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COMPUTER Sieben Jahre voraus

Eine Darmstädter Software-Firma ist im Computer-Mutterland Amerika überaus erfolgreich. *
aus DER SPIEGEL 32/1987

Eingeweihte kennen ihn als »Mr. Adabas«. Die meisten kennen Peter Schnell überhaupt nicht.

Das ist kein Wunder. Seine Firma Software AG in Darmstadt liefert so unfaßbare Dinge aus der Welt der Computer wie ein »adaptierbares Datenbanksystem«, kurz »Adabas«, oder »Natural«, das »Entwicklungssystem der 4. Generation«. Die Computer-Programme aus Darmstadt sind nicht gerade gängige Ware für Video-Teenies mit Joystick oder aufstrebende Junior-Manager mit Personal Computer auf dem Schreibtisch. Die Software ist für die Großrechner in den elektronischen Daten-Zentralen weltweit operierender Multis entwickelt worden.

In diesem prestigeträchtigen Geschäft aber hat es die Software AG zu einer weltweit führenden Stellung gebracht. In den USA rangiert die Schwesterfirma Software AG of North America nach der Liste der Fachzeitschrift »Datamation« an der Spitze vor der einheimischen Konkurrenz. Die »Financial Times« hält die Software AG für »hervorragend in Europa«. Auch hier hat sich die Darmstädter Firma nach dem Erfolg in den USA auf den ersten Platz vorgearbeitet.

Nur der Welt größter Computer-Hersteller, die IBM, liegt mit einem Marktanteil von 76 Prozent bei dieser sogenannten System-Software klar vor Schnells Geschäft. Doch der US-Konzern läuft gewissermaßen außer Konkurrenz: Der marktbeherrschende Geräte-Hersteller hat als Programm-Lieferant für die von ihm selber verkauften Großrechner einen schwer einholbaren Startvorteil. Unter den unabhängigen Software-Produzenten, so Schnell, »betrachtet sich die Software AG in diesem speziellen Bereich als Marktführer«.

Das ist schon ein erstaunlicher Erfolg für den Deutschen. Wie bei den Computern haben auch bei den Programmen für die Rechner in allen anderen Bereichen dieses Marktes amerikanische Software-Firmen die vorderen Plätze fest in der Hand. US-Firmen wie Microsoft, Lotus oder Ashton-Tate beherrschen zum Beispiel das weltweite Geschäft mit standardisierten Programm-Paketen für Personal Computer. Den deutschen Software-Produzenten bleibt da meist nur die Wahl, mit speziell geschneiderten Lösungen für heimische Kunden den deutschen Markt zu bearbeiten.

Schnell ging einen anderen Weg. Der Diplom-Mathematiker setzte seine Eigenentwicklung »Adabas« Ende der 60er Jahre gezielt gegen die damals gängigen IBM-Systeme an. Das Programm, mit dem zum Beispiel Kunden- oder Personaldaten im Großrechner gespeichert werden, war weit flexibler als seine Konkurrenten. Neue Anforderungen der Anwender können ohne großen Aufwand einprogrammiert werden. Auch auf neue Computer-Generationen läßt sich »Adabas« leichter als andere Programme übertragen.

Schnell konzentrierte schon bald nach der Gründung seiner Firma im Jahr 1969 alle Kräfte auf den lukrativen US-Markt. 1972 schickte er seine Verkäufertruppe fast geschlossen in den USA auf Kundensuche. Nach einem Erfolg in den USA, so Schnells Gedanke, würden sich seine Programme auch den amerikagläubigen Computer-Experten in Europa besser verkaufen lassen.

Schon nach zwei Jahren waren in den USA 50 »Adabas«-Pakete zum Stückpreis von damals 120000 Dollar verkauft. 1981 brachte Schnell seine US-Firma an die New Yorker Börse. Die Nachfrage war so fieberhaft, daß der Ausgabekurs wegen Überzeichnung kurzfristig hochgesetzt werden mußte. 30 Millionen Dollar flossen in die Kasse. Schnell, über die deutsche AG einer der Hauptaktionäre der US-Gesellschaft, wurde über Nacht Dollar-Millionär.

Wie geplant trieb der Erfolg in Amerika auch das Geschäft in Europa voran. Schnells Partner, Peter Page, erweiterte zudem das Software-Angebot um Systeme, mit denen Programmierer zum Beispiel einfacher als bisher neue Anwendungen für ihre Rechner schreiben können. Mit »Natural« können sie dem Computer in gewöhnlichem Deutsch beibringen, was er zu tun hat. Die üblichen Programmiersprachen für die großen IBM-Systeme wie »Cobol« brauchen dafür noch immer unverständliche Kommandos aus der Frühzeit der Elektronik.

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, und Zuwachsraten bis 50 Prozent jährlich waren dem Erfolgsunternehmer fast schon unheimlich. »Dann sind wir ja 1987 ein Milliarden-Unternehmen«, prognostizierte er vor drei Jahren eher im Scherz. Aber immerhin wird die Gruppe dieses Jahr weltweit Software-AG-Produkte für über eine halbe Milliarde Mark verkaufen. Die Umsätze kommen zu je einem Drittel aus Europa, USA und dem Rest der Welt. Hauptumsatzträger ist immer noch das Datenbanksystem »Adabas«.

Mit Tochter- und Schwesterfirmen sowie Vertretungen ist Schnells Gruppe in mehr als 50 Ländern präsent. Software in Landessprache ist auch auf so schwierigen Auslandsmärkten wie Japan oder in Saudi-Arabien erfolgreich. Deutsche Börsenspekulanten können an dem Aufstieg der Software AG freilich nicht partizipieren. Schnell hält an der Stammfirma fast alle Aktien selber. Den Gewinn der deutschen AG von gut 20 Millionen Mark, bei 152 Millionen Mark Umsatz eine schöne Rendite, steckte der Hauptaktionär letztes Jahr fast ganz in Rücklagen und eine Kapitalerhöhung.

Partner Page rühmt sich stolz eines »Entwicklungsvorsprungs von sieben Jahren vor dem Markt«. Doch »der Markt« ist IBM - und der Riese setzt an zur Aufholjagd. Der Geräte-Hersteller

will stark in das Geschäft mit der Software einsteigen. Dort ist mit Gewinn-Margen von 15 bis 25 Prozent inzwischen weit mehr zu holen als beim Verkauf der Computer, die nur noch Renditen von 5 bis 15 Prozent abwerfen. In den neunziger Jahren will IBM mit Software die Hälfte seines Geschäfts machen - bisher liegt der Anteil bei etwa einem Viertel.

Letztes Jahr kündigte IBM schon ein Konkurrenz-Produkt zu »Adabas« an, sein Datenbanksystem DB 2. Selbst die Neuentwicklung der IBM sei noch immer nicht auf dem Stand des alten Software-AG-Programms, versichern die Deutschen selbstbewußt. Doch allein die Ankündigung des Computer-Giganten, muß Schnell feststellen, hat seine Kundschaft verunsichert - manche warten erst mal ab. Die Wachstumsraten der Vergangenheit, weiß Mr. Adabas, »kann man nicht mehr unbedingt fortschreiben« .

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