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FERIENWOHNUNGEN So gut wie umsonst

Geldanleger und Reiselustige können Eigentum an Ferienwohnungen wochenweise erwerben; die Verkäufer versprechen kostenlosen Urlaub und gute Rendite.
aus DER SPIEGEL 29/1982

Die Realeinkommen sinken, das Leben wird teurer - aber auf die Urlaubsreise, so scheint es, braucht niemand zu verzichten.

»Inflationssichere Ferien für immer« verspricht eine Münchner Firma. Durch eine einmalige Ausgabe, lockt eine andere Gesellschaft den Reiselustigen, »sichern Sie sich und Ihren Nachkommen den Urlaub für alle Zukunft«.

Mit solchen und ähnlichen Sprüchen wirbt inzwischen eine ganze Schar von Firmen - darunter auch Reise-Unternehmen wie Touristik Union International (TUI) - für den sicheren Urlaub durch eine neuartige Geldanlage. Das Geschäft mit Ferienhäusern und Appartements läuft nicht mehr so gut, also dachten sich findige Immobilien-Verkäufer einen anderen Weg zu den Konten ihrer Kunden aus: Sie verkaufen den Ferienbesitz wochenweise.

»Time-sharing« nennen sie das mit einem Begriff aus dem Computerjargon: Der Kunde kauft sich ein Anrecht auf zeitweise Nutzung einer Immobilie. Wer einen Zeitanteil von zwei Wochen für eine bestimmte Ferienwohnung erwirbt, darf Jahr für Jahr vierzehn Tage lang dort unentgeltlich logieren.

So ermuntert beispielsweise TUI die Kunden von Reisebüros, sich in die Kärntner Feriendörfer Seeleitn, Schönleitn und Kirchleitn einzukaufen und die »günstigen Bedingungen« des Time-sharing zu nutzen. Durch die einmalige Zahlung von 2500 bis 14 000 Mark - je nach Saison - erwirbt der Käufer das Recht, 50 Jahre lang eine der Ferienwohnungen in Kärnten jedes Jahr eine Woche kostenlos zu nutzen. Er wohne bis zum Jahr 2032 »so gut wie umsonst«, behauptet TUI-Direktor Manfred Marxen.

Viele Firmen versprechen den Käufern solcher Zeitanteile »permanente Wertsteigerung« ihres Scheibchenbesitzes. Sie verschweigen oft, daß nur Nutzungsrechte vermittelt werden, die vielfach schon nach 20 oder 50 Jahren automatisch und entschädigungslos entfallen.

Um Zweifel an der Seriosität der Anlage zu zerstreuen, versichern die Verkäufer, das Eigentum werde durch Eintragung ins Grundbuch gesichert. Im Fall der Pleite aber ist diese angebliche Sicherheit tatsächlich völlig wertlos.

Ludwig Bauer, Chef der IHC Inter Hotel Club Time Sharing AG, empfiehlt den Zeit-Besitz gar als »hochrentable Geldanlage mit steigenden Renditen«. Sein Rezept: »Durch Vermietung fließt das Geld bar wieder zurück.«

Das ist so gut wie unmöglich, denn zu vermieten sind Ferienobjekte im allgemeinen nur für wenige Monate, und das reicht nicht für eine Rendite. »In der Nebensaison«, warnt auch TUI-Manager Marxen, »ist die Chance einer Vermietung gleich Null.« Die Verwaltungs- und S.61 Betriebskosten der Ferienanlage oder des Appartement-Hotels aber laufen weiter. Die trägt, auch wenn die Wohnung leer steht, der Zeitbesitzer - in Seeleitn zur Zeit 130 Mark pro Besitzwoche.

Doch erst dann, wenn größere Reparaturen anfallen oder das verschlissene Mobiliar erneuert werden muß, merken viele Anleger, daß sie auf plumpe Werbetricks hereingefallen sind. Dann zahlen sie nur noch drauf.

Oft werden auf Kosten argloser Time-sharing-Kunden Hotels und Pensionen saniert, deren Bettzeug zu selten benutzt wurde.

Täglich, berichtet Leonhard Dörr, Geschäftsführer der Vacation Ownership International Ltd. GmbH, werde ihm ein marodes Hotel angetragen, das seine Gesellschaft in ihr Time-sharing-Programm aufnehmen soll.

Vor allem in Amerika, wo derartige Vertriebs-Firmen »wie Pilze aus dem Boden schießen«, meldet der Informationsdienst »kapital-markt intern«, würden Anlegern »vorwiegend Schrott-Immobilien« angeboten. Unverkäufliche Immobilien in Florida würden »unkundigen deutschen Anlegern aufs Auge gedrückt«.

Time-sharing indes, »die Immobilien-Idee made in USA« (Vacation Ownership), kommt in Wahrheit aus Berlin. Dort hatte 1958 der spätere Gründer der Schweizer Zeitbesitz-Firma Hapimag, Alexander Nette, das »Teilappartement« und den »kostenlosen Urlaub« im »Weltring« kreiert.

Ein Dutzend meist gerichtsbekannter Geschäftsleute verbreitete alsbald Nettes System mit Ferien-Fonds wie Interfer, Vacanza oder Suninvest ("Sonne in Privatbesitz").

Sie prellten Westdeutschlands gehobenen Mittelstand, darunter Ärzte, Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer, um rund dreißig Millionen Mark. Mitte der sechziger Jahre nahm sich die Frankfurter Staatsanwaltschaft der Sache an.

Die Verkäufertruppe, die jetzt neue Kunden sucht, rekrutiert sich aus IOS-Veteranen und Immobilienmaklern, aber auch Kosmetik- und Putzmittelhausierern sowie schlichten Glücksrittern. Ein überdurchschnittlicher Verdienst lockt.

Wer etwa für Ludwig Bauers Inter Hotel Club Paris zum Preis von 33 249 Mark ein Drei-Wochen-Appartement im Holiday Inn in Marbella verkauft, erhält 6648 Mark Provision. Das treibt, zum Schaden der Anleger, die Vertriebskosten in die Höhe - branchenüblich werden 35 Prozent des Gesamtpreises gerechnet.

Jede Ferienwohnung, so sucht Leonhard Dörr von Vacation Ownership in München die hohen Kosten und Preise zu begründen, müsse schließlich an 20 bis 25 Kunden einzeln verkauft werden. In Gebieten mit begrenzter Saison, oft nur 10 bis 15 Wochen, werde zudem der Preis höher angesetzt, weil der Anbieter die übrigen Wochen kaum verkaufen könne.

Wie geräumig da kalkuliert wird, belegt das Time-sharing-Hotel Wikings Inn bei Cuxhaven. Werden ganz nach Wunsch alle Wochen des Jahres verkauft, erhält der Hotelbesitzer für das winzigste Studio insgesamt 293 800 Mark, für ein größeres Appartement 615 400 Mark.

Auch das Kärntner Angebot der TUI ist keineswegs, wie Direktor Manfred Marxen meint, etwas »für Leute, die auf den Pfennig schauen«. Es scheint vor allem ein Fall für schwache Rechner.

In Seeleitn zum Beispiel bezahlen die Käufer, Woche für Woche übers Jahr addiert, für die Ferienwohnung im 30-Quadratmeter-Format 258 000 Mark. Das sind je Quadratmeter Wohnfläche 8600 Mark - dreimal soviel wie in guter Frankfurter Stadtlage. Das 77-Quadratmeter-Appartement bringt den Verkäufern 422 000 Mark.

Wer sich da einkaufen will, muß wohl eine ähnlich lässige Haltung zum Geld zeigen wie der lokale TUI-Partner Robert Rogner. »Geld«, erklärt der Villacher Bauunternehmer, »gibt mir persönlich nix.«

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