Volksvertreter die Datenautobahn mit der Autobahn.

GATES: Viele Politiker gehören nun mal zu einer Generation, die nicht mit Computern aufgewachsen ist. Deshalb ist die Anzahl derer, die wirklich elektronische Post verschicken und im Internet surfen, ziemlich gering. Aber das wird sich ändern, und nicht zu knapp. Denn im Grunde will natürlich jeder Politiker etwas für die Zukunft tun, und deshalb rechne ich mit einem ziemlich raschen Wandel.

SPIEGEL: Wenn wir über PCs und Internet reden, wie groß ist die Kluft zwischen den USA und Deutschland?

GATES: Intel-Chef Andy Grove hat für Wirbel gesorgt, indem er dieses Thema in den Mittelpunkt seiner Rede auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos stellte. Es gibt tatsächlich einen recht großen Unterschied im Ausmaß der PC-Nutzung in den USA und Europa. Aber Deutschland steht innerhalb Europas noch relativ gut da. US-Unternehmen erkennen schneller, wie sie Dinge besser machen können, wenn jeder einen PC hat und elektronische Post verwendet.

SPIEGEL: Wie weit liegt Europa zurück?

GATES: Sehen Sie sich die Struktur der Unternehmen an: Es wird immer mehr »knowledge worker« geben, Arbeitnehmer, die Informationen aus den Netzen analysieren und verwerten. Da gibt es in Deutschland immer noch zu wenige, in den USA haben selbst mittlere Unternehmen elektronische Post, entledigen sich ihrer Aktenberge und stellen Dinge ins Internet. Das geschieht fast so, als ob es die natürlichste Sache von der Welt wäre.

SPIEGEL: Das liegt wohl auch am deutschen Management. Wenige Chefs wollen einen PC auf ihrem Schreibtisch, und noch weniger wollen damit umgehen.

GATES: Mir fällt es schwer zu verstehen, warum. Die meisten, mit denen ich spreche, machen einen aufgeschlossenen Eindruck. Aber vielleicht sind das nur Leute, die sich mit mir treffen, die anderen schneiden mich sowieso, weil ich ihnen ja doch nur das Leben schwermachen würde. »Hey, wie ist Ihre E-Mail-Adresse?« Aber die Akzeptanz wird sich erhöhen, wenn jüngere Mitarbeiter nachrücken. Die werden schon das Richtige tun.

SPIEGEL: Als Gründer von Microsoft sind Sie so etwas wie ein Symbol der Zukunft. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, daß zuviel von Ihnen erwartet wird, so eine Art prophetische Gabe?

GATES: Absolut! Ich bin Software-Experte, und als ich noch sehr jung war, ging ich in Unternehmen, und dann hieß es: »Wer ist denn dieses junge Bürschchen? Wir sind nicht daran interessiert, was er zu sagen hat.« Aber wenn ich ihnen dann gezeigt hatte, daß ich in diesem einen Bereich etwas sehr Wertvolles für sie hatte und einige Ideen mitbrachte, wie sie mit Software erstaunliche Dinge tun konnten, dann schäumten sie über vor Begeisterung und dachten plötzlich, ich könnte auch alle anderen Probleme für sie lösen. Bloß weil man mit einer Firma erfolgreich ist, kennt man noch lange nicht die Antworten auf alle übrigen Fragen. Manchmal werde ich gefragt, was ich tun würde, wenn ich Chef einer Autofirma oder eines Stahlunternehmens wäre, und das ist merkwürdig. Denn mein ganzer Erfolg basiert ja gerade darauf, daß ich mich ausschließlich darauf konzentriere, was Software-Entwickler motiviert und wie der Software-Markt funktioniert. Nur so können wir es schaffen, mit dem unglaublichen Entwicklungstempo dieser Branche mitzuhalten.

SPIEGEL: Dennoch sind Sie eine Art Zukunftsguru.

GATES: Wenn es darum geht, die Aufmerksamkeit der Menschen auf PCs und ihre Vorteile zu lenken, finde ich das ja auch ganz wundervoll. Aber wenn Leute glauben, ich hätte Lösungen für Probleme, von denen ich keinen blassen Schimmer habe, ist das eher unangenehm.

SPIEGEL: Sie werden auch oft gefragt, wie man die Arbeitslosigkeit senken kann.

GATES: Der Charakter der Arbeitslosigkeit in Europa unterscheidet sich erheblich von dem in den USA, und zwar nicht nur zahlenmäßig, sondern auch im Hinblick darauf, wie häufig Arbeitslosen die Rückkehr ins Erwerbsleben gelingt und wer besonders von Arbeitslosigkeit betroffen ist. Ich will nicht so tun, als ob ich die Lösungen wüßte. Ich weiß allerdings, daß die Tatsache, daß die US-Wirtschaft unter den Volkswirtschaften der Welt am stärksten in Technologie investiert hat, zu größerer Flexibilität und schnellerer Anpassungsfähigkeit an strukturellen Wandel führte.

SPIEGEL: Mr. Gates, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

* Mit Redakteuren Stefan Aust, Hans-Dieter Degler und KlausMadzia.

Klaus Madzia, Hans-Dieter Degler
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