Siemens-Krise Cromme und Co. bringen Kleinfeld zu Fall

Der Sturz von Siemens-Chef Klaus Kleinfeld wurde seit Tagen eingefädelt. Ein mächtiges Trio im Aufsichtsrat soll ihn durch Nachfolgespekulationen und Gerangel um seine Vertragsverlängerung zermürbt haben - eine Demontage erster Klasse.


Hamburg - Offiziell sagte Gerhard Cromme heute kein schlechtes Wort über Klaus Kleinfeld. Der neue Aufsichtsratsvorsitzende dankte dem Noch-Konzernchef für seine Arbeit. "Siemens Chart zeigen steht heute wirtschaftlich besser da denn je." Auch die IG-Metall-Vertreter im Siemens-Aufsichtsrat drückten formell ihr Bedauern aus. "Wir bedauern sehr, dass Herr Kleinfeld dem Unternehmen nicht mehr als Vorstandsvorsitzender zur Verfügung stehen wird", hieß es in einer Erklärung der Gewerkschaft.

Erklärte den Rücktritt, um der Demontage durch den Aufsichtsrat zuvorzukommen: Siemens-Chef Klaus Kleinfeld
DDP

Erklärte den Rücktritt, um der Demontage durch den Aufsichtsrat zuvorzukommen: Siemens-Chef Klaus Kleinfeld

Doch hinter den Kulissen spielten die Parteien ein ganz anderes Spiel. Immer wieder wurden in den vergangenen Tagen Namen für mögliche Nachfolger an der Siemens-Spitze lanciert - und Kleinfeld so mürbe gemacht. Heute zog der Manager nun die Schlussfolgerung: Nach Auslaufen seines Vertrags am 30. September dieses Jahres stehe er nicht mehr zur Verfügung, ließ er mitteilen.

Zuletzt war in der Branche immer wieder Linde-Chef Wolfgang Reitzle als möglicher Nachfolger genannt worden. Zwar teilte Linde Chart zeigen mit, der Manager stehe nicht zur Verfügung. Dennoch hielten sich die Spekulationen auch heute. Außerdem galt der ehemalige VW-Markenchef Wolfgang Bernhard als Kandidat.

Vor allem drei Personen waren es, die Kleinfeld auf diese Weise in die Enge trieben. Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, der im Siemens-Aufsichtsrat sitzt, soll sich besonders vehement für Reitzle ausgesprochen haben. Auch der neue Aufsichtsratsvorsitzende von Siemens, Gerhard Cromme, soll hinter den Kulissen die Suche nach einem Nachfolger für Kleinfeld forciert haben.

Der dritte im Bund war angeblich der stellvertretende Vorsitzende der IG Metall, Berthold Huber. Auch er machte sich schließlich für einen völligen Neuanfang bei Siemens stark. Gegen die drei mächtigen Aufsichtsräte hatte Kleinfeld so gut wie keine Chance.

Über die heutige Debatte im Aufsichtsrat wurde zunächst zwar nichts bekannt. Im Vorfeld hatten aber mehrere Aufsichtsräte dafür plädiert, über Kleinfelds Vertragsverlängerung erst beim nächsten Treffen des Kontrollgremiums in drei Monaten zu beraten - wohl wissend, dass dies einer öffentlichen Demütigung des Siemens-Chefs gleich gekommen wäre. Dem Vernehmen nach soll es Kalkül gewesen sein, Kleinfeld so zu einem freiwilligen Rückzug zu bewegen.

Zunächst hatte Kleinfeld noch versucht, um seinen Posten zu kämpfen, schließlich musste er aber aufgeben - um seiner eigenen Demontage zuvorzukommen. Wegen der Schmiergeldaffäre bei Siemens wollten mehrere Mitglieder des Aufsichtsrats ihre Zustimmung zu Kleinfelds Vertragsverlängerung verweigern. Medienberichten zufolge gab es einen erbitterten Streit in dem Gremium um den Verbleib des Vorstandsvorsitzenden an der Spitze des Konzerns.

Vor der Sitzung des Aufsichtsrats hatte der Konzernchef durchblicken lassen, dass er es notfalls auf einen Eklat ankommen lasse. In der Nacht von gestern auf heute soll er der "Süddeutschen Zeitung" zufolge im Gespräch mit mehreren Aufsichtsräten angedroht haben, dass er notfalls von seinem Amt zurück treten werde. Sollte der Aufsichtsrat bereits nach einem Nachfolger für ihn suchen, dann stünde er für eine Vertragsverlängerung nicht zur Verfügung, soll Kleinfeld in dieser Runde gesagt haben.

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Heute wurde die Ankündigung dann wahr. "Dr. Klaus Kleinfeld, Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG, hat angekündigt, dass er für die Verlängerung seines Vertrages nicht zur Verfügung steht", heißt es in einer Mitteilung des Konzerns.

Am vergangenen Donnerstag hatte bereits Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer das Handtuch geworfen. Als dessen Nachfolger wählte der Aufsichtsrat heute den Chefkontrolleur von ThyssenKrupp Chart zeigen Gerhard Cromme - eben jenen, der heute auch Kleinfeld zu Fall brachte.

Kleinfeld galt als Pierers Ziehsohn. Dieser hatte Siemens selbst dreizehn Jahre lang geführt, in den vergangenen zwei Jahren war er Vorsitzender des Aufsichtsrats. In Pierers Amtszeit an der Konzernspitze fallen die Ursprünge des Schmiergeldskandals, der das Unternehmen seit Monaten erschüttert. In der Affäre geht es um schwarze Kassen, Bestechung und Zahlungen an einen arbeitgeberfreundlichen Betriebsrat.

Kleinfeld wiederum hatte stets gesagt, den Skandal restlos aufklären zu wollen. Selbst Cromme betonte heute, dass die bisherigen unabhängigen Untersuchungen der Kanzlei Debevoise & Plimpton "keinerlei Anhaltspunkte für ein persönliches Fehlverhalten oder eine Mitwisserschaft Kleinfelds im Zusammenhang mit den Affären ergeben haben". Trotzdem waren im Aufsichtsrat Stimmen laut geworden, die seinen Vertrag erst dann verlängern wollten, wenn definitiv erwiesen ist, dass der Manager in die Affäre nicht selbst verwickelt ist. Im Konzern geht man nun davon aus, dass Kleinfeld seinen bis zum 30. September 2007 laufenden Vertrag noch erfüllen wird.

Die Börse reagierte auf den Rückzug des Konzernchefs negativ. Die Siemens-Aktie, die vor der Bekanntgabe der Personalie noch deutlich im Plus gelegen hatte, stürzte binnen weniger Minuten um rund drei Euro auf 88,20 Euro ab. Bei Anlegern war Kleinfeld wegen der Restrukturierung des Konzerns beliebt. Aktionärsvertreter reagierten mit Unverständnis auf den Rückzug des Konzernchefs. "Ich kann's nicht nachvollziehen", sagte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Ich erwarte von Siemens Erklärungen."

wal/dpa/AP/Dow Jones

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