Software-Gigant im Umbruch Microsoft kämpft um sein Tech-Imperium

Erstmals seit 23 Jahren schließt Microsoft ein Geschäftsjahr mit einem Umsatzminus ab. Die Konzernspitze schiebt die Schuld auf die Krise. Doch in Wahrheit machen dem Konzern gewaltige Umwälzungen zu schaffen.

Hamburg - Im Silicon Valley und an der Wall Street gibt es derzeit eine Frage, die viele beschäftigt. Sie lautet: Wie schlecht geht es Microsoft wirklich? Wie unterschiedlich Analysten, Anleger und Tech-Experten diese Frage beantworten, lässt sich gut an zwei Statements zeigen.

Das erste stammt vom Konzernchef Steve Ballmer selbst. Er sagte kürzlich, dass es Microsoft ziemlich gut gehe - und dass die Weltöffentlichkeit 2010, nach Veröffentlichung der neusten Version von Microsofts Büro-Software Office raunen werde: "Wow, sie haben es mal wieder geschafft."

Das zweite Zitat stammt von Roger L. Kay, einem der weltweit renommiertesten PC-Analysten. Der sagte Anfang Juli der "Business Week", das römische Imperium sei 400 Jahre lang ein ziemlich angenehmer Ort zu leben gewesen. Der Software-Gigant werde es kaum auf diese Zeitspanne bringen. "Microsofts Imperium neigt sich zweifellos dem Ende."

Tatsächlich gibt es bei Microsoft derzeit Grund zur Sorge. Das zeigt schon ein Blick auf die Geschäftszahlen für das vierte Quartal, die der Konzern Donnerstagnacht veröffentlicht hat. Gewinn: minus 30 Prozent, Umsatz: minus 17 Prozent - für den erfolgsverwöhnten Tech-Imperator ein Desaster.

Auch das gesamte Geschäftsjahr, das bei Microsoft traditionell im Juli beginnt, ist unerfreulich: Der Umsatz fiel 2009 um drei Prozent auf 58,4 Milliarden Dollar, der Gewinn sackte um fast 18 Prozent auf 14,6 Milliarden Dollar ab. In absoluten Zahlen ausgedrückt sind das Einbußen von mehreren Milliarden Dollar, in Jahren ausgedrückt ist es ein dekadenschwerer Negativrekord: Erstmals seit dem Börsengang 1986 beendet der Tech-Gigant ein Geschäftsjahr überhaupt mit einem Umsatzminus.

Strukturwandel dringend geboten

Microsofts Finanzchef Christopher Liddell erklärt die miesen Zahlen vor allem mit der Weltwirtschaftskrise. "Unser Geschäft wurde von der Schwäche auf dem globalen PC- und Server-Markt negativ beeinflusst", sagte er am Donnerstag in der Konzernzentrale in Redmond.

Tatsächlich lähmt die Weltwirtschaftskrise das PC- und Server-Geschäft. Nicht nur in Deutschland erwarten Hightech-Konzerne am Markt das erste Umsatzminus seit dem Dotcom-Crash. Für Microsoft ist das tatsächlich ein schwerer Schlag. Werden weniger Rechner verkauft, brechen beim Softwarekonzern die Absätze der Windows-Betriebssysteme und der Office-Büroanwendungen ein - zwei Kerngeschäftsfelder geraten so in den Abwärtssog.

Dennoch sind die Zahlen mehr als das Ergebnis negativer Markteffekte. Viele andere IT-Riesen, die wie Microsoft stark vom PC-Markt abhängen, schlagen sich in der Krise bislang weit besser. Der Chiphersteller Intel   schrieb trotz milliardenschwerer Kartellstrafe nur leichte Verluste und übertraf damit die Erwartungen der Analysten. Der amerikanische Computerkonzern IBM   verbuchte einen leichten Gewinn. Apple   schaffte sogar ein Milliardenplus, hauptsächlich durch die explodierenden Absätze des Mobiltelefons iPhone, das das Unternehmen aus Cupertino von Computerverkäufen unabhängiger macht.

Schlechte Werte in mehreren Kerngeschäftsbereichen

Microsofts schlechte Ergebnisse haben neben der Krise zwei Hauptursachen: Erstens waren die letzten Kernprodukte wie das Betriebssystem Vista von so schlechter Qualität, dass die Verkäufe weit hinter den Erwartungen zurückblieben.

Zweitens hat sich Microsoft, anders als Apple, bislang noch nicht hinreichend aus seiner relativen PC-Abhängigkeit gelöst - dabei neigt sich die Ära der Rechenkisten unwiderruflich dem Ende. Das Internet wird immer mehr zur endgeräteübergreifenden Kommunikationsplattform, und mit diesem Wandel ändern sich die Nutzungsgewohnheiten rapide. Tätigkeiten, die früher am heimischen Rechner erledigt wurden, verlagern sich auf Netbooks, Blackberrys, iPhones oder digitale Lesegeräte wie das Kindle. Für Softwareentwickler wird es immer wichtiger, das ihre Anwendungen plattformübergreifend funktionieren, dass ein Nutzer etwa einen Text auf dem Heim-PC zu schreiben beginnt, unterwegs daran weiterarbeitet oder ein anderer Nutzer an einem anderen Rechner dies tut.

Beide Versäumnisse schlagen sich in der aktuellen Microsoft-Bilanz nieder:

  • Die Client-Sparte (alle Windows-Systeme für Desktop- und Notebook-Rechner) verbuchte im vierten Quartal im Jahresvergleich einen Umsatzrückgang von rund 4,36 Milliarden auf 3,1 Milliarden Dollar. Der operative Gewinn sank von 3,25 Milliarden auf 2,16 Milliarden.
  • In der Business-Sparte (Office- und Business-Software) sank der Umsatz von 5,26 auf 4,56 Milliarden, der operative Gewinn von knapp 3,36 auf 2,81 Milliarden.
  • Im neuen Markt der Online-Services konnte Microsoft bislang kaum Fuß fassen: Im vergangenen Quartal musste der Konzern sogar einen Umsatzrückgang von 837 auf 731 Millionen US-Dollar hinnehmen.

Kampflos will Microsoft sein Imperium dennoch nicht aufgeben. Der Konzern will sich in den kommenden Monaten stark umstrukturieren - er plant monumentale Umwälzungen. Ob der Wille zum Kampf allerdings ausreicht, ist nicht gesagt.

Wie Microsoft Office modernisieren will - und warum Windows 7 den Konzern vielleicht nicht retten kann

Ein Hoffnungsschimmer für den Riesen aus Redmond ist die Qualität seiner neuen Produkte. Die viel kritisierten Mängel scheint der Konzern durch eine neue Firmenpolitik  in den Griff bekommen zu haben. Nach dieser arbeiten nun immer zwei Programmierer an derselben Aufgabe: Der erste schreibt den Computercode, der zweite kontrolliert ausschließlich die Fehler seines Partners.

Die Strategie scheint zu funktionieren: Plötzlich bringt der Konzern eine Reihe von Produkten heraus, die in der Fachwelt Beifall finden, unter anderem die Suchmaschine Bing und das Betriebssystem Windows 7.

Kann Windows 7 Microsoft wirklich retten?

Vor allem in letzteres setzt Microsoft große Hoffnung: Es soll zur neuen Cash Cow werden und die Gewinneinbußen, die durch Windows Vista entstanden sind, wieder wett machen. Ob das tatsächlich funktioniert, ist allerdings zweifelhaft. Zwar war eine billige Vorabversion des Betriebssystems rasend schnell ausverkauft. Der PC-Markt aber dürfte nach der Krise nicht mehr derselbe sein.

Das größte Wachstumssegment im PC-Markt sind die sogenannten Netbooks, also abgespeckte Laptops. Die aber bieten für Windows 7 gerade keine Wachstumsperspektiven. Betrieben werden sie meist mit Windows XP oder einem System des Windows-Konkurrenten Linux. Außerdem gewinnt laut einer Studie des US-Marktforschungsinstituts National Purchase Diary  am amerikanischen Edel-PC-Markt zusehends Apple die Oberhand.

Die größte Gefahr aber könnte dem neuen Windows vom Rivalen Google   drohen, der für nächstes Jahr ein eigenes Betriebssystem unter dem Namen Chrome OS angekündigt hat. Noch ist ungeklärt, wie schnell dieses für Microsoft zum Risikofaktor wird. Google hat angekündigt, Chorme OS zunächst nur für Netbooks herauszubringen, und die Euphorie über den gleichnamigen Browser, mit dem Google Microsofts Internet Explorer Konkurrenz macht, ist nicht zuletzt aus datenschutzrechtlichen Bedenken schnell wieder verpufft. Dennoch ist Googles Chrome OS Microsofts Betriebssystemen in zentralen Punkten überlegen: Es ist gratis und befördert die Loslösung des Nutzers von einzelnen PCs so stark wie es kein Windows bislang getan hat.

Microsoft befeuert das Internet-Office

Auch im Bereich Büro-Software hat sich Google längst zur Bedrohung entwickelt. Hier macht der Suchmaschinenriese Microsoft bereits mit Gratisversionen von Anwendungen wie Word, Excel oder Powerpoint Konkurrenz. Auch diese funktionieren PC-unabhängig in der Wolke - so können mehrere Nutzer über das Internet zusammen an demselben Dokument arbeiten. Microsofts Office-Programme verkommen durch diese Konkurrenz "zur Dutzendware", wie es Michael Cusumano, Professor am Technologiezentrum Massachusetts, ausdrückt.

Kein Wunder also, dass Microsoft jetzt eine massive Aufholjagd startet. Office 2010, geplante Veröffentlichung zur Jahresmitte, ist ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit. Erstmals will der Softwareriese eine Gratisversion seiner Programme anbieten - werbefinanziert und mit eingeschränkten Funktionen. Und auch bei der Kaufversion von Office 2010 prüft Microsoft offenbar alternative Finanzierungsmodelle. Nach Angaben der "Business Week" sollen Nutzer die Programme mittelfristig im Monatsrhythmus pachten können.

Zudem erweitert der Konzern seine Dienste massiv in die Wolke - wie bei Google werden Word & Co endgeräteunabhängig. Das allerdings ist ein riskantes Unterfangen für den Software-Riesen. Denn noch nutzen weit mehr Kunden Office statt Googles Gratisdienste. Microsoft müsste sein Online-Office mit einer gewaltigen Infrastruktur hinterlegen - die Server-Kosten drohen da schnell aus dem Ruder zu laufen.

Schlechte Chancen im Suchmaschinenmarkt

Im immer wichtiger werdenden Online-Markt hat es Microsoft bislang nicht geschafft, Fuß zu fassen. Die Suchmaschine Bing wurde zwar von Kritikern gelobt, signifikante Marktanteile konnte sie aber bislang nicht gewinnen.

Im Kampf gegen Google verhandelt Microsoft daher noch immer mit dem Internet-Konzern Yahoo über eine Kooperation. In der Nacht zum Freitag sollte laut "Wall Street Journal" darüber die Spitze von Yahoo beraten - bislang ist dies nicht geschehen. Eine Übernahme von Yahoo durch Microsoft war im vergangenen Jahr spektakulär gescheitert.

Angesichts der vielen Unsicherheiten betrachtet die Börse Microsofts Neupositionierung derzeit mit gemischten Gefühlen. Weder Windows 7, noch die Verhandlungen mit Yahoo konnten den darbenden Aktienkurs signifikant heben auch die Ankündigung der Bing-Suchmaschine sorgte nur für ein kurzes Strohfeuer. Die schlechten Quartalszahlen drücken den Kurs nun wieder: Am Freitag brach der Aktienwert deutlich ein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.