Siemens-Krise Cromme rechtfertigt Entscheidung gegen Kleinfeld

Jetzt spricht Gerhard Cromme. Der neue Siemens-Aufsichtsratschef hat erstmals die Trennung von Vorstandschef Kleinfeld begründet. Demnach wurde dessen Vertrag wegen der US-Aufsichtsbehörden nicht verlängert: Sie hätten im Zuge der Schmiergeldaffäre "ernste Bedenken" geäußert.


München - In Gerhard Crommes Erklärung heißt es, die US-Anwälte von Siemens Chart zeigen hätten auf die "ernsten Bedenken der US-Behörden" hingewiesen, die aufmerksam verfolgten, "wie Vorstand und Aufsichtsrat mit den Vorwürfen gegen das Unternehmen umgehen".

"Daraufhin sind zahlreiche Mitglieder des Aufsichtsrates der Siemens AG zu dem Schluss gekommen, die Verlängerung des Vertrages von Dr. Klaus Kleinfeld zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorzunehmen, da eine solche Verlängerung zu diesem Zeitpunkt weder gesetzlich erforderlich noch empfehlenswert war." Viele Mitglieder des Aufsichtsrates gingen davon aus, dass eine vorzeitige Entscheidung über eine langfristige Verlängerung des Vertrages von Kleinfeld "schwerwiegende Risiken für den Konzern und die Aktionäre begründen könnte", heißt es in der Erklärung.

Für Kleinfeld dürfte das wenig tröstlich sein. Beobachter gehen davon aus, dass es gerade Cromme war, der massiv auf ein Ausscheiden des Konzernchefs hingewirkt hat. Zusammen mit Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann und IG-Metall-Vize Berthold Huber, die ebenfalls im Siemens-Aufsichtsrat sitzen, soll er seit Tagen aktiv nach einem Nachfolger für Kleinfeld gesucht haben. Dieser erklärte gestern vor allem deshalb seinen Rückzug, weil er seiner eigenen Demontage zuvorkommen wollte.

Cromme betonte heute allerdings erneut, dass den vom Konzern beauftragten Ermittlern derzeit keinerlei Erkenntnisse über ein Fehlverhalten Kleinfelds in der Siemens-Affäre vorlägen.

Siemens steht seit Monaten im Visier der Ermittler. Dabei geht es um schwarze Kassen, Bestechung und dubiose Zahlungen an einen arbeitgeberfreundlichen Betriebsrat. Im Zuge der Affäre war vergangenen Donnerstag der bisherige Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer zurückgetreten, gestern gab schließlich auch Kleinfeld auf. Für eine Verlängerung seines Vertrages nach dem 30. September dieses Jahres stehe er nicht zur Verfügung, teilte er mit.

Heute ging Kleinfeld dann sogar noch weiter. Demnach ist er zum sofortigen Rücktritt bereit, sollte ein Nachfolger feststehen.

Analysten rechnen nun damit, dass Siemens einen Nachfolger außerhalb des Konzerns suchen werde. "Mit größter Wahrscheinlichkeit wird es kein Interner", sagte Stefan Schöppner von der Dresdner Bank. "Nur ein Manager von außerhalb wird seine Arbeit bei Siemens aufnehmen können, ohne in irgendeiner Weise mit der Schmiergeldaffäre verstrickt zu sein."

Auch Analyst Michael Bahlmann von der Hamburger Privatbank M. M. Warburg rechnet mit einem Nachfolger von außen. "Wer vor gut zwei Jahren um die Nachfolge Pierers an der Siemens-Spitze mit Kleinfeld konkurrierte, ist heute entweder nicht mehr im Unternehmen oder durch den Schmiergeldskandal demontiert", sagte Bahlmann. Unter den Siemens-Managern falle ihm nur Finanzvorstand Joe Kaeser ein, der allerdings erst seit einem Jahr auf diesem Posten sei. Gefragt sei nun jemand, der Visionen für den Konzern habe. "Großartig etwas anders machen muss der Neue nicht - Siemens hat glänzende Zahlen vorgelegt. Was zu tun ist, wird in dem Konzern getan."

Einig sind sich Beobachter, dass nur ein ausgesprochen erfahrener Manager aus der Industrie Nachfolger von Kleinfeld werden könne, jemand, der über hervorragende internationale Kontakte verfüge und dessen Name das Image von Siemens nach der Schmiergeldaffäre wieder aufwerte. Zudem müsse es ein Manager sein, der den Konzern mit ruhiger Hand führe. Allerdings sei nicht jeder der Namen, die derzeit kursierten, ein geeigneter Kandidat. Der frühere DaimlerChrysler- und Volkswagen-Manager Wolfgang Bernhard, heißt es, komme nicht in Frage, weil der "eher als Mann der großen und groben Schnitte" gelte. Das "Handelsblatt" berichtete unter Berufung auf Bankenkreise, Gerhard Cromme solle neuer Siemens-Chef werden. Kurz nach Verbreitung dieses Gerüchts war die Meldung aber von der "Handelsblatt"-Homepage wieder verschwunden. Und ThyssenKrupp dementierte sofort: "Das ist Unsinn. Er wird definitiv nicht Siemens-Chef", sagte ein Konzernsprecher.

wal/kaz/AP/dpa/Reuters

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