Siemens Löscher rüttelt am System Siemens

Evolution statt Revolution lautet der Leitspruch des neuen Siemens-Chefs Peter Löscher. Heute hat er sein Programm für die nächsten 100 Tage vorgestellt. Voreilige Festlegungen vermied er - dabei hat er nicht weniger vor sich, als die etablierten Machtstrukturen im Konzern umzustoßen.

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Berlin - Gerhard Cromme war sichtlich bemüht, den neuen Siemenschef in den Mittelpunkt zu rücken. Er selbst habe in den vergangenen Monaten viel zu häufig im Rampenlicht gestanden, sagte der Aufsichtsratsvorsitzende heute auf einem Presseempfang in Berlin. In Zukunft solle es wieder so sein, wie es auch den Regeln einer guten Unternehmensführung entspreche: "Der Vorstand spricht für das Unternehmen, der Aufsichtsrat beschränkt sich auf seine Rolle im Hintergrund."

Peter Löscher hatte es ungleich schwerer. Gerade einmal seit dem 1. Juli im Amt, musste er den Spagat meistern, dem Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit Rechnung zu tragen und gleichzeitig den Entscheidungen, die in den nächsten Monaten anstehen, nicht vorzugreifen.

Anders als vielen seiner amerikanischen Kollegen gelang es ihm jedoch nur mit Mühe, den Quasi-Maulkorb durch charmante Ausflüchte vergessen zu machen. Auf wiederholte Fragen nach der neuen Führungsstruktur des unübersichtlichen Traditionskonzerns reagierte er mit hörbarer Ungeduld. Eines seiner zentralen Anliegen sei es, eine neue Führungskultur zu etablieren: "Diskussionen über die künftige Ausrichtung des Konzerns werden zunächst innerhalb der zuständigen Gremien geführt", erklärte er. Er wolle den Ergebnissen nicht vorgreifen.

Strukturen sollen weniger komplex sein

Einige wenige Andeutungen machte er schon. So hob er das Effizienzsteigerungsprogramm seines Vorgängers Klaus Kleinfeld hervor, "Fit for 2010" genannt, und versicherte, auf diesem Wege wolle Siemens weiter vorangehen. Insgesamt solle das Unternehmen "transparenter, weniger komplex und effizienter werden". Ziel seien "weniger komplexe Strukturen und glasklare, eindeutige Verantwortlichkeiten".

Bei Lichte besehen bedeutet das nicht weniger als die Neustrukturierung des rund 100 Köpfe zählenden Führungszirkels und die Umverteilung der Macht innerhalb des Konzerns: Bislang besitzen die operativen Einheiten der zehn verschiedenen Geschäftsbereiche in den Regionen ein starkes Gewicht - mit der Folge, dass viele von ihnen ein reges Eigenleben führten und ihre eigenen Methoden entwickelten, um die von der Zentrale vorgegebenen Ziele zu erreichen.

"Der Zentralvorstand wird die Aufstellung der Bereiche, der Regionalgesellschaften und die Aufgaben der Zentrale analysieren", kündigte Löscher denn auch an. Im Herbst werde er dem Aufsichtsrat die Schlussfolgerungen des Vorstands vorstellen. Die Ziele dabei seien "klare Verantwortungsstränge, hohe Transparenz und hohes Tempo".

SEC im Nacken

Anders als durch eine Zentralisierung der Entscheidungsstrukturen sind letztlich auch die Anforderung an eine gute Unternehmensführung nach den Regeln der Corporate Governance Kommission nicht zu erfüllen. Das aber ist das Minimum, was Löscher leisten muss, um die Glaubwürdigkeit gegenüber der US-Börsenaufsicht SEC wiederherzustellen.

Derzeit ermitteln die Münchner Staatsanwaltschaft, europäische Strafverfolgungsbehörden, das US-Justizministerium und die SEC wegen mehrerer mutmaßlicher Korruptionsfälle. Allein in der Com-Sparte sind inzwischen 420 Millionen Euro an verdächtigen Zahlungen identifiziert. Siemens hat dahingehende Prüfungen inzwischen auf alle anderen Geschäftssparten ausgedehnt.

Von dem Projekt "Good Corporate Citizen" hängt fast alles ab: Wenn die SEC den Münchenern ihren Sinneswandel nicht abkauft, bekommt Siemens massive Schwierigkeiten auf dem amerikanischen Markt.

Operatives Geschäft auf gutem Wege

Dass Löscher heute dennoch nicht den Eindruck vermittelte, als stünde bei Siemens das Feuer unter dem Dach, hängt womöglich mit guten Zahlen im operativen Geschäft zusammen. "Die strategische Ausrichtung des Unternehmens stimmt", erklärte der Vorstandschef. Die eingeschlagene Strategie und das Programm "Fit for 2010" würden weiter verfolgt werden, "um das Unternehmen schneller, fokussierter und weniger komplex zu machen".

"Fit for 2010" hatte Löschers Vorgänger Klaus Kleinfeld aus der Taufe gehoben und dabei unter anderem die Margenziele angehoben. Zudem will das Unternehmen seine Rentabilität künftig auch auf Konzernebene an konkreten Zielvorgaben messen lassen. Zum möglichen Verkauf von Siemens VDO werde es "noch im Sommer eine Entscheidung" geben.

Wie Löscher dem Ganzen seinen Stempel aufdrücken will, verriet er heute nicht. Dass Impulse von ihm zu erwarten sind, deutete er gleichwohl an. Schon zuvor hatte er angekündigt, dass er nicht angetreten sei, "um alles beim Alten zu lassen". Von der Medizintechnik - einer der zentralen Säulen des Konzerns - verstehe er viel, betonte er, ebenso von Energie. Lediglich im Bereich Industrie deutete er Wissenslücken an - und versprach sie rasch zu füllen. Man könnte es auch als Botschaft an die Bereichsmanager deuten: Sie werden ihrem Chef nicht alles erzählen können.

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Seite 1
Emil Peisker 20.05.2007
1. Kann er?
Zitat von sysopPeter Löscher wird neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens. Kann er den Konzern aus den negativen Schlagzeilen holen?
Er muss!
zaphod1965 20.05.2007
2.
Zitat von sysopPeter Löscher wird neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens. Kann er den Konzern aus den negativen Schlagzeilen holen?
Siemens wird, neuer Vorstand hin oder her, noch lange in den Schlagzeilen bleiben. Das volle Ausmaß des Skandals ist ja immer noch nicht bekannt. Mittlerweile sind wir bei der ersten Milliarde Euro Bestechungsgelder angekommen. Hoffentlich zahlen diesmal die Aktionäre und Manager die Zeche und nicht die Angestellten. Herrn Löscher ist zunächst einmal Respekt zu zollen, in dieser Situation die Leitung dieser Skandalruine zu übernehmen. Siemens stehen harte Zeiten bevor. Mal sehen, ob ihm etwas intelligenteres Einfällt, als erst einmal tausende von Leuten zu entlassen.
DJ Doena 20.05.2007
3.
Zitat von sysopPeter Löscher wird neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens. Kann er den Konzern aus den negativen Schlagzeilen holen?
Nie gehört den Namen und ich arbeite für Siemens, wenn auch nicht für Siemens.
eval, 20.05.2007
4.
Zitat von sysopPeter Löscher wird neuer Vorstandsvorsitzender von Siemens. Kann er den Konzern aus den negativen Schlagzeilen holen?
Ja, der kann Siemens wieder aufrichten. Hoffentlich nicht zu lasten der Belegschaft.. Eine Chance hat er verdient.
hans hoch, 20.05.2007
5. bilanz in 2 jahren
Zitat von zaphod1965Siemens wird, neuer Vorstand hin oder her, noch lange in den Schlagzeilen bleiben. Das volle Ausmaß des Skandals ist ja immer noch nicht bekannt. Mittlerweile sind wir bei der ersten Milliarde Euro Bestechungsgelder angekommen. Hoffentlich zahlen diesmal die Aktionäre und Manager die Zeche und nicht die Angestellten. Herrn Löscher ist zunächst einmal Respekt zu zollen, in dieser Situation die Leitung dieser Skandalruine zu übernehmen. Siemens stehen harte Zeiten bevor. Mal sehen, ob ihm etwas intelligenteres Einfällt, als erst einmal tausende von Leuten zu entlassen.
sämtliche bisher angestrengten prozesse im zusammenhang mit den schmiergeldern sind auch aus juristischer sicht mit vielen fragezeichen versehen.da ist das letzte wort noch nicht gesprochen. 1.ich glaube bis 1999 war diese praxis legal und sogar steuerlich absetztbar. 2.was im ausland gemacht wird,ist etwas anderes als innerhalb deutschland. 3.staatanwälte im mannesmann-prozess haben einen deal angeboten,weil ihnen der überblick verloren ging. 4.die juristen schaden auch hier der deutschen exportwirtschaft enorm.letztlich lebt das deutsche gemeinwesen von solchen unternehmen, nicht von beamten,bäckern,steuerberatern,ärtzten etc-die konkurrenz reibt sich die hände. 5. siemens wird auch dies überstehen. 6.vielleicht läßt sich herr löscher ja nicht von den hofschranzen am wittelbacher platz einnehmen,dafür wünsche ich ihm jedenfalls viel glück.
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