Siemens-Hauptversammlung "Es ist eine öffentliche Ohrfeige"

Siemens-Aktionäre wollen Konzernchef Klaus Kleinfeld bei der Hauptversammlung am Donnerstag mächtig Druck machen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, wie sie mit den Siemens-Bossen abrechnen will.


SPIEGEL ONLINE: Frau Bergdolt, auf der Hauptversammlung wollen Sie Siemens-Chef Kleinfeld die Leviten lesen. Was werden Sie ihm konkret vorwerfen?

Daniela Bergdolt: Er hat zu spät reagiert. Man wusste schon viel früher, dass es Korruption im großen Stil gab. Siemens Chart zeigen hat nicht früh genug die Öffentlichkeit informiert. Kleinfeld ließ sich treiben, aber ein hochkarätiges Management sollte vorausplanend handeln.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen den kompletten Vorstand nicht entlasten. Dabei hat dies keine wirklichen Folgen für die Bosse bei Siemens - was soll die Aktion bringen?

Bergdolt: Es eine öffentliche Ohrfeige. Es ist ein Ausdruck des Misstrauens. Auch wenn es keine juristischen Folgen hat, es hat Folgen in der Öffentlichkeit. Man weiß ja nicht, wie die Fonds abstimmen werden, aber wenn die Entlastung des Vorstandes unter 90 Prozent sinkt, dann ist das ein Alarmzeichen für Siemens.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll es weitergehen mit Kleinfeld - wird sein Vertrag verlängert?

Bergdolt: Das muss der Aufsichtsrat entschieden, aber ich bin dafür, dass er bleibt. Das Geschäft hat sich positiv unter seiner Ägide entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es mit Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer aus? Ist er als Ex-Vorstandschef geeignet, die Untersuchungen voranzutreiben?

Bergdolt: Nein. Beim automatischen Wechsel vom Vorstandschef zum Aufsichtsratsvorsitz kam es quasi zum Super-Gau. Denn der Aufsichtsratsvorsitzende prüft letztlich Dinge, die er unter seiner Ägide als Vorstandschef zu verantworten hatte. Deswegen fordern wir, dass von Pierer sein Amt als Mitglied des Prüfungsausschusses ruhen läßt. Das ist der Ausschuss, der die Korruptionsfälle prüft. Da ist von Pierer am falschen Platz.

SPIEGEL ONLINE: Welche Aufgaben muss Siemens nun meistern? Die Gründung des Gemeinschaftsunternehmens Siemens Nokia wurde schon verschoben.

Bergdolt: Siemens muss den Kunden vermitteln, dass diese Affäre aufgearbeit wird. Wo man Fehler erkennt und diese auch abarbeitet. Außerdem muss ein Bekenntnis zu einem nachhaltigen Geschäft erfolgen, das auf Qualität und Innovation setzt und nicht auf Korruption.

SPIEGEL ONLINE: BenQ-Mobile-Pleite, üppige Gehaltssteigerungen für den Vorstand und der Korruptionsskandal - die Liste der Probleme bei Siemens ist lang. Trotzdem wird Kleinfeld am Donnerstag Erfolge präsentieren.

Bergdolt: Ich glaube, das Unternehmen steht besser da, als noch vor einem Jahr, die Strukturreformen greifen, das Denken in Margen und in wirklichen Renditen hat sich durchgesetzt. Insoweit ist ein großer Wandel durchs Unternehmen gegangen.

Das Interview führte Tim Höfinghoff



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