Sinkende Kreditzinsen Börsianer sehen Hoffnungsschimmer für Finanzmärkte

Erstmals seit Beginn der Finanzkrise gibt es Anzeichen einer Entspannung: Die Zinssätze, zu denen sich Banken untereinander Geld leihen, sinken deutlich. Experten sehen darin ein Signal, dass sich die Institute gegenseitig wieder vertrauen - ein Hoffnungsschimmer für die Börsen.

Hamburg - Milliardenschwere Rettungspakete, Anti-Zocker-Gesetzvorschläge, international abgestimmte Leitzinssenkungen: Seit dem Höhepunkt der Finanzkrise Mitte September haben Regierungen und Zentralbanken rund um den Globus ein wahres Feuerwerk an Maßnahmen gezündet, um die Ökonomien zu schützen.

Frankfurter Skyline: Zarte Anzeichen von neuem Vertrauen

Frankfurter Skyline: Zarte Anzeichen von neuem Vertrauen

Foto: DPA

Jetzt endlich, nach weltweiten Turbulenzen an den Börsen, zahlreichen Bankenpleiten und desaströsen Konjunkturprognosen, scheinen die Maßnahmen Wirkung zu zeigen. Erstmals gibt es Anzeichen für eine Entspannung am Interbankenmarkt.

Der Interbankenmarkt - mit dieser exotisch anmutenden Vokabel sind in erster Linie die Kredite gemeint, die sich Banken untereinander geben. Dieser gegenseitige Geldverleih ist für die Institute essentiell - nur durch ihn sind Banken weltweit stets flüssig und können ihren Aufgaben nachkommen, können Unternehmen Geschäfte finanzieren, Aktien kaufen und dafür sorgen, dass sich das Geld, das ihnen Anleger anvertraut haben, auf Konten, Sparbüchern und in Aktiendepots vermehrt.

Seit mit Lehman Brothers die viertgrößte US-Investmentbank pleite gegangen ist, war der Interbankenmarkt quasi lahmgelegt. Niemand hatte bis dahin damit gerechnet, dass die US-Regierung ein derart prestigeträchtiges Geldhaus in die Pleite stürzen lässt. Doch das tat sie. Und in der Folge wurde auf dem Interbankenmarkt das Geld knapp. Institute trauten sich gegenseitig nicht mehr über den Weg, liehen sich untereinander immer weniger Geld. Die Zinsen für gegenseitige Kredite stiegen und stiegen. Weitere Banken gingen aus Geldmangel pleite - die Vertrauenskrise verschärfte sich. Jetzt endlich, nach fast fünf Wochen Wirtschaftswahnsinn, scheint sich die Lage am Interbankenmarkt wieder ein wenig zu entspannen. Für das gegenseitige Vertrauen der Banken gelten die Zinssätze, zu denen sie sich Geld leihen, als zuverlässiger Indikator. Und diese Zinssätze sind in den vergangenen Tagen deutlich gesunken.

An der Wall Street sorgte am Montag die Zinsentwicklung der London Inter Bank Offered Rate (Libor) für Euphorie, genauer: der Zinssatz für Dollargeschäfte mit dreimonatiger Laufzeit. Dieser gilt als wichtige Referenz für Kredite, die sich Banken untereinander vergeben. Seit vergangenem Freitag ist er von 4,41 auf 4,05 Prozent gesunken.

Der Referenzzinssatz für Termingelder in Euro - der Euribor - entwickelt sich ähnlich. Am 9. Oktober stand er noch bei über 5,5 Prozent, seitdem sank er kontinuierlich und stand am 20. Oktober noch bei 5,14 Prozent.

Emil Gospodinov, ein Berater bei der European Banking Federation, erläutert, dass die deutliche Abnahme der Zinsen zum Teil durch geänderte Auktionsverfahren bedingt ist. Nach dem 9. Oktober habe die Europäische Zentralbank die Bedingungen für Kreditvergaben teilweise geändert. Kredite werden versteigert - interessierte Banken können sich den Zuschlag sichern, indem sie höhere Zinsen zahlen als Mitbieter. Je größer der Bedarf an Krediten war, desto höher fielen die Gebote aus - wodurch sich die Zinsen immer mehr hochschaukelten. Um dies zu vermeiden, seien nach dem 9. Oktober viele Kredite zu festen Zinssätzen vergeben worden.

Dennoch glaubt auch Gospodinov an eine allmähliche Entspannung am Interbankenmarkt. "Durch die Kombination aus staatlichen Rettungspaketen und möglichen weiteren Leitzinssenkungen haben die Banken die Chance, wieder Vertrauen zu fassen", sagt er SPIEGEL ONLINE. "Die Zinsen, zu denen sie sich Geld leihen, dürften weiter sinken."

Diese Hoffnung hat auch Jürgen Stark, Direktoriumsmitglied bei der EZB. Man sehe "eine leichte Verbesserung, eine leichte Entspannung" am Interbankenmarkt, sagte er im Deutschlandfunk. Von einem Durchbruch könne aber noch nicht die Rede sein. Die EZB müsse "durchaus eine Weile noch" verstärkt Liquidität in den Markt pumpen. Irgendwann müsse der Markt aber selbst wieder anspringen.

Thomas Hartmann-Wendels, Bankenexperte an der Universität Köln, sieht ebenfalls zarte Anzeichen für eine Entspannung. Allerdings betreffe diese Entspannung nur die Geldmärkte. "Die staatlichen Rettungspakete dienen vor allem dazu, systemische Risiken der Finanzmärkte zu stützen", sagte er SPIEGEL ONLINE. "Ungeachtet dessen werden die Banken weitere Abschreibungen hinnehmen müssen. Auch die realwirtschaftlichen Folgen der letzten fünf Wochen lassen sich nicht zurückdrehen." Weitere Turbulenzen an den Aktienmärkten seien daher nicht ausgeschlossen.

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