Software-Konzern Weltspitze im Gespräch mit dem Rechner

Der Weg zum Weltmarktführer führt bisweilen über Umwege. Das Unternehmen Nuance begann einst mit der Produktion von Software zum Scannen von Texten. Jetzt ist es die Nummer eins unter den Sprachsoftware-Anbietern. Diesen Markt entdeckte das Management eher zufällig.
Von Gregor Honsel

Namen machen im größten Sprachsoftwarehaus der Welt oft eine seltsame Karriere. So mussten sich langgediente Mitarbeiter bereits dreimal an einen neuen Firmennamen gewöhnen: Gegründet wurde das Unternehmen 1992 als Visioneer, ab 1999 hieß es ScanSoft, seit zwei Jahren hört es auf den Namen Nuance.

Ganz anders so mancher Produktname: Eines der wichtigsten Produkte, eine Diktatsoftware für PCs, wurde schon von vier verschiedenen Herstellern vertrieben: Dragon Systems, Lernout & Hauspie, ScanSoft und nun eben Nuance. Der Produktname dagegen blieb gleich: "NaturallySpeaking".

Mit der jüngsten Umfirmierung aber sollte Schluss sein mit der Namenswirrwarr: Als großer Konsolidator hat Nuance den fragmentierten Markt für Sprachsoftware-Anbieter bereinigt und erfreut sich heute der unangefochtenen Marktführerschaft. Der aktuelle Name Nuance – übernommen von einem in der Branche bestens bekannten aufgekauften Unternehmen – dürfte also bleiben.

Die Wurzeln von Nuance liegen in einem Geschäft, das man nur mit viel gutem Willen als passend zur neuen Ausrichtung bezeichnen kann: Im Jahr 2000 war die damalige ScanSoft noch ein etablierter Hersteller von – wie der Name nahelegt – Scan-Software, genauer gesagt von OCR-Programmen (Optical Character Recognition), die Buchstaben von gedruckten Texten wieder in computerlesbare Zeichen verwandeln.

Dem Unternehmen mit Sitz in Peabody im US-Bundesstaat Massachusetts ging es gut, doch ihm fehlte die langfristige Perspektive: "ScanSoft hatte damals über 80 Prozent Anteil am OCRMarkt. Das Management hat sich gefragt, wo es noch attraktive Wachstumsmärkte gibt, in denen man das Wissen um Texterkennung einbringen kann", sagt Europa-Vertriebschef Peter Hauser. "Dann ist man auf Spracherkennung gekommen."

Die Gelegenheit war günstig: Der belgische Sprachkonzern Lernout & Hauspie, seinerzeit eines der europäischen Vorzeige-Softwareunternehmen, legte eine spektakuläre Pleite hin und wurde häppchenweise versteigert. ScanSoft gab als branchenfremdes Unternehmen mit bescheidenen 39,5 Millionen Dollar das höchste Gebot für das Filetstück, die Spracherkennungs- und Sprachsynthesesparte, ab. Zum Vergleich: Erst wenige Monate vor dem Zusammenbruch hatte sich Lernout & Hauspie seinerseits den renommierten Konkurrenten Dragon Systems einverleibt – für 460 Millionen Dollar.

Zum Schnäppchenpreis kam ScanSoft so im November 2001 in den Besitz der nach Expertenmeinung besten Diktatsoftware auf dem Markt sowie einem großen, über Jahre aufgebauten Fundus an einschlägigen Patenten. Die meisten Mitarbeiter von Lernout & Hauspie wurden übernommen, der Standort Belgien blieb erhalten. Nach diesem Muster ging es weiter. In den kommenden Jahren kaufte ScanSoft alles auf, was in der Sprachbranche günstig zu haben war. Im Oktober 2002 wurden Teile der Sprachsparte von Philips für 35,4 Millionen Dollar übernommen. Im August 2003 kam der US-Konkurrent SpeechWorks für 132 Millionen Dollar dazu. Im Laufe des Jahres 2004 wurden nicht weniger als fünf Sprachtechnologiefirmen aufgekauft. Im September 2005 landete ScanSoft dann einen entscheidenden Coup: Es schluckte für 221 Millionen Dollar den wichtigsten Konkurrenten und Sprach-Pionier Nuance – natürlich inklusive des gut eingeführten Namens.

ScanSoft steht jetzt wieder als Produktname für die ursprüngliche Dokumenten-Software. Auch wenn ScanSoft-Chef Paul Ricci nach der Übernahme von Lernout & Hauspie nicht müde wurde zu betonen, wie groß doch die Synergien zwischen dem Scan- und dem Sprachgeschäft seien (beides hat etwas mit Erkennung zu tun und findet im Büro statt), ist das ursprüngliche Kerngeschäft nur noch eine Nische im Konzern, mit einem Anteil am Umsatz von rund 19 Prozent. Im Sprachbereich misst sich Nuance nun mit Microsoft und IBM als wichtigster verbliebener Konkurrenz.

"Wir gehen pragmatisch vor und suchen nach Übernahmekandidaten zu einem fairen Marktpreis", umschreibt Richard Mack, bei Nuance zuständig für Investor Relations, die Strategie. "Fair" ist hier vorsichtig mit "definitiv nicht überbewertet" zu übersetzen: Den Sprachsoftware-Anbietern steckte Anfang des Jahrzehnts nämlich nicht nur, wie der gesamten IT-Branche, das Platzen der Hightech-Blase in den Knochen.

Auch die Sprachtechnologie an sich blieb immer wieder hinter den Erwartungen zurück. Statt als das "nächste große Ding nach dem Internet" durchzustarten, mussten viele technisch gut aufgestellte Unternehmen von der Hand in den Mund leben. Bis ihnen die Luft ausging und ScanSoft kam. Finanziert wurden die Shoppingtouren durch Aktien und Bargeld. Für die Nuance-Übernahme wurden neue Aktien ausgegeben. Die Aktionäre, zu 85 Prozent institutionelle Anleger, ließen sich nach Angaben von Mack davon überzeugen, dass der Zugewinn durch die Übernahme für sie größer sei als der Verlust durch die Verwässerung ihrer Anteile. Für die größte Übernahme in der Firmengeschichte, der Kauf des Medizin-Spezialisten Dictaphone für 359 Millionen Dollar im Februar 2006, griff Nuance dann aber nicht mehr auf eigene Aktien zurück, obwohl sich deren Kurs seit einem Zwischenhoch Ende 1999 nahezu verdoppelt hatte.

Stattdessen finanzierte Nuance die Akquisition vollständig über Kredite. "Wir hätten vorher auch schon entsprechende Kredite bekommen können, aber nicht zu unseren Vorstellungen. Bei den aktuellen Konditionen macht es aber mehr Sinn, Zukäufe über Banken als über eigene Aktien zu finanzieren", sagt Mack. Die Historie von gelungenen Übernahmen habe die Bankkonditionen "sicherlich verbessert".

Doch wie schafft es ein Unternehmen, in so kurzer Zeit so viele neue Segmente, Software und Produkte zu verdauen? Vertriebschef Hauser widerspricht dem naheliegenden Verdacht, dass sein Unternehmen vor allem den Markt leer kauft, um sich aufkommende Konkurrenz vom Leibe zu halten: "Alles, was dazu gekauft wurde, wurde auch in die entsprechenden Produktlinien integriert." Generell achte das Unternehmen aber darauf, die Kultur der jeweiligen Übernahmen im Konzernverbund zu erhalten: "Wenn Sie zum Beispiel in unser Aachener Büro kommen, werden Sie feststellen, dass dort noch eine Philips-Kultur herrscht."

Nun ist Nuance dafür aufgestellt, eine alte Mauer in der Sprachtechnologie einzureißen – die zwischen sprecherabhängigen und sprecherunabhängigen Erkennern. Nuance hat in beiden Bereichen führende Produkte. Sprecherabhängige Erkenner (Diktatsysteme) laufen auf PCs und müssen vom jeweiligen Nutzer auf die eigene Stimme trainiert werden. Sprecherunabhängige Systeme laufen auf den Servern von telefonbasierten Dialogsystemen, haben geringere Anforderungen an die Rechenleistung, verstehen aber auch nur einen kleineren Wortschatz. Der aktuellsten Version 9 des Diktatsystems "Naturally-Speaking" bescheinigen Tester schon ohne Training eine respektable Erkennungsrate. Das macht sich Nuance nun zu Nutze.

Hauser: "In den USA gibt es seit zwei Jahren eine Installation, da diktiert ein Arzt über ein Telefon auf ein NaturallySpeaking-System, das auf einem Server läuft. Zurzeit arbeiten wir daran, die Hardwareanforderungen zu reduzieren. Wir denken, dass wir ein solches System in den nächsten 18 Monaten auch auf dem europäischen Markt anbieten können." Das wäre auch insofern ein großer Schritt, da bisher nur über ein hochwertiges Mikrofon, nicht aber über das Telefon eine diktattaugliche Erkennungsgenauigkeit zu erreichen war. Mittelfristig können, laut Hauser so auch die Sprachdialogsysteme von Callcentern mit besseren Erkennern ausgestattet werden.

"Wir werden weiterhin auf Erwerb aus sein – und zwar technologisch wie geographisch", kündigt Mack an. Auch nach den beiden Mega-Mergern von Nuance und Dictaphone hält das Unternehmen die Taktrate hoch: Erst Anfang Dezember hat es sich mit der Übernahme von MobileVoice-Control zu einem noch nicht genannten Preis in den Markt der mobilen Sprachdienste eingekauft.

Der wichtigste Zukunftsbereich und gleichzeitig der jetzt schon größte Umsatzlieferant ist für Hauser das Gesundheitswesen. Rückgrat dieser Sparte ist mit Dictaphone – ganz nach Art des Hauses – wieder ein Zukauf.

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