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»Silberkäufe sind eben Mode«

SPIEGEL-Interview mit dem Silber-Milliardär Nelson Bunker Hunt
aus DER SPIEGEL 11/1980

SPIEGEL: Mr. Hunt, Sie gelten als der Mann, der den vielleicht größten privaten Silberschatz der Welt besitzt. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre hat sich der Silberpreis versechsfacht. Machen Sie jetzt Kasse?

HUNT: Ich habe nicht die geringste Lust, mein Silber zu verkaufen.

SPIEGEL: Glauben Sie, mehr verdienen zu können, wenn Sie noch etwas warten?

HUNT: Nein, ich will mein Silber behalten, als Finanzreserve für meine Geschäfte.

SPIEGEL: Ganz egal, wie hoch der Preis ist?

HUNT: Ja. Ich bin der Meinung, es hat beim Silber wie beim Gold eine Kaufpanik gegeben, die den Goldpreis auf 850 Dollar und den Silberpreis zwischendurch auf 52 Dollar pro Unze getrieben hat. In den letzten Wochen gab es dann eine Verkaufspanik, die Silber auf 33 bis 36 Dollar drückte. Aber ich sehe für das Silber glänzende Zukunftschancen.

SPIEGEL: Was passiert, wenn Sie sich plötzlich doch entschließen, Ihr Silber auf den Markt zu werfen?

HUNT: Seit sechs, sieben Jahren, seit ich in der Silber-Szene auftrete, haben viele Leute über diese Möglichkeit spekuliert. Allein die Tatsache, daß ich eine Menge Silber besitze, hat den Preis über Jahre so niedrig gehalten.

SPIEGEL: Können Sie uns das bitte erklären?

HUNT: Die Leute fürchteten, ich könnte mein Silber verkaufen, und dies würde zum Zusammenbruch der Preise führen.

SPIEGEL: Sie meinen, viele Leute haben sich deswegen nicht an dem Silberspiel beteiligt, weil sie erst abwarten wollten, daß Sie verkaufen?

HUNT: Das ist genau der Punkt. Dann gibt es da noch die erfahrenen Silber-Profis, die sagen: Die Hunts werden irgendwann verkaufen müssen. Wir warten so lange und kommen dann billiger an das Silber. Ich glaube, daß die Kombination dieser beiden Faktoren den Silberpreis über lange Zeit künstlich niedrig gehalten hat.

SPIEGEL: Aber noch mal: Was passiert, wenn Sie verkaufen?

HUNT: Nun, ich bin sicher, daß der Markt mein Silber zu den derzeitigen Preisen sehr gut absorbieren würde. Das Schlechteste, was passieren könnte, wäre ein Preisrutsch für ein paar Tage. Danach würde der Preis noch schneller steigen.

SPIEGEL: Aber wer könnte all Ihr Silber kaufen?

HUNT: Meine Bankiers und Makler erzählen mir, daß Silber derzeit weltweit gehortet wird, besonders im Nahen Osten, was es noch nie gegeben hat. Jede Menge Silber, die auf den Markt kommt, wird in ein paar Tagen verschwunden sein.

SPIEGEL: Stört es Sie eigentlich, daß amerikanische Behörden, wie die Warenbörse in New York, Silberspekulanten derzeit vom Kauf abraten? Sie sagen: Wartet, bis Hunt sein Silber verkauft hat und es wieder einen freien Markt gibt.

HUNT: Ich glaube nicht, daß ich genug Silber habe, um den Markt zu kontrollieren. Ich bezweifle überhaupt, daß irgend jemand in der Welt einen Markt kontrollieren kann, der so groß ist wie der internationale Silbermarkt. Aber es gibt eben Leute, die sind von Natur aus nervös und haben Angst vor allem.

SPIEGEL: Kann eigentlich die amerikanische Regierung den Silberpreis steuern?

HUNT: Die US-Regierung besitzt immer noch 139 Millionen Unzen Silber. Seit drei Jahren fürchten die Leute, daß der Kongreß per Gesetz beschließen könnte, einen großen Teil dieses Silbers zu verkaufen.

SPIEGEL: Das könnte doch auch passieren.

HUNT: Das kann jederzeit passieren. Aber eine wachsende Zahl von US-Politikern will nicht, daß unser Land noch mehr Silber verliert. Schließlich hat das Schatzamt in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren schon rund zwei Milliarden Unzen verkauft -- zu Preisen zwischen 29 Cent und einem Dollar.

SPIEGEL: Würden Sie bei einer Schatzamts-Auktion Silber kaufen?

HUNT: Zu den derzeit niedrigen Preisen würde ich es versuchen. Selbst Peru, einer der größten Silberproduzenten, hat gesagt, daß es den Vereinigten Staaten 15 Millionen Unzen abkaufen würde. Ich glaube, wenn wir uns in drei Jahren zurückerinnern, werden wir einen Silberpreis von 30 bis 35 Dollar für ziemlich niedrig halten, und viele Leute werden sich fragen: Warum haben wir die günstige Gelegenheit nicht zum Kauf genutzt?

SPIEGEL: Sie halten Käufe bei Preisen unter 30 Dollar immer noch für eine Okkasion?

HUNT: Sicher, das ist sehr billig. Ich glaube nicht, daß der Preis überhaupt so weit abrutschen wird. Allerdings möchte ich niemandem Ratschläge geben, zu welchen Preisen er Silber kaufen oder verkaufen sollte.

SPIEGEL: Tun Sie es trotzdem?

HUNT: Einige Experten und besonders meine Berater in der Schweiz haben mir gesagt, daß der Goldpreis schon in diesem oder dem nächsten Jahr auf 1500 Dollar pro Unze steigen könnte. Ich habe den Eindruck, daß Silber sich trotzdem als die bessere Investition herausstellen wird.

SPIEGEL: Aber Silber hat doch Gold, was die Preissteigerungen anbelangt, in den letzten zwölf Monaten schon überrundet.

HUNT: Das könnte erst der Anfang einer Entwicklung sein, die ich in S.174 einem eigenen und freien Silbermarkt enden sehe. Ich kann mir vorstellen, daß innerhalb der nächsten zehn bis zwölf Jahre die Preisrelation zwischen Gold und Silber 5 zu 1 sein wird, gegenüber derzeit 20 zu 1.

SPIEGEL: Mit anderen Worten: Wenn Gold 1500 Dollar kostet, würde Silber für 300 Dollar die Unze gehandelt?

HUNT: Ja, das ist genau, was ich erwarte.

SPIEGEL: Warum glauben Sie eigentlich so fest an die Zukunft des Silbers?

HUNT: Das ist ganz einfach zu erklären: Die Preisexplosion, die wir erlebt haben, war die logische Folge des gravierenden Ungleichgewichts zwischen der jährlichen Produktion und dem Industrieverbrauch.

SPIEGEL: Können Sie das erläutern?

HUNT: Erstens muß man sich die große Nachfrage der Industrie, besonders der Photoindustrie, vor Augen halten. Zum zweiten lag die Weltproduktion jährlich bei 300 Millionen Unzen, während der Verbrauch weit über 400 Millionen Unzen pro Jahr erreichte. Seit 10 oder 15 Jahren gibt es ein Defizit, und so kann es nicht weitergehen. Dabei sind noch nicht einmal Rußland und die anderen Ostblockstaaten eingerechnet, die nach Meinung von Experten zusätzlich netto über 100 Millionen Unzen verbrauchen.

SPIEGEL: Sie meinen, der Industrieverbrauch hat die Silberspekulationen in der ganzen Welt ermutigt?

HUNT: Ja, betrachten Sie nur ein anderes Metall. Platin wird derzeit zu über 800 Dollar gehandelt, höher als Gold. Die Industrie braucht Platin und Silber, aber ziemlich wenig Gold.

SPIEGEL: Nach den goldenen siebziger Jahren glauben Sie nun an die silbernen achtziger?

HUNT: Ja. Solange die monetäre Basis der Welt nicht stabil ist, wird Silber, wie das Gold, immer ein Reservemetall sein. Die weltweite Inflation wird andauern, und die Notenbanken werden mehr denn je wertvolle Metalle wie Gold und Silber zu würdigen wissen.

SPIEGEL: Sie sind nicht der einzige, der auf das Silber setzt. Wer sind eigentlich die Leute, die im vergangenen Jahr gekauft haben?

HUNT: In den vergangenen acht bis zwölf Monaten haben sich die Araber große Mengen Silber gesichert. Lange Zeit waren sie nur an Gold interessiert, um sich gegen die Geldentwertung zu wappnen. Inzwischen haben sie ihre Meinung geändert.

SPIEGEL: Wenn die arabischen Käufer ausbleiben: Würde der Silberpreis dann zusammenbrechen?

HUNT: Von sogenannten Insidern in Europa und sonst auf der Welt habe ich gehört, daß die Araber beschlossen haben, eher mehr Silber als Gold zu S.175 kaufen. Im Nahen Osten fangen Leute an, Silber zu kaufen, die es nie zuvor getan haben. Und diese Leute interessieren sich nicht für schnelle Gewinne. Sie verfügen über gewaltige Gelder, die es ihnen erlauben zu kaufen, was sie wollen. Und wenn die sich zum Silberkauf entschließen, dann glaube ich nicht, daß der Preis sinkt.

SPIEGEL: Woher kommt die neue Vorliebe der Araber für wertvolle Metalle wie Silber?

HUNT: Viele meiner arabischen Freunde haben mir gesagt, daß die Vorgänge im Iran sie verunsichert haben. Es ist für sie sehr unangenehm, daß zwölf Milliarden Dollar iranischen Geldes in amerikanischen und anderen Banken blockiert sind. Sie wollen lieber wertvolle Edelmetalle an einem sicheren Ort wie der Schweiz haben als Bankkonten in den Vereinigten Staaten. Dies ist ein wichtiger Grund für die Preisschübe bei Gold und Silber.

SPIEGEL: Wer hortet außer Ihnen und den Arabern noch Silber?

HUNT: Ich möchte Ihnen keine Namen sagen, aber ich kann mir gut vorstellen, daß sich die neue Ölmacht Mexiko größere Silbermengen bequem leisten kann. Die wichtigsten Silberbesitzer freilich sind immer noch die Europäer, die Inder und die Araber. Silberkäufe sind eben weltweit in Mode gekommen.

SPIEGEL: Sie stammen aus einer alten und mächtigen Ölfamilie. Fast jedermann in der Welt braucht Öl, aber man kann leicht ohne Silber leben. Warum stecken Sie nicht all Ihr Geld ins Ölgeschäft?

HUNT: Natürlich hat Öl eine große Zukunft, und ich sehe auch nicht, wie die Ölpreise sinken könnten. Aber es ist schwierig zu sagen, was das beste Geschäft ist. Sie können Öl zum Beispiel nicht kaufen und über längere Zeit einlagern, es muß verbraucht werden. Öl verdunstet, und außerdem sind die Lagerkosten zu hoch.

SPIEGEL: Geben Sie Ihren Freunden, Arabern oder Nicht-Arabern, eigentlich Anlagetips?

HUNT: Ich bin ein ziemlich bekannter Mann und reise viel. Natürlich kommen die Leute zu mir und wollen Rat. Sogar auf der Straße werde ich oft angesprochen, was ich vom Silber halte. Ich bin immer so ehrlich, wie ich kann. Ich empfehle immer Silber, Freunden wie Fremden, und ich hoffe, daß einige von ihnen von meinen Ratschlägen profitieren.

SPIEGEL: Mister Hunt, wieviel Silber besitzen Sie eigentlich? Ist es wahr, daß Sie mehr als 50 Millionen Unzen allein in Münzen haben?

HUNT: Um ehrlich zu sein, ich kann Ihnen die genaue Zahl nicht sagen, selbst wenn ich wollte. Außerdem: Über das eigene Geld zu reden ist nicht nur schlechtes Benehmen, sondern bringt auch Pech.

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