Siemens-Prozess Millionen für die Betriebsräte-Zucht

Mit Millionen und Abermillionen päppelte Siemens die vermeintliche Arbeitnehmervereinigung AUB. Deren Ex-Chef Schelsky und Ex-Siemens-Vorstand Feldmayer stehen jetzt vor Gericht. Der eine schweigt, der andere redet - schuldig fühlen sich beide nicht.

Aus Nürnberg berichtet


Er hat ihn noch einmal, den ganz großen Auftritt. Plötzlich geht eine kaum sichtbare Tür in der holzgetäfelten Wand auf, und Wilhelm Schelsky steht im Saal. Er ist durch einen unterirdischen Gang geführt worden. Ein Pulk aus Kameraleuten bildet sich um den ehemaligen Chef der Arbeitnehmer-Organisation AUB. Blitzlichtgewitter.

Angeklagter Schelsky: Parallele zum VW-Skandal
DPA

Angeklagter Schelsky: Parallele zum VW-Skandal

Dem 59-Jährigen, der nach seiner Verhaftung sofort die Justizministerin seiner Wahlheimat Mecklenburg-Vorpommern zu sprechen wünschte, könnte das sogar gefallen haben. Auch der Sitzungssaal 600 des Landgerichts Nürnberg-Fürth ist durchaus repräsentativ. Meterhohe Decken, schwere Kronleuchter, marmornen Türportale. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden hier die Nürnberger Prozesse statt.

Diesmal füllt der zweite große Siemens-Prozess den Raum. Vor kurzem wurde der Ex-Direktor Reinhard Siekaczek wegen Untreue verurteilt. Nun muss sich Schelsky wegen der Affäre verantworten - und mit ihm Johannes Feldmayer. Der ehemalige Zentralvorstand war kurz vor Schelskys Auftreten mit todernstem Gesicht an seinen Platz geeilt. Ihm droht neben einer Gefängnisstrafe der finanzielle Ruin - Siemens will ihn auf Schadensersatz in zweistelliger Millionenhöhe verklagen.

Langweilig wird es nicht werden, das ist schon vor Prozessbeginn klar. Auch bei diesem Verfahren wird es an ungeheuerlichen Anekdoten über Gier, Arroganz und Überheblichkeit nicht fehlen. Viel wird etwa davon die Rede sein, wie der Angeklagte Schelsky Abermillionen an Siemens-Geldern in Sport-Clubs steckte. Der Anklageschrift zufolge bezahlte er unter anderem die Gehälter einer Frauen-Handball-Mannschaft. Hinzu kamen Leasingraten für mehrere Autos, Reisen, Sportgeräte. Alles Werbung für die AUB, wie Schelskys Anwalt ungerührt erklärt.

Doch es sind nicht diese irrwitzigen Geschichten, die die Bedeutung des Verfahrens ausmachen. In Nürnberg geht es um über 30 Millionen Euro, die Siemens an Firmen von Schelsky zahlte - offiziell für Schulungen und die Beratung in Personal- und Finanzdingen. Tatsächlich sollte Schelsky laut Anklage das Geld in den Aufbau der AUB stecken, die als Gegengewicht zur renitenten IG Metall fungierte.

Diese Attacke auf das Prinzip der Mitbestimmung ist es, die Gewerkschafter und Arbeitsrechtler empört. Der Fall sei "die direkte Parallele zum VW-Skandal", sagt Eduard Picker, Arbeitsrechtler an der Universität Tübingen. Bei dem Autobauer wurden Betriebsräte mit Sexpartys und Lustreisen willfährig gestimmt. Die Großkonzerne gäben verheerende Beispiele ab, empört sich Picker. Der Bremer Gewerkschaftsexperte Rudolf Hickel spricht von "zutiefst antidemokratischen" Verhalten.

Schelsky sieht nicht so aus, als teile er diese Einschätzung. Mit ärgerlich zusammengezogenen Brauen beobachtet der füllige Mann die ersten Prozessstunden. Manchmal schüttelt er den Kopf, flüstert mit seinen Anwälten. Doch er schweigt. Reden will er an diesem Tag noch nicht.



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