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Sind die Ehescheidungen schuld?

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aus DER SPIEGEL 18/1986

Die Misere auf dem Immobilienmarkt verhilft Winfried Aufterbeck aus Ratingen bei Düsseldorf zu einer einträglichen Existenz: Aufterbeck lebt von Zwangsversteigerungen.

Wo immer in der Bundesrepublik Wohnungen und Eigenheime unter den Hammer kommen, verkündet der Rheinländer die anstehenden Termine mit Angaben über die Objekte in seinem »Versteigerungskalender«, jeden Monat für 35,63 Mark, Mehrwertsteuer inklusive.

In diesem Monat hat er, unterteilt nach acht Regionen, insgesamt 4429 Immobilien auf seiner Liste. Auffallend ist der Trend in Bayern und Baden-Württemberg, jenen Bundesländern, denen angeblich die industrielle Zukunft gehört; dort gibt es bei den Pleiten Zuwachsraten von 30 bis 40 Prozent.

Bundesweit, so schätzt der Experte aus Ratingen, werden in diesem Jahr die Amtsgerichte mit rund 60000 Zwangsversteigerungs-Anträgen überschwemmt, 15 bis 2O Prozent mehr als im Vorjahr.

Viele Objekte gehen erst im zweiten, manchmal sogar erst im dritten Versteigerungstermin weg: Vorher wird einfach zu wenig geboten. So werden in diesem Jahr wohl gut 40000 Eigenheime und Wohnungen per Gerichtsbeschluß den Besitzer wechseln.

Daß sich Bauherren und Käufer finanziell übernehmen, das hat es auch in früheren Jahrzehnten schon gegeben. Doch Zwangsversteigerungen waren bis Anfang der achtziger Jahre selten. Wenn einer Zins und Tilgung nicht mehr aufbringen konnte, ließ sich das Häuschen mühelos verkaufen, oft sogar mit ordentlichem Gewinn.

Inzwischen aber ist, vor allem außerhalb der Großstädte, die Nachfrage so schwach, daß sich kein Käufer mehr findet. So bleibt nur noch die Zwangsversteigerung.

Schuld daran, behaupten die Banken, seien vor allem Ehescheidungen. Doch im vergangenen Jahr wies eine Studie nach, daß nur 20 Prozent der Zwangsversteigerungen auf Ehescheidung oder Arbeitslosigkeit zurückzuführen sind; die meisten Bauherren-Pleiten sind auf unsolide, manchmal auch betrügerische Finanzierungen zurückzuführen.

Viele, denen ihre Wohnung auf dem Amtsgericht genommen wird, sind auf den Spruch hereingefallen, daß Kaufen günstiger als Mieten sei. Sie haben sich von den trickreichen Finanzierungsplänen der Verkaufsprofis blenden lassen.

Schließlich erwarten die Immobilienfirmen, daß ihre Verkäufer »ergebnisorientiert arbeiten«,wie es beispielsweise der Fertighaus-Hersteller Zenker fordert. Und wenn Bausparkassen-Vertreter ihre Provision verdienen wollen, lassen sie sich auch etwas einfallen.

»DM 200000,- kosten mtl. 850,-Zins, warb die Leonberger Bausparkasse. Tatsächlich aber kassierte sie einen Effektivzins von 1267 Mark monatlich. Unerfahrene Kunden, die nur auf die optisch niedriggehaltene Anfangsbelastung achten, geraten nach Ablauf der Zinsfestschreibung in die roten Zahlen.

Kommt das Haus unter den Hammer, sind die Bauherren dann oft bis in ihr Lebensende verschuldet: Das Haus ist weg, und sie müssen dennoch Hypotheken von über 100000 Mark abstottern. Denn eine Zwangsversteigerung bringt nur ganz selten mehr als 70 Prozent des Verkehrswerts.

So halten auch die Zwangsversteigerungen die Immobilienpreise unten. »Wenn es die vielen Zwangsversteigerungen nicht gäbe«, meint der Krefelder Immobilienberater Bernd Heuer, »dann sähe der Markt anders aus.« _(Commerzbank in Hamburg. )

Commerzbank in Hamburg.

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