Zur Ausgabe
Artikel 16 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

BILDUNGSURLAUB So ein Quatsch

Die Arbeitgeber klagen, daß sich Bildungsurlauber »schöne Tage« machen. Gewerkschaften und Jugendverbände kritisieren, daß die Arbeitnehmer »Angsturlaub statt Bildungsurlaub« erhalten.
aus DER SPIEGEL 14/1981

Bildungsurlauber in Niedersachsen lernten so allerhand. Mal brachte ihnen die Volkshochschule Hannover in einwöchigem Kursus das Basteln von Puppen bei, mal unterwies die Landesjägerschaft sie im weidmännisch einwandfreien Fallenbau.

Auf Norderney übten Bildungswillige sich im Malen von Ikonen. Auf der Wattinsel Neuwerk lernten sie, sich in der Pantomime auszudrücken.

In Ganderkesee führten Volkshochschul-Dozenten Urlauber an die komplizierte Technik des Modelleisenbahnbaus heran. Und in Peine machte der Boxer-Club e. V. sie sogar mit der hohen Kunst vertraut, einen Boxer-Hund korrekt zu führen.

Malen und Mimen, Basteln und Bauen -- derart weitgespanntes außerberufliches Bildungsstreben ist Niedersachsens Arbeitgebern denn doch zu arg. »Es ist nicht einzusehen«, zürnt Jürgen Wolfslast, Geschäftsführer der Landesvereinigung Niedersächsischer Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände, »wenn man so einen Quatsch unter Bildungsurlaub laufen läßt.«

Bildungsurlaub schlägt nämlich unmittelbar auf die Unternehmer-Kasse durch: Nach dem »Niedersächsischen Gesetz über den Bildungsurlaub für Arbeitnehmer« kann ein Betriebsangehöriger innerhalb von zwei Jahren zehn Arbeitstage für Bildungsurlaub beanspruchen. In dieser Zeit muß die Firma den Lohn voll weiterzahlen.

Der Arbeitnehmer hat dabei nur nachzuweisen, daß er an Seminaren, Lehrgängen oder Reisen teilnimmt, die vom niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst als Bildungsurlaubs-Veranstaltung anerkannt sind.

Die Behörde wiederum hat alle Kurse und Studienfahrten als Bildungsurlaub einzustufen, die »der politischen, beruflichen und allgemeinen Weiterbildung« dienen. Und damit geht fast alles durch: Nur jede 400. Veranstaltung wird nicht als Bildungsurlaubs-Seminar oder -Reise anerkannt.

Verständlich, denn Veranstaltungen, so hatte selbst die Verbandsschrift »Arbeitgeberdienst« nach Einführung des Gesetzes im Januar 1975 eingeräumt, »die nicht der allgemeinen Weiterbildung dienen, sind schwer denkbar«. Immerhin war sich der »Arbeitgeberdienst« sicher: »Eine Kegelveranstaltung zum Beispiel dient nicht der allgemeinen Weiterbildung.«

Die Arbeitgeber täuschten sich über den Bildungswert des Kegelns. Im August 1980 etwa lief ein zehntägiger Lehrgang des Keglerverbandes Niedersachsen für Übungsleiter der Sparte Bowling als anerkannter Bildungsurlaub.

Bei solchen Lehrgängen werde zu 90 Prozent theoretisches Wissen vermittelt und nur zu zehn Prozent der Sport selbst ausgeübt, versichert Weiterbildungs-Referent Heinrich Keszeböhmer vom Wissenschaftsministerium. Den Arbeitgeber-Einwand, in Übungsleiter-Kursen für Kegeln, Skilaufen oder Segelfliegen stehe Erholung vor allgemeiner Weiterbildung, läßt er daher nicht gelten.

Noch mehr als über Sport- oder Hobby-Kurse, die als Bildungsurlaub anerkannt sind, ärgern sich viele Manager darüber, daß sie ihr Personal bei voller Lohnfortzahlung auch für Gewerkschafts-Seminare wie den IG-Metall-Lehrgang »Solidarität gegen Unternehmermacht« freistellen müssen.

»Da wird den Teilnehmern«, klagt Arbeitgeber-Funktionär Wolfslast, »doch nur beigebracht: So piesacke ich den Arbeitgeber besonders gut.«

Ein Ärgernis ist der Bildungsurlaub allerdings nicht nur für Chefs und Manager. Auch die Gewerkschafter sind reichlich unzufrieden mit einer Einrichtung, S.102 die ihrer Klientel eigentlich nur Gutes bescheren sollte.

Die Arbeitnehmer-Lobby wirft den Arbeitgebern vor, den Bildungsurlaub durch mehr oder minder offene Repressalien oftmals zu einem Zitterurlaub zu machen. »Viele nehmen aus Angst vor beruflichen Nachteilen keinen Bildungsurlaub«, klagt etwa Jochen Ruge, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft für politische Bildung »Arbeit und Leben« in Hamburg.

Belege für Unternehmer-Attacken gegen den Bildungsurlaub stellte der Hessische Jugendring in einer Dokumentation ("Angsturlaub statt Bildungsurlaub") zusammen.

Da wollten beispielsweise zwei Lehrlinge des Autohauses Wolff und Sohn in Groß-Gerau an einem Seminar des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend teilnehmen. Der Arbeitgeber lehnte dies unter »nderem mit der Begründung ab: Wir sind der Meinung, daß » » Jugendliche, die nicht aktiv in Jugendverbänden tätig sind » » und für die ein Kirchenbesuch ein unzumutbares Verlangen » » wäre, keineswegs an einem derartigen Bildungsurlaub » » interessiert sind. Sie wollen sich lediglich ein paar »schöne » » Tage« machen. »

Noch ungnädiger reagierte Bauingenieur Wilhelm Hertel aus Rimbach im Odenwald, nachdem ein Lehrling sich beim Stadtjugendring Darmstadt zum Bildungsurlaub angemeldet hatte. Der Lehrherr beschied den »eranstalter: Ich sehe daher nicht ein, daß 1. das Fachwissen noc« » mehr benachteiligt wird, 2. Sie sich das sozialistische Recht » » herausnehmen, nach kommunistischer bzw. » » nationalsozialistischer Art sich in die Ausbildung im » » Betrieb, in die Schule und in das Elternhaus einzumischen, 3. » » Sie sich in meine Eigentumsverhältnisse einmischen und 4. Sie » » ihren Sozialismus gegen die Freiheit verwirklichen wollen. »

Die hessischen Arbeitgeber sind dabei noch besser dran als ihre Kollegen in den meisten anderen Bundesländern, in denen es ein Bildungsurlaubsgesetz gibt: Während in Niedersachsen, Hamburg und Bremen auch fast ruhestandsreife Werktätige Anspruch auf Bildungsurlaub haben, steht dieses Recht in Hessen und Berlin nur Arbeitnehmern bis zum 25. Lebensjahr zu.

In Hessen, Berlin und Hamburg werden zudem nur berufliche und politische Weiterbildungsveranstaltungen anerkannt. Sich etwa lediglich im Photographieren oder im Musizieren fortzubilden, ist nicht erlaubt.

Daß Bildungsurlaubs-Willige häufig von ihren Chefs unter Druck gesetzt werden, läßt sich auch aus dem jüngsten Erfahrungsbericht des hessischen Sozialministeriums zum Bildungsurlaub schließen. Danach traten 1979 rund 900 Arbeitnehmer in Hessen ihren Bildungsurlaub trotz Anmeldung nicht an.

55 Prozent der Angemeldeten lieferten keinerlei Begründung für ihr Fehlen. In den übrigen Fällen wurden zumeist Freistellungs-Querelen mit dem Arbeitgeber als Grund angeführt. Viele, die gern mal bildungsurlauben würden, melden sich erst gar nicht an. So nahmen 1979 nur 6,2 Prozent der Anspruchsberechtigten in Berlin an einer Bildungsurlaubs-Veranstaltung teil.

In den anderen Bundesländern ist die Quote noch geringer. In Bremen nahmen 4,5 Prozent der Berechtigten ihr Recht auf Bildungsurlaub wahr, in Hessen drei Prozent, in Niedersachsen zwei Prozent, und in Hamburg -- wo die Landeskasse keinerlei Zuschüsse zu Veranstaltungen zahlt -- erweitert nur etwa jeder hundertste Arbeitnehmer durch Bildungsurlaub den Horizont.

Das Wiesbadener Sozialministerium schätzt die Bildungsurlaubs-Kosten für Hessens Arbeitgeber im Jahre 1979 daher auch nur auf 3,39 Millionen Mark -- oder 0,0045 Prozent des Bruttoeinkommens aus unselbständiger Arbeit.

Vor Einführung des Bildungsurlaubs im Jahre 1975 hatte die hessische Arbeitgebervereinigung noch mit jährlichen Kosten in Höhe von 227,5 Millionen Mark gerechnet.

S.102

Wir sind der Meinung, daß Jugendliche, die nicht aktiv in

Jugendverbänden tätig sind und für die ein Kirchenbesuch ein

unzumutbares Verlangen wäre, keineswegs an einem derartigen

Bildungsurlaub interessiert sind. Sie wollen sich lediglich ein paar

»schöne Tage« machen.

*

Ich sehe daher nicht ein, daß 1. das Fachwissen noch mehr

benachteiligt wird, 2. Sie sich das sozialistische Recht

herausnehmen, nach kommunistischer bzw. nationalsozialistischer Art

sich in die Ausbildung im Betrieb, in die Schule und in das

Elternhaus einzumischen, 3. Sie sich in meine Eigentumsverhältnisse

einmischen und 4. Sie ihren Sozialismus gegen die Freiheit

verwirklichen wollen.

*

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 87
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.