Siemens-Schmiergeldaffäre E-Mail bringt Kleinfeld in Bedrängnis

Brisante Post: Bei der Münchner Staatsanwaltschaft ist eine E-Mail aufgetaucht, die Noch-Siemens-Chef Klaus Kleinfeld belasten könnte. Ein Bereichsvorstand berichtet darin detailliert über Zahlungen an einen arabischen Mittelsmann. Der Empfänger der E-Mail ist Kleinfeld persönlich.

Hamburg – In dem Schreiben "Subject: Saudi-Arabien" vom April 2004 berichtet der Bereichsvorstand über einen Streit mit einem saudi-arabischen Vermittler. Nachdem Siemens die Verträge mit diesem gekündigt habe, hätte dieser mit "einer Verschärfung der Gangart" gedroht, heißt es in dem Schreiben an Kleinfeld, das laut einem Bericht des SPIEGEL jetzt in den Ermittlungsakten der Münchner Staatsanwaltschaft aufgetaucht ist. Damit stellt sich die Frage, ob der noch amtierende Siemens-Chef nicht doch über die Schmiergeldzahlungen in seinem Konzern unterrichtet war.

Der Bereichsvorstand hatte gegenüber der Staatsanwaltschaft erklärt, der Saudi habe Unterlagen über vermeintliche Schmiergeldzahlungen an die US-Börsenaufsicht SEC weiterleiten wollen, wenn Siemens ihm nicht einen dreistelligen Millionenbetrag zahle. Tatsächlich erhielt der Geschäftsvermittler Anfang 2005 statt der intern von Siemens errechneten 17 Millionen Dollar stattliche 50 Millionen Dollar ausbezahlt. Siemens   bestreitet jedoch, dass es sich dabei um Schweigegeld gehandelt habe.

Insgesamt soll der Konzern über Jahre Millionen an arabische Staaten gezahlt haben, um einen Boykott seiner Produkte auf dem arabischen Markt zu verhindern. Bei den internen Ermittlungen um die schwarzen Kassen sind Kontrolleure nach Informationen des SPIEGEL auf zahlreiche Überweisungen an einen gewissen Moheden al-Shatta gestoßen. Der Mann aus Damaskus, der mit seiner Firma ASTE offiziell als "General Manager der Siemens AG" mit eigener E-Mail-Adresse bei der Siemens IT Solutions und Service in Deutschland firmiert, erhielt zwischen 1999 und 2006 mehr als 72 Millionen Euro von dem Münchener Konzern.

"Zahlungen mit hohem Korruptionsrisiko"

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG stufte die Zahlungen Ende vergangenen Jahres in einem streng vertraulichen Bericht als "mit einem großen Korruptionsrisiko behaftet" ein. Offenbar waren die Überweisungen aber nicht für Schmiergelder gedacht. Sie sollen – zumindest zum Teil – dafür verwandt worden sein, Entscheider im Umfeld des sogenannten Central Boycott Office in Damaskus freundlich zu stimmen. Die Organisation, die seit den fünfziger Jahren an die Arabische Liga angebunden ist, setzt unter anderem Produkte aus Israel auf eine schwarze Liste, ebenso Unternehmen, die mit Israel Geschäfte machen – darunter eben auch Siemens. Um von dieser Liste wieder herunterzukommen, sollen westliche Unternehmen angeblich Millionenbeträge zahlen.

"Al-Shattas Job war es, dafür zu sorgen, dass Siemens nicht auf die Boykottliste gerät", sagt ein Siemens-Insider. Allein im Buchungszeitraum 2004/2005 überwies Siemens 14,6 Millionen Euro auf Konten des Syrers. Im Jahr zuvor waren es immerhin 12,07 Millionen – in 2002/2003 gar 19,7 Millionen Euro. Al-Shatta reagierte auf eine schriftliche Anfrage des SPIEGEL nicht. Siemens wollte sich mit Blick auf das laufende Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft München nicht zu den Zahlungen an den Syrer äußern.

Unterdessen erwägt Siemens nach Informationen des SPIEGEL, die Münchner Holding des Weltkonzerns umzubauen und dabei eventuell drastisch zu verkleinern. Laut SPIEGEL-Informationen dachte der neue Aufsichtsratsvorsitzende, Gerhard Cromme, gegenüber Vertrauten bereits über einen Umbau der vielfach belasteten Führungsstruktur nach. Entweder habe man in der Holding von den Korruptionsvorwürfen nichts mitbekommen. Dann brauche man die Führungsspitze gar nicht. Oder die Holding habe Bescheid gewusst, dann habe sie sich selber überflüssig gemacht. Offenkundig denkt der Siemens-Aufsichtsrat darüber nach, künftig einen kleineren Vorstand zu installieren, unter dem dann die einzelnen Konzersparten in größerer Selbständigkeit ihre Geschäfte tätigen könnten.

Für die Nachfolge des Vorstandsvorsitzes hat Cromme derzeit angeblich fünf Kandidaten im Auge. Neben Linde-Chef Wolfgang Reitzle stünden noch vier weitere Spitzenmanager auf Crommes Liste, die derzeit alle fest angestellt seien. Das meldet das Nachrichtenmagazin "Focus" vorab. Cromme habe zu Vertrauten gesagt ein Champion, wie ihn Siemens brauche, stehe nicht auf der Straße.

Crommes Favorit sei nach wie vor Linde-Mann Reitzle. Dessen hohes Gehalt von 7,4 Millionen Euro halte Cromme nicht für ein Hindernis. Über Boni und Optionsscheine sei das durchaus zu erreichen. Kleinfeld komme nach dem umstrittenen Gehaltsplus von 30 Prozent nur auf knapp zwei Drittel des Reitzle-Salärs.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.