Siemens-Schmiergeldaffäre Kleinfeld erklärt sich zu früherem Abschied bereit

Siemens-Chef Kleinfeld ist bereit zum sofortigen Rücktritt, sollte ein Nachfolger feststehen - doch der ist nicht in Sicht. Analysten tippen auf einen Kandidaten von außen, denn nur ein solcher könne unbelastet von der Schmiergeldaffäre arbeiten. Einen der heißen Favoriten lehnen sie allerdings ab.

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Hamburg - Man sah Klaus Kleinfeld sein Unglück an. Er trat heute in München vor die Kameras und verkündete eine glänzende Halbjahresbilanz für den Konzern. Er nannte ehrgeizige Wachstumsziele für den Konzern, erklärte, es werde ein neues Programm mit dem Namen "Fit for 2010" geben, um diese Ziele zu erreichen, und sagte dann noch, in neun von elf Geschäftsbereichen werde "der Zielkorridor für die operative Marge erhöht beziehungsweise ausgeweitet". Kleinfelds Resümee: "Es ist das Bild, das wir uns gewünscht haben."

In dem Gesamtbild allerdings, das dürfte der Grund für den unglücklichen Gesichtsausdrucks des Managers sein, ist für einen kein Platz mehr: für Kleinfeld selbst. Der Aufsichtsrat hatte ihn nach einem Machtkampf dazu bewogen, seinen Chefsessel zu räumen. Kleinfeld wurde ranghöchstes Opfer der Schmiergeldaffäre, die Siemens seit November 2006 erschüttert.

Kleinfeld sagte, er bedauere seinen Rückzug aus dem Konzern: "Siemens und seine Mitarbeiter liegen mir sehr am Herzen". Das Unternehmen sei "so ein wichtiger Teil meines Lebens in den letzten 20 Jahren gewesen". Aber Siemens müsse uneingeschränkt handlungsfähig bleiben. Er habe die Unklarheit über die Führung sowie über seine Person "für belastend und untragbar" für das Unternehmen und seine Mitarbeiter erachtet.

Analysten rechnen nun, dass Siemens Chart zeigen einen Nachfolger außerhalb des Konzerns suchen werde. "Mit größter Wahrscheinlichkeit wird es kein Interner", sagte Stefan Schöppner von der Dresdner Bank. "Nur ein Manager von außerhalb wird seine Arbeit bei Siemens aufnehmen können, ohne in irgendeiner Weise mit der Schmiergeldaffäre verstrickt zu sein." Zwar sei Siemens ein hochkomplexer Konzern, den Manager mit Erfahrung in dem Unternehmen besser durchschauten. "Aber die Restrukturierung ist angestoßen, die Aufräumarbeiten in der Schmiergeldaffäre laufen. Der neue Chef muss nur noch umsetzen, was bereits begonnen wurde."

Auch Analyst Michael Bahlmann von der Hamburger Privatbank M. M. Warburg rechnet mit einem Nachfolger von außen. "Wer vor gut zwei Jahren um die Nachfolge von Pierer an der Siemens-Spitze mit Kleinfeld konkurrierte, ist heute entweder nicht mehr im Unternehmen oder durch den Schmiergeldskandal demontiert", sagte Bahlmann. Unter den Siemens-Managern falle ihm nur Finanzvorstand Joe Kaeser ein, der allerdings erst seit einem Jahr auf diesem Posten sei. Gefragt sei nun jemand, der Visionen für den Konzern habe. "Großartig etwas anders machen muss der Neue nicht - Siemens hat glänzende Zahlen vorgelegt. Was zu tun ist, wird in dem Konzern getan."

Einig sind sich Beobachter, dass nur ein ausgesprochen erfahrener Manager aus der Industrie Nachfolger von Kleinfeld werden könne, jemand, der über hervorragende internationale Kontakte verfüge und dessen Name das Image von Siemens nach der Schmiergeldaffäre wieder aufwerte. Zudem müsse es ein Manager sein, der den Konzern mit ruhiger Hand führe.

Allerdings sei nicht jeder der Namen, die derzeit kursierten, ein geeigneter Kandidat. Der frühere DaimlerChrysler- und Volkswagen-Manager Wolfgang Bernhard, heißt es, komme nicht in Frage, weil der "eher als Mann der großen und groben Schnitte" gelte. Das "Handelsblatt" berichtete unter Berufung auf Bankenkreise, Gerhard Cromme solle neuer Siemens-Chef werden. Kurz nach Verbreitung dieses Gerüchts war die Meldung aber von der "Handelsblatt"-Homepage wieder verschwunden. Und ThyssenKrupp dementierte sofort: "Das ist Unsinn. Er wird definitiv nicht Siemens-Chef", sagte ein Konzernsprecher.

Eine Gefahr der Zerschlagung von Siemens, dem deutschen Industriekonzern schlechthin, sehen die Analysten nicht. "Ich mag das nicht ausschließen, es gibt weltweit genügend Player, die, zu zweit oder zu dritt, gemeinsam auch Siemens oder Teile von Siemens kaufen könnten", sagt Bahlmann. "Ich halte das aber für sehr unwahrscheinlich."

Dresdner-Bank-Analyst Schöppner sieht das ähnlich. "Keine Siemens-Sparte ist sicher, aber es ist doch unwahrscheinlich, dass eine von ihnen jetzt noch verkauft wird." Sollte allerdings der neue Chef "zur alten Siemens AG zurückkehren, also Restrukturierungsmaßnahmen zurücknehmen oder bremsen, dann werden externe Investoren sicher Druck auf den Konzern ausüben", sagt Schöppner. "Dann ist auch eine Zerschlagung denkbar."



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