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SALZGITTER »Sind denn Minister Popanze«

aus DER SPIEGEL 38/1950

Auf dem Werkshof der »Immendorfer Holzindustrie« in Watenstedt-Salzgitter werden täglich Arbeitsuchende wieder weggeschickt. Beim Hinausgehen müssen sie an den zwanzig Maschinen und Werkbänken vorbei, die untätig in den großen Arbeitshallen stehen. Im Büro liegen Aufträge für ein Dreivierteljahr vor. Aber gearbeitet wird noch nicht.

Im Salzgitter-Stadtteil Drütte durchmessen die drei Gebrüder Engster immer wieder den gemieteten Riesenraum, in dem sie en gros Coca Cola herstellen wollen. Die Spezialmaschinen sind bestellt. Braunschweiger Kommissionäre haben sich verpflichtet, mindestens täglich 1000 Kasten abzunehmen. Der Vertrag mit Coca Cola ist bereits aufgesetzt. Aber gearbeitet wird noch nicht.

Salzgitter wartet auf Kredite.

Es ist alles ganz anders gekommen, als es sich die Klein- und Mittelbetriebe bei der Gründung der geplanten Großstadt einmal träumen ließen. »Dieses Gebiet hier ist gewachsen unter Adolf Hitler, da spielte Geld gar keine Rolle«, erinnert sich Carl Götte, der heute seine neun Lastzüge und Omnibusse durch die Großstadt schikken würde, wenn sie eine geworden wäre. Heute ist Salzgitter kapitalarm, umstellungs- und hilfsbedürftig.

Zur Jahreswende 1949/50 stattete Niedersachsens damaliger Wirtschaftsminister Dr. Otto Fricke seiner östlichen Notstandsecke einen aufmunternden Besuch ab.

Es gelang den kleinen Unternehmern, ihm klarzumachen, daß Salzgitter nicht nur aus den Hochöfen und Walzwerken der ehemaligen Reichswerke besteht. Und daß selbst bei voller Ausnutzung der Kapazität oder einer späteren Wiederaufnahme der Stahl- und Walzwerksverarbeitung die strukturelle Arbeitslosigkeit der 29-Gemeinden-Stadt nur mit Hilfe von Ausgleichsindustrien überwunden werden kann.

»Jawohl, meine Herren, ich sehe ein, hier muß etwas geschehen. Es muß der Salzgitter-Gesamtwirtschaft geholfen werden«, verkündete Dr. Fricke. Er forderte die Wirtschaftsvereinigung Watenstedt-Salzgitter auf, die förderungswürdigen Unternehmen auszuwählen. »Reichen Sie mir bitte zum Februar Ihren Globalkredit ein.«

Unter den ersten Anträgen stapelten sich auch Formulare Carl Göttes, der sich nach seinen Transport-Enttäuschungen auf Textilien umstellen wollte. Am 12. Februar hatte er die Papiere für seinen Antrag auf 30000 D-Mark zusammen. Am 20. März gingen die Unterlagen an das Wirtschaftsministerium.

Heute laufen in Göttes Großgaragen bereits fünf Strumpfmaschinen. Die Produktion ist bis zum Jahresende ausverkauft. Götte mußte seine Vertreter schon zurückziehen, denn zur Erweiterung des Betriebes fehlt es an Kapital. Auf die 30000 DM Kredit wartet der vier- bis fünfschrötige Strumpffabrikant noch heute.

»Wenn ich Geld bekäme, könnte ich hier sechzig Frauen mehr beschäftigen. Verkaufen kann ich zehnmal soviel wie jetzt. Ueberall in Westdeutschland ist Hochkonjunktur. Nur dieses Gebiet wird so vernachlässigt«, faßt Götte seine Reiseerfahrungen zusammen.

Er hat in Salzgitters Klein- und Mittelbetrieben viele Leidensgenossen. So hängt bei der Eska-Modelle GmbH, die gesamte Herbst- und Winterkollektion abwartend auf der Stange. Trotz großer Aufträge mußten vierzig Mädchen entlassen werden.

»Und wir wagen nicht, neue Stoffe zu bestellen, weil wir nicht wissen, ob das Geld, mit dem wir so fest gerechnet haben, auch kommt«, berichtet die Chefin. Die Saison drängt. Wenn die 30000 DM nicht innerhalb von zwei Wochen kommen, müssen sich die Eska-Betriebe überlegen, ob sie zumachen sollen.

»Wir wären auch pleite, wenn wir unser Geld nicht bis November kriegen und die bestellten Maschinen da sind«, unken die Gebrüder Engster. »Dabei sind unsere beantragten 95000 DM doch ein paar Pfennig gegen die 28 Millionen, die die Reichswerke bisher vom Bund und vom Land Niedersachsen bekommen haben.«

Auf die steuergeldschluckenden Reichswerke sind die meisten neidisch.

Denn deren Rentabilität war immer umstritten. Schon während des Krieges wurden die nach Berlin zu meldenden Zahlen von den Werksabteilungen oft gefälscht. Durch das alliierte Verbot der Bearbeitung des erschmolzenen Roheisens an Ort und Stelle ist die Hütte amtlich zur Unrentabilität verurteilt.

Bei den Reichswerkebetrieben werden für einen neu zu schaffenden Arbeitsplatz durchschnittlich 12000 DM veranschlagt. Die Klein- und Mittelbetriebe Salzgitters hatten sich in ihren Kreditanträgen mit 1000 bis 2000 DM pro Arbeitsplatz begnügt. Trotzdem wurden sie in der Kreditvergabe des Bonner Arbeitsbeschaffungsprogramms hintenan berücksichtigt.

»Die noch anstehenden Kreditprojekte«, empfahl der wirtschaftspolitische Ausschuß des Bundestages nach seinem Salzgitterbesuch, »im zweiten Arbeitsbeschaffungsprogramm einzusetzen und dafür schon jetzt eine Kreditempfehlungs-Liste aufzustellen.«

Westdeutschlands Wirtschaft aber hat durch ihre allmähliche Hochkonjunktur ein zweites Arbeitsbeschaffungsprogramm nicht mehr nötig. Die entsprechenden Pläne sind in Bonn vorläufig auf die lange Bank zurückgeschoben. Und Salzgitter liegt im toten Winkel dieser Konjunktur. Mit der Zurückstellung des zweiten Arbeitsprogramms sind auch die Kreditwünsche der Klein- und Mittelbetriebe zunächst vertagt.

Für sie bleibt nur das Land Niedersachsen übrig. Und das gibt mit ehrlichem Gewissen die Antwort: »Wir können nichts mehr verleihen, wir haben nichts.« Von den bereits auf 1,7 Millionen DM reduzierten Kreditforderungen der Salzgitter Wirtschaftsvereinigung wurden ganze 157000 DM realisiert.

»Geben Sie unseren Betrieben doch wenigstens eine Landesbürgschaft, damit die Banken vorfinanzieren können«, unternahm Dr. Gerhard Schmidt von der Wirtschaftsvereinigung noch einen verzweifelten Versuch im Finanzministerium Hannover, Schmidt gab zu bedenken, daß der Staat allein an ersparter Arbeitslosenunterstützung und an Steuern in einem halben Jahr soviel wieder hereinbekommt, wie oft der ganze Kredit ausmacht.

»Sind denn Minister Popanze, daß sie samt Kabinett und Landtag Zusagen machen und sie nachher nicht halten«, fragt Schmidt. Als er auch auf den Bürgschaftsvorschlag nur ein Achselzucken erntete, bat er: »Dann liefern Sie uns wenigstens genügend Pillen, damit wir die Bevölkerung schmerzlos um die Ecke bringen können.«

Bisher sind weder die Kredite noch die Pillen eingetroffen.

Letzte Hoffnung der Notstandskaufleute, die ein freundliches Ministerlächeln und allgemeine Sympathiekundgebungen in ihrer Betriebskalkulation als bare Münze einsetzten, wäre eine Sonderkreditaktion, bei der es ihnen gleichgültig ist, ob sie vom Bund oder vom Land käme.

Daß eine solche Aktion so schlagartig und erfolgreich einsetzt wie die kommunistischen Hilfsmaßnahmen wird im Brückenkopf der Nationalen Front, Salzgitter, wo das Gerücht einer Volksabstimmung über die Abtretung des Gebietes an die Ostzone umgeht, stark bezweifelt.

Die Kinder- und Mütter-Verschickungsaktionen, sowie die Einweisung herumlungernder Salzgitter Jugendlicher in Lehrstellen volkseigener Betriebe Leipzigs, stehen bei der arbeitslosen Bevölkerung hoch im Kurs. Sie zeigt sich dafür politisch auch erkenntlich.

So war der Saal des Gästehauses der Reichswerke Salzgitter gut besucht, als der Jugendchor des Senders Leipzig zu einem Volks- und Kampfliederabend einlud. Fast alle Besucher standen ehrfurchtsvoll auf, als dabei die Nationalhymne der Ostdeutschen Republik intoniert wurde. Viele summten mit.

Manche kannten sogar den Text.

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