Silvio Berlusconi Italiens Big Brother

"Ich bin der Einzige, der Italien verändern kann" war der Spruch, den Silvio Berlusconi vor seiner Wahl zum italienischen Ministerpräsident immer wieder über den Äther jagte. Wie der Regierungschef und Medienzar dem Land seinen Stempel aufdrückt, ist in hässlicher Weise sichtbar geworden.


Silvio Berlusconi: König von eigenen Gnaden
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Silvio Berlusconi: König von eigenen Gnaden

Rom - Berlusconi, der selbst drei Privatsender, mehrere Zeitungen und Zeitschriften sowie den größten Buchverlag Italiens kontrolliert, sah sich im Wahlkampf als Opfer kritischer Journalisten. Das damals noch von ihm unabhängige Staatsfernsehen RAI habe sich "bei den vergangenen Wahlen skandalös verhalten", eine "Kampagne gegen die Demokratie" geführt, verkündete er. Quasi als Rache hat er die Schaltzentrale der RAI mit eigenen Günstlingen besetzt. Seitdem hat er die Macht, auf allen Kanälen sein Siegerlächeln zu präsentieren.

Egomane mit Sendungsbewusstsein

An Selbstbewusstsein mangelt es Silvio Berlusconi ohnehin nicht. Vor Journalisten sagte er kurz nach der Wahl, für die er eigens ein Berlusconi-Fanbuch an alle italienischen Haushalte verschicken ließ: "Ich bin der Beste der Welt!"

Seine erste Amtszeit als italienischer Ministerpräsident endete 1994 nach nur sieben Monaten. Bündnispartner Umberto Bossi hatte die Regierung stürzen lassen. Seit Mai 2001 ist der Milliardär mit seiner Partei Forza Italia wieder an der Macht - wieder mit Umberto Bossi, der mit seiner Lega Nord den verhassten und chronisch klammen Süden am liebsten vom wirtschaftlich gesunden Teil des Landes abtrennen würde.

Pluralismus ist ihm fremd

Gemeinsam mit Berlusconi lässt Bossi derzeit keine Gelegenheit aus, Richter und Staatsanwälte als Kommunisten zu diffamieren. Die "roten Roben" wollten ihn aus dem Amt jagen, wiederholt der Staatschef bei jeder Gelegenheit. Kein Wunder - gegen Berlusconi laufen immer noch vier Gerichtsverfahren wegen unlauterer finanzieller Machenschaften.

Unschön sind auch die Praktiken, mit denen sich der Regierungschef unbotmäßige Vertreter der Rechtsprechung vom Leibe hält. Seine Innen- und Justizminister überziehen Berlusconis Kritiker mit Disziplinarmaßnahmen und Anzeigen.

Ziegel zu Fernsehsendern

Als Unternehmer ist dem 65-Jährige eine Traumkarriere gelungen, er ist ein echter Self-Made-Milliardär. 1936 als Sohn eines Mailänder Bankangestellten geboren, schlug er sich während des Jura-Studiums als Unterhalter auf Kreuzfahrtschiffen durch. In den sechziger Jahren gründete Berlusconi eine kleine Baufirma und stampfte nach kurzer Zeit die Trabantenstadt "Milano Due" für rund 10.000 Bewohner aus dem Boden.

Bald darauf folgte der Einstieg ins Mediengeschäft. Mit politischer Hilfe gelang es ihm, das Monopol des Staatsfernsehens zu brechen. Heute arbeiten für Berlusconis Konzern Fininvest, zu dem auch das Medienunternehmen Mediaset mit den drei wichtigsten privaten Fernsehsendern gehört, mehr als 27.000 Menschen. Mediaset ist mit 2,28 Prozent an KirchMedia beteiligt.

"Wie wenn Kirch Bundeskanzler wäre"

"Was der Mann anfasst, wird zu Gold", darin sind sich selbst hartnäckige Kritiker einig. Der Italiener, der immer bestens gekleidet ist, verfügt über TV- und Film-Produktionsgesellschaften, Werbeunternehmen, Kinoketten, Verlage, Finanzierungs- und Immobiliengesellschaften sowie den Fußballklub AC Milan.

Übersicht: Berlusconis Imperium
DER SPIEGEL

Übersicht: Berlusconis Imperium

Berlusconi verteilte im Laufe der Jahre seine Firmen geschickt auf Mitglieder der Familie, um dem "Konflikt der Interessen" zwischen Geschäft und Politik auszuweichen. Um ganz sicher zu gehen, paukte er kürzlich einen Gesetzesentwurf durch, wonach der Besitz eines Unternehmens nicht als zwingender Grund für einen Interessenkonflikt mit dem Amt eines Politikers angesehen wird. Dem Gesetz muss der Senat noch zustimmen.

Kritiker von Berlusconi bezeichnen den selbstherrlichen Medien- und Politikherrscher als "postmodernen Faschisten" oder als heutige Form von Orwells "Big Brother". "In Italien ist es so, als ob Leo Kirch in Deutschland Bundeskanzler wäre", kommentieren Beobachter die Stellung Berlusconis.



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