Silicon Valley Der Dotcom-Boom wird zum Öko-Boom

Das Silicon Valley, einst Heimat der größten Stromfresser der USA, mausert sich zum Klimaretter. Konzerne wie Hewlett-Packard und Google drosseln ihre Emissionen, Tech-Startups erforschen innovative Umwelttechnologien, Investoren stecken Kapital in die Projekte.

San Jose - Steve Kirsch ist einer der ersten Dotcom-Pioniere. Schon in den 70er Jahren, noch als Teenager, assistierte er dem "Vater des Internets", Vint Cerf. Später erfand er die Computermaus und das Webportal Infoseek, das er 1999 an den Disney-Konzern verkaufte. Doch Kirsch ist auch noch auf andere Weise ein Pionier hier im Silicon Valley: im Klima- und Umweltschutz.

Der 42-jährige Multimillionär warnte vor dem Treibhaus-Effekt, als das in den USA noch ein Tabu war. Er schenkte Al Gore eine halbe Million Dollar. Er ist bekannt für ellenlange E-Mails, in denen er die Öko-Lethargie der Branche beklagt. Und er fährt seit Jahren ein Elektroauto, einen Toyota RAV4 EV mit Zwölf-Volt-Batterien, der draußen vor der Tür steht. "Aufladen, fertig", sagt Kirsch und zeigt durchs Fenster. "Null Emissionen. Leider bauen sie den nicht mehr." In der Tat stellte Toyota, nach dem Erlass milderer US-Emissionsbestimmungen, die Produktion des RAV4 EV 2003 ein.

Doch was die Öko-Lethargie der Tech-Branche angeht, da haben Kirschs Mahnungen Erfolg gehabt. Die boomenden Dotcoms zeigen dem Rest des Landes auch damit inzwischen, wo es lang geht: Nur wenige US-Unternehmen sind heute innovativer und risikofreudiger im Klimaschutz als die im Silicon Valley. "Wir müssen die Wegbereiter sein", sagt Kirsch. "Mal wieder." Das gilt nicht nur für die Platzhirsche hier wie Google  , Hewlett-Packard (HP)  , Oracle  , Cisco   und Sun Microsystems  . Sondern auch für die jüngste Valley-Generation: Startups, die sich neuen Umwelttechnologien, alternativen Energien und der High-Tech-Klimaforschung widmen - und in die weitsichtige Investoren heute immer höhere Millionensummen stecken.

"Führer in Öko-Sensibilität"

Ex-Vizepräsident Al Gore, inzwischen hauptberuflich Klima-Retter, lobt das Öko-Bewusstsein des Silicon Valleys als wegweisend. "Von hier breitet es sich auf die nächste Region aus und auf die nächste", sagte er im November auf einer Klimakonferenz in San Francisco. Schon schlug die "New York Times" vor, die Dotcom-Ära in die "Watt-Com-Ära" umzutaufen. "Das Valley", freut sich Internet-Unternehmer Andrew Beebe, "hat seinen neuen Hot Spot gefunden." HP, der Großvaterbetrieb des Silicon Valleys, rühmt sich als Vorreiter des Umweltschutzes hier.

Das geht so weit, dass sie selbst ihren "Halo Room" - den neuen Videokonferenz-Saal, den sie "Zeitmaschine" nennen - als Öko-Maßnahme verkaufen. "Alle Konferenzteilnehmer können in ihren Büros bleiben, egal, wo auf der Welt", sagt HP-Sprecherin Emma Wischhusen stolz. "Wissen Sie, wie viel Flugbenzin das spart?" Als wolle er das unterstreichen, erscheint John Frey, bei HP als Top-Manager für "Umweltstrategien" zuständig, im "Halo Room" nur virtuell - per Computerschaltung aus Houston, auf einen enormen Bildschirm an der Stirnseite des Raumes projiziert. Er beschwört die "ökologischen Prinzipien von Dave und Bill", den HP-Gründern Bill Hewlett und Dave Packard. Er spricht vom ersten Recycling-Programm des Konzerns 1987. Er rattert eine lange Liste an Umweltprogrammen herunter, die HP praktiziert. "Wir stecken da doch alle gemeinsam drin", sagt Frey, "für viele Jahre."

Eines stimmt: HP hat die Umweltbelastungen, die von der Tech-Industrie ausgehen, früh erkannt. Das Unternehmen hat eine eigene Abteilung für "Umweltdesign" und bietet nur noch Produkte an, die zu 100 Prozent wiederverwertbar sind. Es besitzt Recycling-Anlagen für "E-Abfall" wie toxische Chemikalien in Computern. Es will seine Kohlendioxid-Emissionen bis 2010 um 15 Prozent senken. Es arbeitet mit dem World Wildlife Fund (WWF) zusammen. Das Magazin "Fortune" preist HP als "grünen Giganten" und "weltweiten Führer in Öko-Sensibilität".

Mit Googles Biodiesel durchs Valley

Andere Silicon-Valley-Größen folgen dem HP-Vorbild. Oracle und Intel   haben ihre Emissionen dramatisch gedrosselt. Sun entwickelt energiesparende PC's und ermuntert seine Angestellten, von zu Hause aus zu arbeiten, um Sprit zu sparen. Google bietet seiner Crew derweil ein kostenloses Netz aus 32 Shuttle-Bussen an, die tagsüber die ganze Bay Area durchkreuzen - mit Biodiesel.

Auch die Kleinen ziehen mit: Die Software-Firma Hyperion schenkt ihren Angestellten 5000 Dollar, wenn sie sich spritsparende Autos kaufen. BD Biosciences, ein Hersteller biomedizinischer Produkte, verbraucht heute noch immer genau so viel Energie wie 1993 - obwohl sich die Firma verdoppelt hat.

43 Unternehmen und Kommunen haben sich außerdem zu einer Umweltkoalition zusammengetan - darunter HP, Oracle, Cisco, Adobe  , Sun, der Stromkonzern PG & E, die Stadt Palo Alto, der Bezirk San Mateo County und das Ames Research Center der Nasa. Unter dem Namen Sustainable Silicon Valley (SSV) verpflichten sie sich unter anderem zu scharfen Emissionsverminderungen und Offenlegung ihrer internen Umweltstatistiken. So wollen sie ihren CO2-Ausstoß bis 2010 um 20 Prozent unter die Werte von 1990 bringen. "Das macht wirtschaftlichen Sinn", sagt SSV-Direktorin Sally Tomlinson, die den Klimaschutz als "das dringendste Problem unserer Zeit" bezeichnet. "Es spart uns viel Geld und ist zugleich die richtige Sache." "

Umweltforscherin Tomlinson, eine zarte, leise Dame mit einem Doktortitel der Standford University, trägt das Ihre dazu bei: Der SSV hat kein richtiges, sondern nur "ein virtuelles Büro". Tomlinson erledigt alle Arbeit zu Hause in der Küche, am Laptop. "Kein Pendeln", sagt sie. "Und meine Tochter freut das auch." Tomlinson hält solche Grassroot-Aktionen für den einzigen Weg, Washingtons Öko-Ignoranz zu umgehen. "Wir sind die Anführer. Andere werden unserem Beispiel folgen." Schon gebe es ähnliche Programme in San Diego und Australien. Und der englische Thronfolger Prinz Charles habe SSV auch schon persönlich in Augenschein genommen.

"Nordpol sowieso verloren"

Das Tech-Kapital ist ebenfalls längst auf den Zug aufgesprungen. So sind die Investitionen in "saubere Technologien" im Silicon Valley nach Angaben der Research-Gruppe Joint Venture/Silicon Valley Network im vergangenen Jahr von 34 Millionen Dollar auf fast 300 Millionen Dollar rasant gewachsen. Die Lobbygruppe Cleantech Venture Network beziffert die Investitionen in Öko-Startups hier in den ersten drei Quartalen 2006 sogar auf fast eine halbe Milliarde Dollar. "Dies ist der heißeste Investitionsbereich", sagt Tom Werner, Chef der Solarfirma SunPower, einer der neuen Unternehmen auf diesem Feld.

Auch Startups wie Nanosolar und Lilliputian Systems drängen auf den neuen Öko-Markt. "Wir haben hier eine enorme Gelegenheit", sagt David Pearce, der Gründer von Miasole, einem Unternehmen für Solarzellentechnologie in Santa Clara. Bis Ende dieses Jahres will sein Betrieb von 95 auf 300 Mitarbeiter ausbauen.

Nur Steve Kirsch, der alte Hase, übt sich weiter in Berufspessimismus. "20 Prozent weniger Emissionen?", schnaubt er. "Das ist bei Weitem nicht genug. Wir tun doch nichts anderes, als die Liegestühle auf der 'Titanic' umzustellen." Er guckt aus dem Fenster, an seinem Toyota RAV4 EV vorbei auf den strahlend blauen Himmel Kaliforniens. "Nordpol und Südpol", murmelt er, "werden wir sowieso verlieren."

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