Siemens-Chef Kaeser Der Maulheld

Ein Kommentar von Dinah Deckstein
Ein Kommentar von Dinah Deckstein
Siemens wolle "der Gesellschaft dienen", hat Vorstandschef Joe Kaeser vollmundig versprochen. Die Realität sieht anders aus, das zeigt sein Festhalten am Kohleprojekt in Australien.
Joe Kaeser bei einer Pressekonferenz am 10. Januar 2020

Joe Kaeser bei einer Pressekonferenz am 10. Januar 2020

Foto: ODD ANDERSEN/ AFP

Bei einem Atomkraftwerk würde man das, was Siemens-Chef Joe Kaeser, 62, gerade erlebt, vielleicht als GAU bezeichnen, als größten anzunehmenden Unfall. Dabei ist der Konzern aus der Kerntechnik längst ausgestiegen. Siemens habe als erstes großes Industrieunternehmen weltweit den "Purpose", also die eigene Zweckbestimmung, in den Vordergrund seines wirtschaftlichen Handelns gestellt, tönte der Siemens-Chef noch Anfang November. Ziel von Siemens sei, "der Gesellschaft zu dienen".

Dass es ihm ernst ist mit seinem Versprechen, hätte Kaeser am Beispiel des Bahn-Ausrüstungsauftrags für die umstrittene australische Kohlemine beweisen können - durch das einseitige Stornieren des Vertrags für das extrem umweltschädliche Vorhaben.

Doch der Manager hat die Chance ungenutzt verstreichen lassen. Am Sonntag entschieden sich er und seine Vorstandskollegen dafür, das Projekt durchzuziehen - gegen den erbitterten Protest der "Fridays for Future"-Bewegung und ihrer deutschen Aktivistin Luisa Neubauer. Zu groß war offenbar die Sorge, mit einer Absage einen noch größeren Shitstorm auszulösen: von besorgten Kunden, die womöglich an der Vertragstreue von Siemens gezweifelt hätten. Kaeser hat sich für das vermeintlich kleinere Übel entschieden, doch die Kollateralschäden sind schon jetzt immens.

Was wusste Roland Busch?

Der Siemens-Chef steht als Maulheld da, der große Ankündigungen macht, sie am Ende aber selbst nicht einhält. Und viele Mitarbeiter fragen sich, wie es sein kann, dass ein Weltkonzern wie Siemens zwar die Korruption im Konzern weitgehend ausgemerzt hat, für politische Risiken aber erschreckend blind erscheint.

Bisher hat Kaeser für den Vorgang allein die Prügel abbekommen, zu Unrecht. Denn in die Fehlentscheidung, den Auftrag überhaupt anzunehmen, waren noch andere Manager eingebunden, allen voran sein designierter Nachfolger Roland Busch. Der studierte Physiker leitet den sogenannten Nachhaltigkeitsausschuss. Das Gremium überprüft politisch, ethisch oder ökologisch potenziell problematische Projekte schon im Vorfeld.

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In dem 14-köpfigen Gremium sitzen neben Vertretern der Regionen und  Geschäftseinheiten unter anderem auch der Chefstratege des Konzerns, Horst Kayser, die oberste Pressechefin Clarissa Haller oder die scheidende Personalchefin Janina Kugel. Sie winkten den Auftrag aus dem fernen Australien trotz anfänglicher Bedenken durch - offenbar, weil die Order nur die Signaltechnik für den Abtransport der Kohle per Bahn umfasste, nicht aber Komponenten für die Förderanlage selbst.

Kaeser dagegen war nach eigenen Aussagen schnell klar, welche Tretmine die Kollegen ihm da hinterlassen hatten, als er Mitte Dezember erstmals von dem Geschäft erfuhr. Doch da war der Vertrag schon unterzeichnet.

Der Stimmung zwischen Busch und  Kaeser dürfte der Lapsus seines designierten Nachfolgers kaum förderlich sein. Bereits als Busch Mitte September überraschend zum stellvertretenden Vorstandschef aufstieg, wurde intern geunkt, dem gebürtigen Franken fehle es für den Topjob bei Siemens womöglich an Statur und an politischem Gespür.

Die Kritiker dürften sich nun bestätigt fühlen – und Kaeser in seinem Glauben, dass es ohne ihn einfach nicht geht.