Siemens-Hauptversammlung Kleinfelds Hochglanzrede ohne Glanz

Heute war der Tag der Zwischenbilanz. Mit einer engagierten Rede versuchte Siemens-Chef Kleinfeld, die Hauptversammlung vom Erfolg seines Sanierungskurses zu überzeugen. Doch die Aktionäre ließen sich nicht blenden.

Von , München


München - Ein wenig verloren wirkten die Schüler des Marie-Therese-Gymnasiums in der Münchener Olympia-Halle. Aus Erlangen waren sie angereist, um einmal zu sehen, was so passiert in der Welt der Großkonzerne. "Es war schon interessant, was der Kleinfeld gesagt hat", sagt einer von ihnen. "Die produzieren ein Drittel der Energie, die die Amerikaner verbrauchen."

Siemens-Chef Kleinfeld: Problemzonen umschifft
DDP

Siemens-Chef Kleinfeld: Problemzonen umschifft

In etwa ist das richtig. Genau genommen sind es die Kraftwerke, die Siemens Chart zeigen liefert, die ein Drittel der benötigten US-Energie produzieren. Sie hatte Siemens-Chef Klaus Kleinfeld in seiner Rede vor den Anteilseignern auf der Hauptversammlung als Beispiel angeführt, um die Leistungsfähigkeit des Technologieunternehmens zu illustrieren. Aber immerhin: Der Junge hat zugehört. Konzentrierter wahrscheinlich als viele der rund 300 Schüler, die sich auf dem diesjährigen Aktionärstreffen des Dax-Konzerns herumdrückten. Die meisten trödelten im Foyer, rauchten, stärkten sich mit Leberkäsebrötchen und Orangensaft und warfen nur hin und wieder einen Blick auf die Monitore, auf denen die Reden übertragen wurden.

Genauer schon hörten die Aktionäre hin. Denn es war das Jahr eins nach dem Amtsantritt von Kleinfeld. Und man wollte hören, was aus den großen Zielen geworden ist, die der 48-Jährige im vergangenen April in Lissabon formuliert hatte. Binnen zwei Jahren, lautete damals seine Vorgabe, sollten alle Geschäftsbereiche des Mischkonzerns ihre Margenvorgaben erreichen. In der Geschichte des Konzerns war dies noch nie gelungen. Grund genug also für eine erste Zwischenbilanz.

Elf von dreizehn Bereichen im Plan

Die fällt nach Einschätzung von Kleinfeld durchaus positiv aus. "Elf von 13 Bereichen haben bereits die laufenden Zielvorgaben erreicht, oder sie sind nahe dran", rief er der Versammlung zu. Als Beleg führte er die gute Auftragslage im gerade abgelaufenen ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres an, die Siemens kurz vor Beginn der Hauptversammlung bekannt gegeben hatte. Die Zahlen sind in der Tat eindrucksvoll: Die Kunden bestellten rund 31 Prozent mehr als im ersten Quartal 2004. Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger beeilte sich jedoch, übertriebene Erwartungen zu dämpfen. Die Zahlen dürften nicht einfach mit vier multipliziert werden, warnte er.

Einen Hinweis auf die neue Dynamik im Siemens-Konzern lassen sie aber allemal zu, zumindest aus der Perspektive von Kleinfeld. Die Sanierung schreite gut voran, sagte der Vorstandschef. Vor Weihnachten hatte Siemens etwa angekündigt, das verlustreiche Computer-Wartungsgeschäft zum 1. April 2006 an den PC-Produzent FujitsuSiemens zu verkaufen und sich auf höherwertigen Service zu konzentrieren.

Damit allein aber ist es nicht getan. Noch seien große Anstrengungen nötig, von der Wegstrecke sei erst weniger als die Hälfte zurückgelegt, mahnte Kleinfeld. Er will Siemens als führenden Lösungsanbieter für die Probleme der Zukunft positionieren. Als größte globale Herausforderungen sieht der Siemens-Chef die Überalterung der Gesellschaft und die zunehmende Verstädterung. Allein 13 Milliarden Dollar, so rechnete Kleinfeld vor, werde für die Erneuerung der Infrastruktur in den nächsten Jahrzehnten aufgewendet werden. Ein gewaltiger Markt, in dem Siemens an führender Position mitmische.

Verschämter Blick auf die Problemzonen

Natürlich erwähnte Kleinfeld auch die Problemzonen: Zu den Bereichen, die nach wie vor die größten Sorgen bereiten, gehören zweifelsohne IT- Dienstleistungen (SBS) und Communication (Com), für deren Sanierung Siemens im vergangenen Jahr 351 Millionen Euro aufbringen musste.

Siemens-Hauptversammlung: Alarmierte Aktionäre
REUTERS

Siemens-Hauptversammlung: Alarmierte Aktionäre

Wie alarmierend die Situation ist, belegen die Zahlen für das erste Quartal. Danach verzehnfachte sich der Verlust der IT-Tochter auf fast 229 Millionen Euro. In der kriselnden Com-Sparte, mit einem Umsatz von knapp 3,5 Milliarden Euro das wichtigste Schwergewicht im Konzern, sah es nicht viel besser aus. Um satte 13 Prozent gab das Ergebnis auf 323 Millionen Euro nach. Mit einer Umsatzrendite gemessen am Gewinn vor Zinsen und Steuern von 3,5 Prozent bleibt Com weit von den geforderten acht bis elf Prozent entfernt.

Auch die Bereiche Verkehrstechnik (TS), die Gebäudetechnik (SBT) und Industriedienstleistungen (I&S) entwickeln sich nicht wie gewünscht. Von den Renditevorgaben Kleinfelds sind sie ähnlich weit entfernt wie Com.

Aktionäre benennen die Imagekiller

Auf die echten Imagekiller des vergangenen Jahres hinzuweisen, überlies Kleinfeld allerdings den kritischen Aktionären. Da war etwa der Software-Fehler bei den Mobiltelefonen, der zu einem Hörschaden hatte führen können. Oder die Panne des Parkauszubringers auf dem Düsseldorfer Flughafen. Dessen Name Skytrain ist in ähnlicher Weise zum Sinnbild der Fehlschläge geworden, wie der Straßenbahnzug Combino. Ersterer musste nach einer Serie von Pannen vorläufig stillgelegt werden, beim Combino hatten die Statiker versagt - es bestand schlicht die Gefahr, dass das Dach der Züge einbrach. Auch der Hightech-Zug ICE 3 erwies sich als extrem störanfällig. "Mutlos und ohne Visionen", waren da noch die freundlichen Schmähungen, mit denen einige Redner Vorstand und Aufsichtsrat bedachten.

Besonders aber der "Verkauf" der Handysparte brachte viele Aktionäre gegen den Vorstand auf. Kleinfeld hatte das Geschäft kurzer Hand an den taiwanesischen Elektronikriesen BenQ abgegeben und noch rund 350 Millionen Euro draufgelegt. Ein Redner bezifferte das Gesamtpaket, das die Münchner verschenkt hätten, auf 1,2 Milliarden Euro, ohne dass der Vorstand widersprach - ein Betrag, der auch zur Sanierung der Sparte hätte genutzt werden können.

Auch die Aktienoptionen für Siemens-Mitarbeiter stießen auf Kritik. Das Bonusprogramm sei eher gut für Manager und Angestellte, aber nicht für die Aktionäre, sagte Willi Bender von der Schutzgemeinschaft der Kleinanleger.

Segen für die Mitarbeiter

Welchen Segen die Mitarbeiterbeteiligung mit sich bringt, hatte Kleinfeld zuvor selbst vorgerechnet. Ein Tarifangestellter, der seit 1969 im Konzern beschäftigt sei und regelmäßig das Maximum der angebotenen Aktien gekauft hätte, habe im Lauf der Jahre insgesamt 3100 Euro dafür aufgewendet. Vorausgesetzt er hätte alle diese Papiere noch, so wäre sein Paket heute rund 155.000 Euro wert.

Am heutigen Börsentag wurde es noch einmal ein wenig mehr. Die Siemens-Aktie gehörte zu den Gewinnern im Dax Chart zeigen.



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