Clan-Chef in Rente Marina Berlusconi verkauft Papas Spielzeuge

Eine Jacht ist bereits veräußert, ein Golfplatz, ein Privatjet und sogar Silvio Berlusconis Lieblingsspielzeug, der AC Mailand. Tochter Marina räumt das Imperium auf - und ihr einst so machtbewusster Vater muss zuschauen.

Marina Berlusconi
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Marina Berlusconi


Ach war das schön, damals am 8. Juli 1986. Silvio Berlusconi, mit 49 in der Blüte seiner Jahre, kam vom Himmel hoch ins Mailänder Fußballstadion San Siro, per Hubschrauber, um das erste Spiel seines eigenen Vereins zu sehen. Das Publikum ließ ihn hochleben. Er versprach, Millionen in die "Associazione Calcio Milan" zu investieren. Und er tat es.

31 Jahre lang lag ihm der AC Mailand "mehr als alles andere am Herzen" und brachte ihm mit vielen nationalen und internationalen Titeln "fast nur Freude, ganz wenig Schmerzen", wie er sagte.

Und jetzt? Jetzt gehört Berlusconis große Liebe einem chinesischen Kaufmann und dessen Kreditgeber, einem US-Hedgefonds.

Nach 150 Millionen Euro Verlust im Jahr 2015 reichte es Marina Berlusconi, Silvios erstgeborener Tochter. Basta mit den ständigen Verlusten der Kicker-AG, befand sie. Papa stimmte schließlich zu. Waren bis Anfang dieses Jahres doch schon wieder mehr als 200 Millionen Euro neue Schulden zusammengekommen. Also weg damit: Der neue Besitzer übernahm die Schulden und zahlte obendrauf 520 Millionen Euro an die Berlusconis.

Aber selbst solcher Geldsegen kann Silvio Berlusconi offenbar nicht aufheitern. Traurig, schrieben italienische Medien, säße der mehrfache Milliardär und mehrfache Regierungschef nun in seiner "Villa San Martino", in Arcore bei Mailand. Dort, wo er vor ein paar Jahren noch die berühmt-berüchtigten "Bunga-Bunga-Partys" mit der ebenso berühmt-berüchtigten "Ruby" und anderen jungen Damen feierte, gehe er nun einsam im eigenen Park spazieren und führe die Hunde aus. 80 Jahre alt, krank und vorbestraft.

Die Zeit des Patriarchen ist vorbei. Seine älteste Tochter Maria Elvira, genannt Marina, 30 Jahre jünger als er, ist seit 2005 Präsidentin der Familienholding Fininvest. Anfangs wohl nur, um das zu verkünden, was Papa ihr sagte. Weil er selbst den Job damals aus juristischen Gründen nicht machen durfte.

Papa Silvio, dem Erbauer des gesamten Reiches, gehören immer noch gut 63 Prozent der Fininvest-Anteile, seinen fünf Kindern - zwei aus erster, drei aus zweiter Ehe - jeweils etwa sieben Prozent. Doch inzwischen gilt Marina längst als die wirkliche Chefin, verheiratet, zwei Kinder - und knallhart.

Was teuer ist und nichts bringt, muss weg, ist ihr Motto. So hat "die Zarin", wie italienische Medien sie tauften, bereits etliche Luxus-Spielzeuge verkauft:

  • die "Morning Glory",eine 48 Meter lange Dreimast-Jacht, mit der Papa einst gerne um die Bermuda-Inseln segelte;
  • ebenso ein Flugzeug aus der Familienflotte. Ein weiteres ließ Marina verschrotten und die verbliebene, neue Gulfstream 450 teilt sich die Berlusconi-Familie nun mit dem befreundeten Gavio-Clan (Besitzer von 3.000 Kilometer Autobahn, Hersteller von Informationstechnik und Luxusschiffen).
  • Ein paar schlecht laufende Kinos wurden ebenfalls abgestoßen;
  • genauso wie der Luxus-Golfklub in Tolcinasco.
  • Zum Verkauf ausgeschrieben ist die prächtige und riesige Villa Gernetto, in der Silvio Berlusconi eine Universität gründen wollte, in der Tony Blair und Bill Clinton Politik lehren sollten. Aus der Traum.

Silvio, immer noch einer der reichsten Menschen in Italien, nickt alles ab, was Marina macht. Er ist offenbar zufrieden, solange sein nötigstes Equipment, wie die Tausend-und-eine-Nacht-Villa Certosa in Sardinien, nicht angetastet wird und ihm genügend viele Millionen Euro zur Verfügung stehen, damit er noch weiter in der Politik mitspielen kann. Das will er wohl noch ein Weilchen, er arbeitet sogar an einem großen Comeback.

Und Marinas Sparprogramm hat bislang immerhin schon rund 700 Millionen Euro gebracht. Ob der Papa das alles in die Politik stecken darf, ist allerdings fraglich. Der Clan wird das Geld womöglich bald bitter brauchen. Im Berlusconi-Reich braut sich nämlich einiges zusammen.

Gefahr aus Frankreich

Zu Marinas Fininvest, mit knapp fünf Milliarden Euro Umsatz und etwa 17.000 Mitarbeitern, gehören eine Versicherungsgruppe, ein Verlag und als Herzstück ein Mehrheitsaktienpaket von der Firma Mediaset, dem größten privaten Fernsehanbieter in Italien, mit Anteilen an Fernseh- und Telefondiensten in vielen Ländern. Bei Mediaset hat Marinas jüngerer Bruder Pier Silvio das Sagen.

Und der braucht womöglich bald schwesterliche Hilfe.

Denn Vincent Bolloré, der allseits gefürchtete Chef des größten französischen Medienkonzerns Vivendi will offenbar die Macht bei Mediaset. Er kaufte kräftig deren Aktien. Um die Macht zu behalten, musste auch die Berlusconi-Sippe nachkaufen. Schon die Aufstockung ihrer Beteiligung von 33 auf rund 39 Prozent hat viel Geld gekostet. Und es könnte noch viel mehr nötig werden, wenn sich Bolloré weiter in die Schlacht um Mediaset wirft.

So richtig viel Geld kommt derzeit aber bei Pier Silvios Teil des Familienreiches nicht zusammen. Manches im Sortiment, etwa das Pay-TV-Geschäft, macht Verluste. Marinas 700 Millionen in der Kasse kämen dem Bruder also wohl sehr gelegen, um Bolloré zu kontern.

Aber es gibt ja auch noch die drei Kinder aus Berlusconis zweiter Ehe. Die sind zwischen 28 und 32 Jahre alt und wollen, so heißt es, endlich auch einen ordentlichen Chefposten im Konzern-Verbund, zumindest aber viel Geld.

Und weil der alte Mann an der Spitze des Clans wohl immer weniger Lust oder Kraft hat, die Nachkommen weiterhin zu zähmen, gibt es, so berichten es jedenfalls italienische Medien immer mal wieder, Streit bei den Berlusconis.

Das Ende der Wirtschaftsdynastien

Mit Clan-Chef Silvio verabschiedet sich auch einer der letzten Gründer der großen Wirtschaftsdynastien in den unternehmerischen Ruhestand, die Italiens Wirtschaft jahrzehntelang geprägt haben.

Ihre Nachkommen haben meist ganz andere Werte und Ziele. So wie die derzeit aktiven Sprösslinge der Fiat-Gründer-Familie Agnelli, die den Firmensitz des Traditionsunternehmens in die Niederlande verlegten, um Steuern zu sparen. Oder die Pirelli, deren weltbekanntes Unternehmen mittlerweile eine Tochtergesellschaft von ChemChina ist.

Und nicht nur Berlusconis Fußball-Traumteam wird heute von China aus geleitet. Auch die lokale Konkurrenz, der fast ebenso berühmte Klub Inter Mailand, gehört inzwischen mehrheitlich Chinesen - und nicht mehr der mit Öl reich gewordenen italienischen Familie Moratti.

Fraglich ist allerdings, ob die neuen Besitzer lange Freude an ihren Einkäufen haben werden. Beide Teams haben nämlich am vergangenen Wochenende schon wieder verloren. Milan ist nun Sechster und Inter Siebter in der Serie A. Das wird selbst im Land des Lächelns keine Begeisterung wecken.



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